Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 12 / Thema
Bildende Kunst

»… a bissel Anarchie is a ganz schee!«

Heute erscheint als erste plastische Sonderedition der jW-Kunstedition das »Porträt Erich Mühsam« von Anna Franziska Schwarzbach
Von Andreas Wessel
Schwarzbach-Foto Kopie.jpg
Die Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach im September 2019

»Durch die Türe tritt die ›Sensation‹ … der berühmte und gefürchtete Dichter und Privatrevolutionär Emil Brühwarm – Emil Brühwarm, der Gedichte, für die blöde Menge natürlich unverständliche Gedichte, macht, die sogar im Simplicissimus gedruckt sind, und dessen Schüttelreime man ebenso pikant findet wie seinen Haarwuchs und seine waschbedürftige Wäsche … Emil Brühwarm, der Dichter, ist Kenner. Er pafft die größte und dickste Zigarre der Kollektion und würzt den Kaffee mit einem Schluck Cognac und einigen saftigen Redensarten … Dann Emil Brühwarm, der Privatrevolutionär. Er redet Verse und schmiedet Epigramme und schüttelt Reime, einen nach dem anderen. Seine ganze Wut der ›Gesellschaft‹! Aus der Tiefe seiner Überzeugung und aus der Tiefe seines ehemals weißen Vorhemdes holt er das Ungeheure, das Vernichtende. Und er sprüht Geist und blühenden Witz und streift die aktuellen Fragen der Politik und die sich ewig gleichenden Probleme der Liebe. Und er freut sich, an den Grenzen der Unmöglichkeit zu wandeln. Seine Stimme wächst vor Zorn über die Menschheit und vor Lust über die Schamröte der Zuhörer.«¹ So beschreibt der Karikaturist und Chronist der Berliner Bohème Edmund Edel um 1907 das (hochwillkommene) Einbrechen einer gemischten Künstlerschar in einen bürgerlichen Gesellschaftsabend, dessen literarische Sensation unschwer als Erich Mühsam zu entschlüsseln ist.

»Der ist ein großer Schweinehund, / dem je der Sinn für Heine schwund«

Erich Mühsam, ein Leben: am 6. April 1878 in Berlin geboren, als Jude und Jungsozialist und Clownssketcheschreiber in Lübeck aufgewachsen, Apothekerlehrling und -gehilfe, freier Schriftsteller und Dichter in Berlin, Redakteur beim Armen Teufel, Kabarettist, Sexualaufklärer und früher Queeraktivist, Wanderdichter und Profischnorrer, Buchautor und Dramatiker in München, angeklagt der »Geheimbündelei«, Fixstern der Schwabinger Bohème, Gründer und Herausgeber einer Zeitschrift für Menschlichkeit (Impressumseintrag: »Die Beiträge dieser Zeitschrift sind vom Herausgeber. Mitarbeiter dankend verbeten«), Ehegatte und Stiefvater, politischer Agitator des Münchner Januarstreiks von 1918, Häftling in Traunstein, Ausrufer einer Revolution (am 7. November 1918), Revolutionärer Arbeiterrat, Mitbegründer der Münchener Räterepublik, verhaftet im SPD-Putsch, Hochverratsprozess, Festungshaft, KPD-Mitglied, Ex-KPD-Mitglied, Pazifist in Berlin, kämpft mit der »Roten Hilfe Deutschlands« gegen die Klassenjustiz, als Anarchist von der Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands wegen »KPD-Nähe« ausgeschlossen, tritt aus der »Roten Hilfe« aus, tritt aus dem Judentum aus, tritt in die »Anarchistische Vereinigung« ein, wird am 28. Februar 1933 verhaftet, 16 Monate in der »Schutzhaft« gequält, weigert sich, Selbstmord zu begehen, und wird am 10. Juli 1934 von SS-Bestien erdrosselt. Seine Frau Kreszentia, »Zenzl«, bringt den Nachlass nach Moskau in Sicherheit, verschwindet im Gulag, kehrt nach Stalins Tod in die DDR zurück und stirbt 1962. Mühsams Grab in Berlin-West kann 1987 vor der Einebnung bewahrt werden, seit 1992 liegt auch Zenzl auf dem Waldfriedhof Dahlem neben Erich. Was bleibt: Texte voll Liebe und Zorn, Lieder voll Hoffnung und Wut, schon 1917 vom blutjungen Ernst Busch interpretiert, heute von allen (roten) Spatzen gepfiffen.

