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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 15 / Medien
Medienkampagne gegen Beijing

Alles andere als neutral

Studie zeigt: China-Berichterstattung in deutschen Medien gleicht »Propagandaoffensive«. Konstruktion des Feindbilds wird vorangetrieben
Von Jörg Kronauer
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Klarer Fall: Die BRD-Presse ist wenig differenziert und zudem vorwiegend von der Perspektive deutscher Interessen geprägt

Lesen bildet? Wer bisher dieser aufklärerischen Hoffnung angehangen hatte, sollte sich als nächste Lektüre vielleicht eine Anfang September erschienene Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung vornehmen. »Die China-Berichterstattung in deutschen Medien im Kontext der Coronakrise« lautet ihr Titel; in ihr wird untersucht, was von Januar bis August 2020 wissbegierigen Lesern in sieben deutschen Leitmedien so alles über die Volksrepublik erzählt wurde – von der Taz über die Zeit bis zu Springers Welt. Verfasst haben die Studie die emeritierte Sinologieprofessorin Mechthild Leutner sowie Jia Changbao und Xiao Minxing, die an der FU Berlin im Fach Sinologie promovieren. Das Ergebnis ihrer sehr detaillierten Analyse, die quantitative und qualitative Methoden kombiniert, überzeugt.

Bereits ein erster Blick auf die Inhalte der China-Berichterstattung zeigt der Studie zufolge: »Die Themenagenda ist insgesamt wenig differenziert und zudem vorwiegend von der Perspektive deutscher Interessen bestimmt.« Inhaltlich erfolgt dabei »quasi eine systematische ›Messung‹« der Volksrepublik an zumindest offiziell propagierten »westlichen Werten«; China wird oft als »das andere« skizziert, das »vielfach (…) als nicht gleichrangig dargestellt wird«. Wer darauf hofft, etwas über »die historische und aktuelle Komplexität der Konflikte« zu erfahren, in denen China innen- wie außenpolitisch steckt, wird in aller Regel enttäuscht. Statt dessen dominieren »negativ konnotierte Ausführungen«, die »bei nahezu allen Themen« anzutreffen sind; regelmäßig genutzt werden Topoi wie »Vertuschung« oder »Propagandaoffensive«, die, wie es in der Studie heißt, »immer wieder aufgegriffen werden und Negativassoziationen beim Lesepublikum hervorrufen«.

Man soll ja Dinge, die man behauptet, auch belegen. Die Autorinnen und der Autor haben deshalb unter anderem 181 Artikel analysiert, die sich mit der chinesischen Innenpolitik befassen. Es zeigt sich: 89 von ihnen bewerten die beschriebenen Vorgänge »kritisch«, 71 sogar »sehr kritisch«; zusammen sind das 88,4 Prozent. Die 17 neutralen Beiträge (9,4 Prozent) beziehen sich vor allem »auf konkrete Ereignisse« wie »die Verschiebung des Volkskongresses«; es ist ja auch nicht ganz einfach, solche dürren Fakten zu skandalisieren. Erstaunliche vier von 181 Beiträgen schaffen es, »China unter Berücksichtigung seines kulturellen Hintergrunds und der sozialen Realität ein(en) Eigenwert« zuzusprechen. Dass eine so konsequente Abwertung der Volksrepublik immer wieder auf Doppelstandards angewiesen ist, liegt nahe. Beispiel gefällig? Der Lockdown in Wuhan: »drastisch«, »drakonisch«, eine Verletzung der Menschenrechte. Erste Lockdowns in Europa, etwa in Norditalien? Nun ja – »drakonisch«, irgendwie schon auch »restriktiv«, aber doch halt notwendig im Kampf gegen die Pandemie, da muss man durch.

»Dominant« wird inzwischen, auch das ist ein Ergebnis der Analyse, die Darstellung Chinas als »Gefahr«. Dabei »werden Bedrohungsszenarien wiederbelebt«, heißt es in der Studie, die nicht nur aus antikommunistischen, sondern auch »aus kolonialen (…) Kontexten herrühren«. Insgesamt muss »ein verstärktes Aufgreifen von teils noch aus kolonialen Zeiten herrührenden Klischees und Stereotypen« konstatiert werden, wobei offen rassistische Ressentiments noch äußerst selten sind. Allerdings werden sie »auf subtile Weise in andere Klischees integriert«, etwa das »als ›eklig‹ konnotierte (…) Essen von Wildtieren«. Nebenbei, wer fungiert als Meinungsmacher in bezug auf Hongkong? Außer einigen Aktivisten aus der Stadt selbst insbesondere ein gewisser Chris Patten. Der war bis 1997 der letzte Gouverneur der britischen Kolonie Hongkong.

Fazit: »Die weitere mediale Konstruktion und Vertiefung des Feindbilds China« werde die »jetzt schon zu beobachtende skeptisch-ablehnende Haltung besonders der intellektuellen und politischen Elite gegenüber China (…) verstärken«, prognostizieren die Autorinnen und der Autor. In der Tat: Im Oktober 2020 meldete US-amerikanische Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center, inzwischen hätten 71 Prozent der Deutschen ein negatives Bild von China – 17 Prozentpunkte mehr als nur ein Jahr zuvor, so das Ergebnis der Umfrage. Es stimmt also: Lesen bildet; die Frage ist nur, was. Auf jeden Fall bildet das Lesen deutscher Leitmedien eine resiliente Heimatfront für den großen Machtkampf gegen ­Beijing.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Klaus G. (16. September 2021 um 19:54 Uhr)
    Herzlichen Dank für die Vorstellung einer äußerst interessanten Studie, die wissenschaftlich mit Fakten belegt, was einem aufmerksamen Beobachter der hiesigen Medienlandschaft, der über keine spezifischen methodischen Kenntnisse verfügt, eigentlich auch so nicht verborgen bleiben kann: Mit allen Formen der Diffamierung werden Staaten, die den Herrschaftsinteressen im Wege stehen, zu Feinden aufgebaut, die man später aus der Position des vermeintlich moralisch Überlegenen selbstverständlich auch mit militärischen Mitteln bekämpfen kann. Es ist kein Kavaliersdelikt, dessen sich sogenannte Journalisten in den Redaktionsstuben der Süddeutschen, der Welt und der Tagesschau schuldig machen. Es geht hier um die propagandistische Grundsteinlegung für zukünftige Angriffskriege. Es geht um die mentale Vorbereitung von Massenmord. Der Genozid infolge eines atomaren Krieges wird das, was in Auschwitz geschehen ist, noch um ein Vielfaches übertreffen.

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