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Aus: Ausgabe vom 17.09.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Das Korsett drückt

Es kriselt in Österreichs Fußballnationalelf. Kritik an Trainer Foda, weil er nicht wie RB Salzburg spielen lässt
Von Gabriel Kuhn
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Glückliche Tage aus der Vergangenheit: Österreichs Qualifikation für das Achtelfinale der EM

Im österreichischen Fußball gehen die Wogen hoch. Grund sind die Leistungen des Nationalteams der Herren. Dabei gab man sich vor zweieinhalb Monaten noch zuversichtlich. Das Team spielte bei der EM passabel, im Achtelfinale gegen Italien sogar richtig gut. Dem späteren Titelträger musste man sich erst nach Verlängerung mit 1:2 geschlagen geben. Inzwischen hat jedoch die Realität der WM-Qualifikation das Team wieder eingeholt. In einer Gruppe ohne Hochkaräter liegt man nach zuletzt blamablen Leistungen – einem 2:5 in Israel folgte zu Hause ein 0:1 gegen Schottland – nur auf Rang vier. Tabellenführer Dänemark ist enteilt, die Chancen auf Platz zwei sind nur noch theoretischer Natur. Drei Punkte hinter Österreich lauern auf Platz fünf die Färöer.

Das österreichische Herrennationalteam wurde in den letzten Jahrzehnten nicht von Erfolgen verwöhnt. Insofern ist die gegenwärtige Situation nichts Besonderes. Doch die Fußballöffentlichkeit ist überzeugt, dass der zur Verfügung stehende Kader der beste seit mindestens einem halben Jahrhundert ist. Womit wir beim Kern des Problems wären: der Arbeit des deutschen Teamchefs Franco Foda. Er bestritt mehr als 300 Spiele in der deutschen Bundesliga, die meisten für den 1. FC Kaiserslautern und Bayer Leverkusen. Zweimal spielte er für die deutsche Nationalmannschaft. Seine Karriere ließ er bei Sturm Graz ausklingen. Dort übernahm er 2006 auch das Traineramt. 2011 führte er die Grazer zum Meistertitel, sein größter Erfolg. Das Amt des ÖFB-Teamchefs übernahm er 2017, nachdem der Schweizer Marcel Koller nach verpasster WM-Qualifikation keinen neuen Vertrag erhielt. Die Begeisterung hielt sich schon damals in Grenzen. Nun ist Fodas Beliebtheitswert an einem neuen Tiefpunkt angelangt. Die Niederlage gegen Schottland wurde von »Foda raus«-Rufen begleitet, und es gibt kaum noch Journalisten, die ihm den Rücken stärken.

Die Hauptkritik an Foda ist, dass er dem Team ein taktisches Korsett überstreift, das nicht zu den Spielertypen passt. Hier kommt ein Argument ins Spiel, das vielen Fußballfans die Zornesröte ins Gesicht treibt, sportlich jedoch seine Berechtigung hat. Red Bull Salzburg, 2005 aus dem Traditionsverein Austria Salzburg hervorgegangen, hat den österreichischen Vereinsfußball revolutioniert. Das vom Getränke­hersteller zur Verfügung gestellte Budget übersteigt das der Konkurrenz bei weitem, mit der Scoutingabteilung und der Nachwuchsarbeit kann sich im Land niemand messen.

In knapp 15 Jahren hat sich RB Salzburg zu einem der führenden Ausbildungsvereine Europas entwickelt. 2017 gewann man nach Siegen über Paris Saint-Germain und den FC Barcelona die UEFA Youth League. Starspieler wie Sadio Mané oder Erling Haaland machten in Salzburg ihre ersten Schritte als Profi. Mit dem 19jährigen Karim Adeyemi steht gegenwärtig sogar ein deutscher Nationalspieler in den Reihen der Salzburger. Auch für Trainer ist der Verein ein wichtiges Sprungbrett. Nicht weniger als vier Coaches mit Salzburg-Vergangenheit arbeiten gegenwärtig in der Bundesliga: Oliver Glasner (Eintracht Frankfurt), Adi Hütter (Borussia Mönchengladbach), Marco Rose (Borussia Dortmund) und Jesse Marsch (RB Leipzig).

Es ist keine Überraschung, dass viele Stützen der österreichischen Nationalelf ebenfalls die Salzburger Schule durchliefen. Dazu gehören Stefan Lainer (Gladbach), Konrad Laimer (Leipzig), Martin Hinteregger (Frankfurt), Xaver Schlager (Wolfsburg), Marcel Sabitzer (Bayern) und Valentino Lazaro (Benfica Lissabon, ehemals Hertha und Gladbach). Alle sind mit der »RB-DNA« vertraut, die auf temporeichem Gegenpressing und Umschaltspiel beruht, ob in Salzburg, Leipzig oder anderen Vereinen des RB-Fußballimperiums. Daraus schließen nicht wenige, dass auch das Nationalteam so auftreten muss. Foda hingegen lässt ein altmodisches, defensiv ausgerichtetes System spielen. Wenn man es überhaupt als solches bezeichnen kann. Als Innenverteidiger Martin Hinteregger nach einem schmeichelhaften 2:0-Sieg in der WM-Qualifikation über das Gruppenschlusslicht Moldawien zum Matchplan befragt wurde, stellte er die lapidare Gegenfrage: »Was für ein Plan?«

Noch steht der Österreichische Fußballbund hinter Foda. Der hat einen Vertrag bis Sommer 2022 und der ÖFB wenig Geld. Es fehlen auch die offenbaren Alternativen. Trainer mit prestigeträchtigen Bundesligajobs werden diese kaum aufgeben, um ein kriselndes Nationalteam zu übernehmen. Dass Red Bull den österreichischen Fußball damit nach wie vor nicht vollständig kontrolliert, ist für so manchen ein positiver Nebeneffekt.

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