»Von deutschen Dichtern lies am meisten / nur die so viel wie Mühsam leisten!«

»Wer hat denn den Mühsam angeschleppt gebracht? Du warst das, du singst den doch immer!« Anna Franziska Schwarzbach schaut ihren Mann Peter erwartungsvoll an: »Ich werd’ jetzt aber nicht singen.« Franziska schmunzelt: »Das sind ja Gassenhauer, fast Volkslieder, Arbeitervolkslieder, wo du mitsingen kannst. Wer hat denn den Mühsam bei uns gesungen? Bei uns, da mein ich: in der DDR. Ja klar, der Busch natürlich! – Der Thate, die Thalheim? Na, alle irgendwie.« Franziska zeigt mir die Mühsam-CD, die sie immer beim Modellieren gehört hat – und da hat sich auf der Rückseite ein Wachsrelief festgesetzt: »Der Weill klebt am Mühsam, aber er klebt wunderbar!«

Bis vor kurzem hat Franziska Schwarzbach die Arbeit am »kleinen Rund« abends beim Kerzenschein gemacht, nach dem »Gekloppe« an den großen Figuren. Jetzt ist um elf Uhr vormittags »Medaillenzeit«, derzeit während der täglichen Proust-Lesung im RBB Kultur. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. »Abends bin ich zu fertig, das Leben ist explodiert. Die eine Enkelin ist vier, und die neue ist jetzt auch schon sechs Monate alt. Da klingelt dann auch schon öfter mal das Telefon: Was gibt’s denn zu essen?« Franziska lacht auf, erzgebirgischer Witz: »›Och, ich hab’ mal schon vorgekocht.‹ – ›Na, was gibt’s denn bei dir?‹ – ›Na, nichts!‹«

Franziska blättert im CD-Beiheft. »Der ist einfach so ein geradliniger Kerl gewesen, immer für seine Ideen, nicht von seinen Ideen gelebt. ›War einst ein Anarchisterich, der hatt den Attentatterich.‹ Der Humor ist das Tolle daran!« Revolution, aber mit Humor – wenn auch oft einem schwarzen. »Hier, ›Der Revoluzzer‹, das haben wir gesungen, dass man revoluzzt und auch noch Lampen putzt, also nicht alles gleich kaputtmacht: ›Dann ist er zu Haus geblieben / und hat dort ein Buch geschrieben: nämlich, wie man revoluzzt / und dabei doch Lampen putzt!‹ Und: ›Sich fügen heißt lügen‹, ja, das ist auch wichtig. O Mann, ich muss es wieder mal hören!«

Wir betrachten die kleine Bronzeplatte, die nun mit der junge Welt-Kunstedition in die Welt hinausgeschickt werden soll. »Er ist ein bisschen verträumt bei mir, eigentlich war er ja auch ein Träumer.« Sie streichelt die frisch gewachste Oberfläche. »Und betrogen um so viele Jahre. Aber betrogen werden wir ja alle ständig. Diese Schicksale jetzt in Afghanistan. Im Prinzip hat sich nischt geändert, nur die Maschinerie ist a bissel anders geworden.«

