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Aus: Ausgabe vom 17.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Elektronische Musik

Sieht aus wie 1980

Zuhören, mitmachen, lernen: In der Berliner Wuhlheide findet bis zum 18.9. die Messe zur elektronischen Musikproduktion »Superbooth« statt
Von Maximilian Schäffer
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Ein im Grunde primitiv konstruiertes Werkzeug: der modulare Synthesizer

Schneidersladen, Deutschlands Mekka für modulare Synthesizer und jegliches absurde Zubehör, sesshaft am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, hat eine Messe zur elektronischen Musikherstellung namens »Superbooth« (15.–18.9.) organisiert. Im Volks- und Waldpark Wuhlheide, ehemals Pionierpalast der DDR, mittlerweile FEZ genannt, verteilen sich Idealisten, Kleinunternehmer und internationale Großkonzerne zum akustischen Schwanzvergleich. In verschiedenen Räumlichkeiten der Haupthalle sowie Zelten und Bungalows des Außenbereichs sind die Aussteller nach Themenfeldern gruppiert. Einkaufen kann man auf der »Superbooth« glücklicherweise erst mal nicht, dafür zuhören, mitmachen, lernen.

Letzteres ist besonders nötig, weil ein Modulsynthesizer nun mal kein Glockenspiel ist. Dennoch hat Christian Günther alias GC Products so ein Kindergarteninstrument mit Tonabnehmern versehen und jagt die Klänge durch seinen selbst in Kleinserie hergestellten Ringmodulationsoszillator. Es fiept und hämmert. Im nächsten Zelt demonstriert die Audiowerkstatt aus Berlin praktische Lösungen zur MIDI-Synchronisation. Manchmal passiert es nämlich, dass die eigentlich unfehlbare Drum Machine aus dem Takt kommt, dann drückt man einfach den hier angepriesenen Resetter. Auch einen Step-Sequencer gibt es zu bewundern. Der steuert ohne Tastatur und völlig automatisch, repetitiv Tonhöhen und Tonlängen. So schön logisch aufgebaut, so stabil und minimalistisch, freut sich einer der Entwickler.

Solche Werkzeuge sind im Grunde primitiv konstruiert und existieren im Prinzip bereits seit vierzig bis sechzig Jahren. Die hier präsenten Manufakturen verstehen sich aber nicht unbedingt als Nostalgiker. Konstantes Debugging verhilft zu neuen Ansätzen in Schaltung und Bedienung. Was letztendlich zu originären Sounds oder weniger praktischen Problemen in der Live-Umgebung führt. Analog ist immer noch analog, auch wenn Hybridlösungen das Argument der intuitiven, haptischen Bedienung zunehmend obsolet machen. Herr Toussaint aus Enschede in den Niederlanden stellt als Einmannbetrieb Soundforce solche Controller-Lösungen her. Sieht aus wie 1980, fühlt sich auch so an, steuert aber moderne Software. Reich wird er damit nicht, gibt er glücklich zu, dafür bleibt dem Diplom-Ingenieur ein Leben im Hamsterkäfig erspart. Mit aktuellen Entwicklungen der Lieferketten auf dem Weltmarkt sieht sich das Startup Mayer aus Wien konfrontiert. Ihr Virtual-Analog-Synthesizer kann vorerst nicht in Serie gehen, weil entscheidende Bauteile schlichtweg nicht geliefert werden können.

Wer auf derartige Gadgets lieber verzichtet, kann sich auf der »Superbooth« auch über die neuesten volldigitalen Optionen für Aufnahme, Bearbeitung und Wiedergabe informieren. Digital Audio Workstations, kurz DAWs, gibt es mittlerweile haufenweise auf dem Markt. Durchgesetzt hat sich in den letzten zwei Dekaden besonders die Software »Ableton Live«, die die 90er-Standards »Pro Tools« und »Cubase« mit einem progressiven Ansatz verdrängte. Moderne Musiker wollen ihre Samples und Playbacks beim Auftritt flexibel nutzen, Tablets und Telefone einbinden, Effektgeräte synchronisieren, Loopstations manipulieren usw. Aus Berlin kommt die vierte Version von Bitwig Studio, ansässig in der Schwedter Straße, mit einem Team aus aktuell nur sieben Entwicklern. Ihre DAW ist der neue aufsteigende Stern am Markthimmel, sie läuft nativ auf den gängigen Desktop-Plattformen, sogar auf Linux. Gegenüber »FL Studio« (auch vor Ort), das nonlineare Flexibilität beim Sampling bietet und so einfach komplexe Beats herstellen lässt, ist bei Bitwig die Lernkurve bewusst flach gehalten. Herausragend ist die omnipräsente Hilfefunktion, die wirklich jeden Regler im Interface erklärt. So kann man sich beispielsweise einen virtuellen Modularsynthesizer zusammenstellen und an jedem Knopf schrauben, bis was rauskommt, das nicht nur klingt wie Furz.

Trotz eifriger Produktpräsentationen an jeder Ecke ist auffällig, dass man auf der »Superbooth« nicht ständig mit Digitalmarketing, inflationärem Hitproduzieren und Selbstinszenierung der Industrie belästigt wird. Selbstverständlich geht es mittelfristig ums Verkaufen. Die ganz großen Player haben sich deswegen eigene Areale eingerichtet. Synthie-Platzhirsch Moog betreibt ein eigenes Zirkuszelt mit Livekonzerten und kostenlosen Flummibällen, Massenmarktkonkurrent Korg verteilt gratis Kopfhörerstöpsel. In den Vordergrund drängt sich nichtsdestotrotz der Eindruck eines Community-Events, wo Interessierte bei Bier und Club-Mate sich am allgemeinen Geblubber erfreuen. Prominente blubbern auch mit: Yann Tiersen, dessen »Amélie«-Soundtrack jedes öffentliche Piano aushalten muss, eröffnete am Mittwoch mit einer Session. Am Samstag mittag spielt Kurt Dahlke alias Pyrolator ein Konzert auf der Seebühne. An allen Tagen gestaltet der Techno-Club Tresor das DJ-Programm. Hingehen.

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