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Aus: Ausgabe vom 17.09.2021, Seite 15 / Feminismus
Fundis stoppen

»Blut, Kot und Glitzer«

Berlin: »What the Fuck«-Bündnis mobilisiert mit provokantem Motto gegen »Marsch für das Leben«
Von Gitta Düperthal
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Jedes Jahr aufs neue: Protest gegen den sogenannten Marsch für das Leben in Berlin (16.9.2017)

Das queerfeministische Bündnis »What the fuck« (WTF) ruft für diesen Freitag und Sonnabend unter dem Motto »Blut, Kot und Glitzer« dazu auf, gegen den »Marsch für das Leben« in Berlin zu protestieren. Seit 2002 formiert sich in der Weise die reaktionäre Bewegung der sogenannten Lebensschützer, in deren Reihen AfD-Politiker, christliche Fundamentalisten und Neonazis mitlaufen.

Die Sprecherin des WTF-Bündnisses, Ella Nowak, sagte am Mittwoch gegenüber junge Welt, den am »Marsch für das Leben« Teilnehmenden gehe es nicht nur darum, Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihre Körper abzusprechen sowie das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu verweigern. Allgemein versuchten die Rechten, »mit ihrem rückschrittlichen Diskurs in die sogenannte Mitte der Gesellschaft vorzudringen«. Man befürworte das Familienmodell »Vater, Mutter, Kind, alle weiß«. Das Mobilisierungspotential liege derzeit bei etwa 5.000 Leuten. Diese müssten von einem riesigen Polizeiaufgebot begleitet werden, um »krass abgeschirmt« durch die Stadt zu laufen, erläuterte Nowak.

Der Antifeminismus verbindet reaktionäre Strömungen, von der FDP und CDU/CSU bis zur AfD und außerparlamentarischen Ultrarechten, heißt es in einer Erklärung von WTF. Es komme vermehrt zu Hetze gegen Frauen und LGBTIQ (Englisch für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Personen sowie Queers). Bei den Akteuren des Marschs handle es sich um »gut vernetzte Personen mit demokratiefeindlicher Agenda, die sie mit aller Macht durchzusetzen versuchen«.

Allerdings habe die Szene sich zunehmend ins Aus katapultiert, erläuterte Nowak. Selbst die bürgerliche Presse habe keine Lust mehr auf deren reaktionäre Thesen. Auch deshalb, weil beispielsweise die AfD-Politikerin Beatrix von Storch in der ersten Reihe der Demo mitlaufe oder Teilnehmer Transparente mit den Holocaust verharmlosenden Aufschriften wie »Babycaust« mitführten. Da das nicht gut ankomme, nähmen verzweifelte Versuche zu, anschlussfähiger zu werden. Vertreterinnen wie Storch lasse man weiter hinten mitlaufen und verteile Schilder mit »harmloseren« Slogans. Der Marsch »Tausend Kreuze für das Leben« ist bis 2006 mit weißen Holzkreuzen durch die Stadt gezogen. Die würden als Symbol heute noch mitgeführt. Nun heiße es allerdings den eigenen Demonstranten gegenüber: »Auch wenn es euch noch so in den Fingern juckt, schlagt nicht mit Kreuzen auf Gegendemonstranten oder Journalisten ein.«

Dass die Antifeministen weniger wahrgenommen werden, sei auch das Verdienst von WTF. »Mit unseren Gegenprotesten haben wir es geschafft, dass sie kaum mehr in die Medien durchdringen«, erklärte Nowak. Dazu trügen auch eigene Slogans bei, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Gegenprotest lenken – beispielsweise »Wir sind die Perversen, wir sind euch auf den Fersen«, oder »Hätte Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben«.

Allerdings ist die Gegenbewegung verstärkter staatlicher Repression ausgesetzt. Nach der Blockade des »Marschs für das Leben« durch Feministinnen am 21. September 2019 sei die Polizei auf »die absurde Idee« gekommen, diese als Nötigung zu werten. In einer spontanen Aktion hatten sich Gegenprotestlerinnen in den reaktionären Zug gemischt, waren nach vorne gerannt, hatten sich dort hingesetzt und so die Demonstration gestoppt. Von insgesamt zwei Berufungsverfahren in diesem Zusammenhang ist bereits eins gelaufen: Das Urteil aus erster Instanz wurde bestätigt. Das zweite Verfahren ist für den 6. Oktober angesetzt, die Gruppe WTF mobilisiert zu einer Solidaritätskundgebung.

Das denkwürdige Motto »Blut, Kot und Glitzer« des diesjährigen Gegenprotests geht auf ein Zitat eines Polizeizeugen aus einem Prozess zurück, der unterstellte, damit sei bei dem Protest 2019 geworfen worden. Eine solch ausufernde Phantasie eines Beamten darüber, was Feministinnen vermeintlich alles so Ekliges täten, eigne sich bestens zur Selbstaneignung, so Nowak.

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