123213.jpg
Der Gießer Roman Pecher

Das Mühsam-Porträt ist kein Auftrag, ich habe es bei der Zusammenarbeit für die fünfte Grafik in der jW-Kunstedition (»Fred und Karl in Paris«) in Franziskas Atelier ›entdeckt‹ und mich sofort verliebt. Franziska nickt: »Eigentlich habe ich mich damals mit dem Georg Elser beschäftigt, dem Hitler-Attentäter – es gab da eine Initiative für ein Elser-Denkmal in Berlin –, und dabei habe ich die Mühsam-Lieder gehört. Mich hat das sehr beschäftigt, der Mühsam ist ja gleich 34 umgebracht worden und auf fürchterlichste Weise, und mich hat das dann auch mit der Frau noch beschäftigt, weil: Die gehört ja auch zu ihm, mit dazu, das müsste man eigentlich alles mitgestalten, aber du kannst ja nicht so ein ganzes Leben in einer Medaille aufarbeiten. Mühsam war natürlich eine energievolle Person und wusste auch, was er wollte, klar Anarchist! ›A bissel Anarchie is a ganz schee‹, würde der Erzgebirgler sagen, aber wird nicht gern gesehen.« Es ist ja auch nicht einfach, in der bürgerlichen Gesellschaft als Anarchist zu überleben. »Ja, als so was zu leben, das ist anstrengend! Einfach ist, mit dem Strom zu schwimmen, aber schon, wenn du ein bisschen quer … Ach nee, das Wort will ich nicht mehr benutzen.«

»Den Menschen vieles gibt das Leben. / Doch nicht ein jeder liebt das Geben«

Also nein, Mühsam war kein Querschwimmer! Eher »der letzte Bohemien«, wie ihn unter anderem Fritz Erpenbeck genannt hat, aber was ist das eigentlich, ein Bohemien? An Julius Bab, der Anekdoten aus der Boheme sammelte, schrieb Mühsam am 18. August 1904: »Ein Bohemien ist in erster Linie Skeptiker, ein Mensch, der die Welt so fatalistisch wie nur denkbar ansieht, einer, der vom Leben nichts erhofft und der deshalb darauf los lebt mit der erhabenen Wurschtigkeit, die ihn dem bourgeoisen Geschäftstrotter gegenüber als Ausnahmewesen, als komischen Kauz erscheinen lässt … Den meisten von denen, deren Temperament und deren skeptische Kritik sie außerhalb der uniformen Geister stellt, steigert sich die Abneigung gegen die Kreise, aus denen sie hervorgegangen sind, mit dem Quadrat der Entfernungen. So kommt es, dass sich manche von ihnen – also wie ich! – vor aller Welt in das Lager der erbittertsten Gesellschaftsfeinde stellen und mit aller Macht gegen das Grundübel all der Widerwärtigkeiten im sozialen und individuellen Leben, den zentralisierten Staat, anzurennen suchen. (…) Was allen wirklichen Bohemiens gemeinsam ist, das ist das Sich-als-Künstler-Empfinden. (…) Denn soviel ist gewiss: Wer ein wirklicher Zigeuner ist, der weiß nicht, wohin sein Weg ihn führt – der setzt einen Fuß vor den anderen, dieses Ziel ist immer der nächste Schritt, und auch den tut er blind ins Leben hinein.« Nach Mühsams Auffassung war der Anarchist der bewussteste Bohemien.

Aber mit dem Anarchismus ist das halt auch so eine Sache wie mit jedem ideologisierten Ismus: Wie diszipliniert anarchistisch muss der Anarchist sein, um von anderen Anarchisten als echt anarchistisch anerkannt zu werden? Das Aufeinander-mit-dem Finger-zeigen-Spiel funktionierte offenbar auch in der Anarchoszene ziemlich gut. Mitanarchisten hielten Mühsam des öfteren vor, er verrate die selbsterkorenen Ideale des krassesten individualanarchischen Hedonismus, wenn er sich (wortwörtlich) bis aufs letzte Hemd ausziehe, um Bedürftigen zu helfen, sich für sie – oder noch schlimmer für politische Ideale – ins tagespolitische und -polemische Getümmel begebe! Mühsam antwortete darauf nur: »Ich habe bloß gesagt, jeder soll das tun, was ihm Vergnügen macht – und mir macht eben das Vergnügen!« Da mit Mühsam ein disziplinierter Anarchismus nicht zu machen war, wurde er konsequenterweise von wahren Anarchisten misstrauisch beäugt. Endgültig entlarvt wurde er vom Stirner-Adepten John Henry Mackay, der messerscharf schloss: »Sie sind gar kein Anarchist, Sie sind Kommunist!«

