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Aus: Ausgabe vom 17.09.2021, Seite 2 / Inland
Berliner Krankenhausbewegung

»Wir streiken für die Zukunft«

Berlin: Ausstand in Krankenhäusern für »Tarifvertrag Entlastung« und TVöD für Beschäftigte von Klinik-Töchtern. Ein Gespräch mit Lisa Schandl
Interview: Simon Zamora Martin
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Entschlossener Arbeitskampf: Protest von Beschäftigten der Berliner Krankenhäuser Charité und Vivantes (14.9.2021)

Seit über einer Woche werden die Berliner Kliniken Charité und Vivantes von der Berliner Krankenhausbewegung bestreikt. Was ist das für eine Bewegung?

Es ist die größte, die Berlin je in dieser Art gesehen hat. Krankenhausbeschäftigte von Charité und Vivantes kämpfen zusammen mit den Vivantes-Töchtern für einen »Tarifvertrag Entlastung« – also mehr Personal an den Betten – und für den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes, kurz TVöD, für alle. Vivantes hat sogenannte patientenferne Tätigkeiten an Dutzende Tochterunternehmen ausgegliedert. Ältere Beschäftigte haben noch einen direkten Arbeitsvertrag mit Vivantes und werden nach TVöD bezahlt. Die Neuen bekommen manchmal nicht einmal den Vergabemindestlohn des Landes Berlin – in Unternehmen, die dem Land gehören! Wir stehen alle zusammen: als Hebammen, Pflegekräfte, Auszubildende, als Reinigungskräfte. Und vor allem als Fürsorgearbeitende. Deswegen auch größtenteils als Frauen, die wir gerade für unsere Zukunft und das Wohl unserer Patientinnen und Patienten einstehen.

Halten Sie den Krankenhauskampf auch für einen feministischen?

Die Pflege ist ein klassischer Fürsorgeberuf, und nach wie vor arbeiten vor allem Frauen als Krankenpflegerinnen. Unsere Arbeit wird als selbstverständlich betrachtet, und wir sind sozialisiert, uns für Pflegebedürftige, Kinder und Kranke aufzuopfern. Von einem Lächeln am Ende des Tages können wir unsere Familien nicht versorgen oder uns Zeit für Freunde nehmen. In Zeiten, wo die Babyboomergeneration alt wird und die Klimakrise immer mehr Kranke verursacht, können wir nicht mit Applaus abgespeist werden. Wir fordern in der Pflege mehr Zeit und Lebensqualität. Eine Kollegin von der Intensivstation sagte einmal: »Ich kann Tote wieder zum Leben erwecken. Ich habe Besseres verdient.«

Welche Erfahrungen machen Sie in der Ausbildung mit dem Personalmangel?

In der Praxis erlebe ich eine hohe psychische Belastung. Wir werden als Lückenfüller benutzt, kriegen unsere Dienstpläne nicht rechtzeitig zugestellt. Wir arbeiten ständig auf unterbesetzten Stationen und übernehmen Aufgaben, für die examinierte Pflegekräfte keine Zeit haben. Einer Frau nach einer Brust-OP das erste Mal den Verband abzunehmen und zu schauen, wie sie sich ohne Brust fühlt; oder sterbenden Menschen die Hand zu halten, ist nicht einfach zu verarbeiten und eine Verantwortung, die man im ersten Ausbildungsjahr nicht übernehmen sollte. Das kann jedoch ohne viel Anleitung durch die examinierten Pflegekräfte auf uns abgeschoben werden. In der Theorie prügeln wir uns Wissen rein und lernen, wie Pflege gut laufen sollte. In der Praxis können wir unserem Lernauftrag dann aber nicht nachkommen.

Wegen des Personalmangels in der Pflege fehlt die Zeit für Ausbildung von neuem Personal?

Wegen des krassen Personalmangels ist keine Zeit für eine Praxisanleitung. An Zeit, nach schlimmen Erlebnissen darüber zu sprechen, ist nicht zu denken. Für die Praxisanleitung sind zehn Prozent unserer Arbeitszeit auf Station vorgesehen. Am Ende des Praxiseinsatzes müssen wir einen Zettel unterschreiben, dass wir sie absolviert haben. Sonst werden wir nicht zur Prüfung zugelassen. Aber die Anleitungszeiten werden nie eingehalten. Die Klinikleitung ruht sich auf diesen Zetteln aus und benutzt sie jetzt auch, um unser Streikrecht einzuschränken.

Wie geschieht das?

Uns wurde gedroht, dass wir mit Fehlzeiten nicht zum Examen zugelassen würden. Aber das Recht auf Streik steht über irgendwelchen Prüfungsordnungen! Teilweise wurde Auszubildenden direkt mit Entlassung gedroht. Wir stellen uns dagegen und können immer mehr Auszubildende für den Streik gewinnen.

Wie blicken Sie als Auszubildende in die Zukunft?

Wir haben Azubis der Charité und Vivantes befragt: Nur 50 Prozent wollen nach der Ausbildung im Beruf bleiben. 75 Prozent sagen, dass der Beruf nicht mit Familie und Freizeit vereinbar ist. Diese Negativspirale wäre einfach umzukehren: Es gibt genug Pflegekräfte, die aus dem Beruf ausgestiegen sind oder in Teilzeit arbeiten. Hätten wir mehr Personal, würden wir eine bessere Ausbildung bekommen und könnten die Examinierten ent- statt belasten. Wir streiken für die Zukunft.

Lisa Schandl ist Krankenpflegerin in Ausbildung am Berliner Universitätsklinikum Charité und Teil der Tarifkommission der Berliner Krankenhausbewegung

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