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Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 2 / Inland
Tageszeitung

»Überregionaler Teil der Zeitungen wird austauschbar«

Vertriebserlöse der Tageszeitungen sind zuletzt leicht gestiegen. Die Zeitungskrise hält aber an. Ein Gespräch mit Klaus Meier
Interview: Kristian Stemmler
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Lichtblick im Einheitsbrei: Die gute alte junge Welt

Im Jahr 2050 könnte das Kulturgut Tageszeitung den 400. Geburtstag feiern. Als erste Tageszeitung weltweit gelten die Einkommenden Zeitungen aus Leipzig, da sie ab dem 1. Juli 1650 an sechs Tagen in der Woche erschienen. Wird die Zeitung in gedruckter Form bis zum Jubiläum überleben?

Fast 30 Jahre sind ein langer Zeitraum für eine Prognose, wenn Sie bedenken, was in den letzten 30 Jahren passiert ist. Unabsehbar sind vor allem technische Innovationen, die jegliche Vorhersage über den Haufen werfen. Wir können überhaupt nicht absehen, in welcher Form wir 2050 Nachrichten nutzen werden. Wer weiß, ob es dann überhaupt noch Smartphones gibt, so wie wir sie kennen – oder Endgeräte, die mit dem eigenen Körper, mit den Sinnesorganen noch enger verschmelzen. Kurzfristig gesehen bin ich überzeugt, dass es eine gedruckte Zeitung ein bis zwei Jahrzehnte auf jeden Fall noch geben wird. Aber ob sie dann noch täglich gedruckt und mit Lastwagen durch die Gegend gefahren und in Briefkästen gesteckt wird, ist zu bezweifeln, wöchentlich schon eher.

Die Zahl der verkauften gedruckten Tageszeitungen hat sich in 20 Jahren auf 12,5 Millionen im Jahr 2020 halbiert.

Vor knapp zehn Jahren habe ich eine Trendlinie der Auflagenzahl veröffentlicht, die 2033/34 die Nulllinie trifft. Ich wurde damals nicht selten verlacht – und zwischendurch dachte ich vor ein paar Jahren selbst, dass das zu pessimistisch ist und sich die Linie einpendeln wird. Aber die von Ihnen genannte Zahl für 2020 liegt exakt auf dieser Linie – und das heißt nichts Gutes für die gedruckte Tageszeitung. Tatsache ist aber auch, dass die Vertriebserlöse der Tageszeitungen in den vergangenen fünf Jahren leicht gestiegen sind, was bedeutet, dass es doch viele Zeitungsliebhaber gibt, die bereit sind, mehr Geld auszugeben.

Schuld an diesem Rückgang sind insbesondere auch Internet, Smartphones und Tablets. Online sind Nachrichten schnell verfügbar. Kehrseiten sind eine zunehmende Unübersichtlichkeit, Beliebigkeit, fehlende Standards und mehr »Fake News«. Ist das nicht eine Gefahr?

Dass wir guten Journalismus brauchen, ist unumstritten – die Frage, wie dieser Journalismus die Menschen am besten erreicht, ob gedruckt, gesendet oder digital, ist zweitrangig und ist stets im Wandel. Wir müssen uns mehr mit der Frage beschäftigen, wie wir exzellenten digitalen Journalismus, der die Menschen erreicht und umfänglich informiert, herstellen und solide finanzieren können – überregional wie lokal.

Haben die Auflagenverluste, gegen die bei den überregionalen Tageszeitungen nur die junge Welt mit Erfolg ankämpft, nicht auch damit zu tun, dass Inhalte beliebiger werden?

Der überregionale Teil vieler Zeitungen wird in der Tat in mancherlei Hinsicht austauschbar bzw. wird ja zwischen vielen Verlagen auch ausgetauscht. Für die Regionalzeitung ist der lokale Bezug, die Lebenswirklichkeit der Menschen in der Region der entscheidende Faktor für die Themen und die Aufbereitung.

Früh auf digitale Angebote gesetzt hat die Taz. Im August 2018 behauptete deren damaliger Geschäftsführer, Karl-Heinz Ruch: »Das Zeitalter der gedruckten Zeitungen ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter.« Stimmen Sie zu?

Na ja, das Zeitalter ist noch nicht zu Ende. Es wird auch nicht schlagartig für alle auf einmal zu Ende gehen: Es wird Zeitungen geben, die in ein paar Jahren aufgeben müssen, und andere, die sich noch länger gedruckt halten, weil sie eine Leserschaft haben, die das Gedruckte liebt und sich der Vertrieb noch länger rentiert. Ich schließe mich mit ein: Wir haben zwei gedruckte Tageszeitungen zu Hause – und das bei einer Vielzahl abonnierter digitaler Angebote.

Ein Vorteil der gedruckten Zeitung ist doch, sich der ungeordneten Nachrichtenflut zumindest temporär entziehen zu können. Sehen Sie das auch so?

Das »Always on«, das Verfolgen des Nachrichtenstroms zu jeder Tageszeit, aus Neugier und Langeweile, aber gepaart mit der Angst, etwas zu verpassen – das alles kann zu einer überhitzten Gesellschaft und zu getriebenen Menschen führen. Man scrollt und klickt und wischt – und fühlt sich doch irgendwie nicht zufrieden. Sich morgens bei einer guten Tasse Kaffee an den Tisch zu setzen, das Zeitungspapier aufzuschlagen, sich eine halbe Stunde zu vertiefen und dann beim Aufstehen das Gefühl zu haben, Themen in ihrer Vielschichtigkeit verstanden zu haben, sich durch einen guten Kommentar an- und oft auch aufregen zu lassen – ist das nicht wunderbar?

Klaus Meier lehrt ­Journalistik an der Universität Eichstätt-Ingolstadt

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin (19. September 2021 um 17:49 Uhr)
    Wunderbar an gedruckten Zeitungen ist auch, dass man sie zerknüllen, auf den Boden werfen und darauf herumtrampeln kann. Das ist mitunter Balsam fürs Gemüt!

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