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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Poussieren passé

Eine vergnügliche Nachhilfestunde in feministischem Flirten in Berlin-Neukölln
Von Markus von Schwerin
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Elena Schmidt als »mansplainender Hipster« (l.), daneben Valerie Oberhof

Seit das Berliner Prinzessinnengarten-Kollektiv nicht mehr in Kreuzberg, sondern in Neukölln gemeinschaftlich gärtnert, hat sich das direkt am Eingang der Hermannstraße gelegene Gartencafé als Freiluftspielort für Offtheaterproduktion etablieren können. Am Wochenende feierte dort »Are You Flirting With Me?« Premiere, das im Rahmen des »Draußenstadt«-Projekts entstand. In dem locker dargebotenen Lehrstück werden gängige romantische Annäherungspraktiken komödiantisch überspitzt und auf anregende Weise Alternativen sinnlicher Kontaktaufnahme aufgezeigt. Als historische Bezugspunkte für ihre Stückentwicklung nennen die Regisseurin Marlene Blumert und die Dramaturgin Tina Turnheim sowohl die antiken Oden der frauenliebenden Sappho als auch Ovids Ratschläge in dessen »Liebeskunst«. Schon vor über 2.000 Jahren empfahl dieser seinen Geschlechtsgenossen: »Wünscht sie es, nähere dich; doch entferne dich, wenn sie dir ausweicht: Kein anständiger Mensch drängt sich dem anderen auf.« Und die an Frauen gerichteten Empfehlungen hinsichtlich ihrer Mimik (»Lass rechts und links kleine Grübchen, und es bleibe der Zahn halb von der Lippe bedeckt«) können auch als Plädoyer gegen gekünsteltes »Lachen nach Vorschrift« und für die »eigene Grazie« ausgelegt werden.

Am Donnerstag und am Sonnabend gibt es noch mal die Gelegenheit, eine Nachhilfestunde in neuen Flirttechniken zu nehmen. Dabei lohnt es, schon eine halbe Stunde vor Beginn einzutreffen, um sich nach den 3G-Formalien einen der begehrten Bierbankplätze zu sichern und noch im Licht der Abenddämmerung das Programmheft zu Gemüte zu führen. Schon auf der zweiten Seite fallen fünf »Flirtregeln« ins Auge, in denen u. a. postuliert wird, dass ein Flirt »ergebnisoffen, frei von Verpflichtungen und nur für den Moment« sei. Wie schnell sich beim patriarchalen Poussieren Erwartungshaltungen und Gefühle einer Bringschuld einzustellen vermögen, zeigt sehr schön eine Szene, in der ein frisch ernannter Feminismusbeauftragter (Elena Schmidt) eine Arbeitskollegin (Valerie Oberhof) während der Mittagspause nicht zu Wort kommen lässt und ihr nach siebenminütiger Suada bescheinigt, eine tolle Zuhörerin zu sein. Sein siegesbewusstes Erfragen ihrer Telefonnummer mit einem klaren »Nein!« zu kontern – dazu fehlt der Bedrängten zunächst der Mut. Doch dank der Dea ex machina in Gestalt einer futuristischen Zauberfee (Priscilla Bergey) wird ihr vorgeführt, wie ein beherztes »No means no!« Wirkung zeigen kann. Und spätestens wenn der Auftakt von Mozarts kleiner Nachtmusik (»Nein-nanein-na-nananana-nein!«) intoniert und das Publikum eingeladen wird, auch bei den folgenden A-capella-Varianten bekannter Melodien in den »Nein!«-Chor mit einzustimmen, ist die anvisierte Interaktivität in vollem Gange.

Nächste Vorstellungen: 16.9. und 18.9.

https://kurzelinks.de/­AreYouFlirting

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