»Mit einem starken Schweden ringen / ist nicht so leicht wie Reden schwingen«

Wir beugen uns wieder über den bronzenen Mühsam. Wie lang sitzt du an so was? »Lang! Na ja, das kommt immer drauf an, manchmal geht was ganz schnell, manchmal zieht es sich. Der Mühsam ist fast so nebenbei mit entstanden, weil ich ihn in der Zeit ständig gehört habe, sonst hätte ich ihn gar nicht modelliert. Das ist für mich natürlich auch so eine Art Aneignung, so wie ich den Puschkin modelliert habe, weil ich einfach meinen Puschkin sehen wollte. Ich beschäftige mich dann schon ziemlich intensiv mit der Person. Manchmal haste ihn sehr schnell, und manchmal machste jahrelang dran rum. Fertig ist es eigentlich nie, ich höre dann irgendwann auf. Es geht ja auch nicht darum, etwas ›fertig‹ zu machen. Ich gehe, soweit ich kann. Ich hab’ ja diese Grundeinstellung: In der Kunst kannste nüscht richtig machen! Du musst mit dir zufrieden sein, und falls das jemand sieht, darfste nicht sagen: Da hab’ ich ja bloß geübt! Es muss dann auch in der Flüchtigkeit eine Existenzberechtigung haben. Dieser Mühsam, der ist ja sehr spontan entstanden, sehr flott aufgebaut gewesen. Und dann arbeiteste intensiv weiter, und dann kommt oft eine Unzufriedenheit, weil es zu konkret wird, und du fängst wieder von vorne an.«

Ich betrachte den Weill, der auf der CD-Hülle klebt: eigentlich nur ein fragiler, transparenter Wachsfilm, eher nicht das, was man sich unter einem plastischen Porträt vorstellt. »Ich zeichne mit heißem Wachs auf eine Glasplatte, deshalb nenne ich das auch ›meine Porträtscherben‹ – den Begriff möchte ich in die Kunstgeschichte einführen! Ich arbeite einfach auf Scherben, egal wie die aussehen, ganz kaputt oft. Ich zeichne mit dem Wachs, und meistens hat das dann schon eine Richtigkeit. Die Vorlage, nach der ich das mache, geht dann mit dem Wachs so eine Verbindung ein. Die Vorlage, ein Foto oder eine Zeichnung, die suche ich ganz bewusst, ich suche das Bild, von dem ich sage, das ist meins. Manchmal leg’ ich’s drunter, manchmal leg’ ich’s daneben und zeichne einfach so, und da entsteht schon eine Korrespondenz. Und dann kommt ein Punkt, an dem ich sage, jetzt guck’ ich nicht mehr auf die Zeichnung, jetzt will ich die nicht mehr sehen, jetzt ist das alles in meinem Kopf, und jetzt will ich nur noch das, was ich hier gemacht habe, sehen. Und wenn ich an so einem Punkt bin, dann mach’ ich mir erst einmal einen Zwischenabguss, dann leg ich die Glasscheibe zur Seite, mach’ mir ein Silikonnegativ, nehme mir davon wieder ein Wachs raus und arbeite an dem neuen Wachs weiter. Es kann passieren, dass bis zu zehn Silikonformen entstehen. Mit dem neuen Wachsabguss arbeite ich dann weiter, und das wächst dann so hoch, und irgendwann muss man aufhören.«

»Wie schade, wenn’s schon ein Erlebnis gibt, / dass man so selten das Ergebnis liebt«

123r2f.jpg
Bronzerelief von Anna Franziska Schwarzbach, »Porträt Erich Mühsam«, 2012, gegossen im August 2021 von Roman Pecher (Tschechien). Das Foto zeigt den Probeguss ohne Punze und jW-Signet

Und nun die Gretchenfrage: Medaille, Relief, Skulptur oder ›plastische Zeichnung‹, was ist unser Editionsobjekt? Franziska holt tief Luft. »Also, der Mühsam ist für mich nicht unbedingt eine Medaille, das ist erst einmal ein Porträt, vielleicht eben so ein ›Porträtscherben‹ oder ein plastisches Bild vielleicht, von der Größe her ist es ja eine Plakette.« Wonach richtet sich eigentlich die geplante Größe, sind es rein arbeitstechnische Gründe? »Da komme ich jetzt wieder auf die Medaille oder die Medaillenkunst, die hat immer etwas damit zu tun, dass du es in die Hand nehmen kannst, dass du es zumindest mit zwei Händen bequem halten kannst, nicht so ein schweres Ding, dann wäre es ein Relief. Mit einer Medaille kannste eben auch so spielen, und mit dem Porträt auf ’ner Medaille kannste dich so richtig unterhalten, weil auch das Licht immer so von verschiedenen Seiten kommt – denn es kommt so auf die Lichtverhältnisse an, welcher Ausdruck dann entsteht. Es gibt kein Kunstwerk, mit dem du so spielen kannst, und das gefällt mir. Deshalb ist die Medaille für mich etwas zum In-die-Hand-Nehmen. Der Mühsam ist jetzt eher nicht zum Streicheln, aber zum Quatschen, wenn man es in der Hand hält – oder seine Lieder mitsingt.«

Und jetzt geht er mit unserer jW-Edition in Serie! »Das finde ich auch irre, dass wir hier was machen, was es eigentlich noch nicht gab! Ich krieg’ zwar die Hucke voll, nicht von den Medaillensammlern, die sind froh, aber von den Machern, den Kollegen – ich untergrabe ja den Markt! Du sitzt an so ’ner kleinen Medaille halt oft viel länger als an so einem großen Porträt. Von den Sammlern glaubt ja keiner, wie lange ich an so einer Medaille sitze, das will keiner wahrhaben! Das soll auch nicht verwechselt werden mit irgendwelchen Prägemedaillen oder Geldmünzen, das hier ist ein kleines Kunstwerk!«

Jetzt müssen wir aber noch einmal den Entstehungsprozess der Editionsbronzegüsse erklären. Also, der letzte Zustand im Atelier ist ein Wachs? »Genau, ich hab’ den letzten Zustand zum Roman (dem Gießer, siehe Kasten) hingeschickt, und der hat davon eine Silikonform gemacht.« Wann hat der Porträtscherben eigentlich den ›Rahmen‹ bekommen? »Den Rand, den ›bewegten Rahmen‹, hab’ ich dann im letzten Wachs ergänzt, ich wollte das Porträt halt mal eingerahmt haben. Die Negativsilikonform gießt der Gießer wiederum mit Wachs aus, lässt es etwas erkalten und kippt wieder etwas Wachs raus, damit die Form an der Rückseite etwas hohl ist, das macht er für jeden einzelnen Bronzeguss. Und in diese Wachse hat er für mich auch das jW-Signum eingeritzt. Normalerweise wäre ich runtergefahren und hätte einzeln die Wachse signiert, aber diesmal wird jede Bronze hier in Berlin punziert mit einer fortlaufenden Nummer, und das Originalwachs ist ja signiert und datiert. An die einzelnen Wachsformen wird das Eingusssystem angebaut: ein Trichter, das Kanalsystem, über das die flüssige Bronze dann von unten in den Hohlraum einfließt, und überall noch Luftpfeifen, damit die Luft entweichen kann, wenn die Bronze in der Form hochsteigt. Bei kleinen Medaillen baust du mehrere zu einem ›Baum‹ zusammen, hier beim Mühsam macht der Roman wahrscheinlich ein Gusssystem für zwei Stücke. Das ganze Gebilde wird in Schamotte eingegossen, die Kiste mit der getrockneten Masse kommt dann kopfüber in den Ausbrennschrank, und das Wachs fließt aus.«

Daher heißt das ganze auch Wachsausschmelzverfahren oder schöner in Französisch »Cire perdue«, das »verlorene Wachs«. Nun liegt die ganze Kunst im Hohlraum. »Das brennt dann zwei Wochen langsam aus, es muss eben richtig trocken werden, und das dauert, dann wird die Bronze mit fast 1.000 Grad hier reingekippt, erkaltet, dann wird das abgekloppt und abgeflext, und dann haste diese Rohgüsse.« Die »rohen« Oberflächen haben durch changierende Anlauffarben der Gusshaut und die feine Bestäubung mit Resten der Schamotte­masse ihren eigenen Reiz. Franziska überlegt kurzzeitig, die Mühsame so zu belassen, entscheidet sich aber doch für eine klassische Patinierung. Dafür werden die Bronzen noch einmal erhitzt und in eine Silbernitratlösung getaucht, das Ergebnis ist sozusagen eine künstlich beschleunigte Oberflächenverwitterung, die eine Schutzschicht erzeugt. Das Ganze wird dann noch gewachst und ist fertig zum In-die-Hand-Nehmen, wodurch dann – nach und nach durch intensives Streicheln – an den erhabenen Stellen auch wieder der Goldton der Rohbronze zum Vorschein kommt.

»Wer dichten will, der täte gut, / er macht’ es so, wie Goethe tut«

Jetzt grübeln wir aber noch einmal über eine Definition. Franziska Schwarzbach ist ja nicht nur Macherin, sondern des öfteren auch Jurorin. »Definition wäre gut, ich hab’s auch schon versucht: natürlich alles, was in der Hand liegt, und die Breite muss schon ein Vielfaches der Höhe sein, sonst ist es eher eine Kleinplastik. Aber heutzutage wird ja alles Mögliche bei den internationalen Wettbewerben eingereicht. Es gibt so eine internationale Medaillenvereinigung, Fidem (Fédération Internationale de la Médaille d’Art) nennt sich die, die veranstaltet alle zwei Jahre so eine Art Olympische Spiele, bei denen alle Länder mitmachen. Die DDR war da immer sehr gut, damals wurde ja auch an den Hochschulen Medaille gelehrt, das gibt es jetzt nicht mehr … Eigentlich schade.« Franziska bewegt den Mühsam im schräg durchs Küchenfenster einfallenden Abendlicht. »Das ist schon richtige Bildhauerei, mein ausgefranstes Gelumpe geht ja eigentlich von dem Begriff der Medaille weg. Für mich ist wichtig, dass das Künstlerische auch einen Informationswert hat. Ich weiß nicht, wo es hingeht mit der Medaille – für mich ist es einfach Kunst.«

Anmerkung

1 Alle literarischen Zitate, einschließlich der Mühsamschen Schüttelreime, aus: Wolfgang Teichmann (Hg.): Erich Mühsam. Zur Psychologie der Erbtante. Satirisches Lesebuch 1900–1933, Eulenspiegel-Verlag, Berlin 1985

Die Künstlerin: Anna Franziska Schwarzbach …

… geboren am 21. September 1949 in Rittersgrün (Erzgebirge), aufgewachsen in Schwarzenberg, lebt als Bildhauerin und Grafikerin in Berlin. Studium der Architektur an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Selman Selmanagic, Architektin am Palast der Republik, seit 1977 freiberufliche Bildhauerin. Zahlreiche ihrer Werke stehen im öffentlichen Raum in Berlin, Lüneburg, Göttingen, Erfurt, Magdeburg, Merseburg, Essen, Halle u. a. Seit 1987 widmet sie sich intensiv der Medaille und wurde im letzten Jahr mit der J.-Sanford-Saltus-Medaille der American Numismatic Society ausgezeichnet, dem renommiertesten internationalen Preis für Medaillenkunst. Im Juni 2021 erhielt sie den Brandenburgischen Kunstpreis für Plastik.

franziska-schwarzbach.de

Kommende Ausstellung: »Anna Franziska Schwarzbach« im Kunstmuseum Moritzburg, Halle (Saale), coronabedingt verlegt auf 4. April bis 3. Juli 2022

Der Gießer: Roman Pecher …

… geboren 1965 im Böhmischen. Franziska Schwarzbach schreibt zu ihm: »Romans Eltern gingen mit dem dreijährigen Roman 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings nach Landshut/Bayern. Dort lernte er bei Slavko Oblak (1934–2021, Bildhauer, studierte bei Prof. Heinrich Kirchner, Kunstakademie München, Meisterschüler von Toni Stadler) das Bronzegießerhandwerk und arbeitete mit Oblak bis zu dessen Tod. Noch vor 1989 hat der damals 20jährige Roman Pecher mit meinem Vater (dem Bildhauer Hans Brockhage, jW) in der Nähe seiner Großmutter (bei Ostrov nad Ohri) Bronzegussexperimente gemacht. 1992 eröffnete er eine eigene Bronzegießerei in Stara Voda in der Nähe von Marienbad. Es ist sehr weit von Berlin weg, aber ein Ausflug lohnt sich, zumal hinter der Gießerei das Schloss von Fürst Metternich ist mit einer riesigen Kunstsammlung und oben auf der Glatze des Kaiserwaldes sich die Jagdhütte von Kaiser Franz Ferdinand befindet, wo man für sechs Euro einen Fasan essen kann – Cola kostet jedoch auch soviel, tschechisches Bier ist billig.«

Schwarzbach hat auch andere Berliner Künstler an Roman Pecher vermittelt, u. a. goss er die »Rosa Luxemburg« von Rolf Biebl, die auf der jW-Terrasse steht.

Abbildungslegende

Die erste Sonderedition der jW-Kunstedition ist ein Bronzerelief von Anna Franziska Schwarzbach, »Porträt Erich Mühsam«, 2012, gegossen im August 2021 von Roman Pecher (Tschechien) im Wachsausschmelzverfahren, Maße: 16 x 11 x 0,6 cm, etwa 400 g, unten links: mit dem Punzierstempel nummeriert, unten rechts: im Wachs bezeichnet mit jW, am rechten Rand: im Wachs signiert und datiert, Auflage: 25 Exemplare, davon fünf Exemplare h. c.

Die Sonderedition der jW-Kunstedition kann für 280 Euro (plus Versandkosten) im jW-Shop unter https://www.jungewelt-shop.de bestellt werden. Die Bestellfrist endet am 30. September. Unter den Bestellern werden 20 Bronzen unter Ausschluss des Rechtsweges verlost

Andreas Wessel schrieb an dieser Stelle zuletzt am 10. Juli dieses Jahres über die siebte Grafik in der junge Welt-Kunstedition: »Paar am Strand« von Thomas J. Richter

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • »Die mistverpichten Präpipister töteln«, das war einst die Absic...
    23.11.2018

    Immergrün

    Ein Jahrhundertleben – vor dreißig Jahren starb der Dichter und Malik-Verleger Wieland Herzfelde
  • »Untergrundarbeit in der faschistischen Hölle«: Einleitungsrefer...
    14.05.2018

    Nicht schematisch arbeiten

    Über Konterrevolution und »Jusoslawien«: Ein Symposium zu Kurt Gossweiler
  • 26.03.2015

    Was wollt ihr eigentlich?

    In der Berliner Galerie Olga Benario erörtert Dr. Seltsam heute Erich Mühsams Schrift »Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat«

Regio: