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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Abzocke

Zu hohe Zinsen kassiert

Niederländische Banken sollen Milliarden an Kunden zurückzahlen
Von Gerrit Hoekman
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Nach Verhandlungen mit dem niederländischen Konsumentenbund will ABN Amro 250 Millionen Euro an 200.000 Kunden zurückzahlen

Niederländische Banken haben für Kredite, Hypotheken und bei Kontoüberziehung jahrelang zu hohe variable Zinsen verlangt. Die Verbraucherschutzorganisation Qollect fordert nun von ING, Rabobank und ABN Amro, zwischen 4,2 und 16,7 Milliarden Euro an die Kreditnehmer zurückzuzahlen, berichteten niederländische Medien am vergangenen Wochenende.

»Variabler Zins bedeutet, dass die Zinsen, die Sie zahlen, steigen, wenn der Marktzinssatz steigt, und sinken, wenn der Marktzinssatz fällt«, erklärte der Anwalt Adriaan de Gier am vergangenen Freitag in der Tageszeitung Het Parool. Letzteres haben die drei niederländischen Großbanken offenbar regelmäßig missachtet und damit ihre Kunden um mehrere Milliarden Euro geprellt. Qollect will eine Sammelklage gegen die Geldinstitute anstrengen und sucht jetzt nach Geschädigten. »Falls keine freiwillige Entschädigung stattfindet, müssen sich die Banken vor dem Richter verantworten«, droht Qollect laut Het Parool.

Der Anwalt Adriaan de Gier aus Utrecht hat Qollect mitbegründet, um Konsumenteninteressen besser vertreten zu können. »Qollect arbeitet mit Verbrauchern zusammen, um ein Kollektiv zu bilden, das große Unternehmen nicht ignorieren können«, wirbt die Interessenvertretung auf ihrer Homepage und verweist auf zahlreiche Erfolge. De Gier mag durchaus hehre moralische Ziele verfolgen, ein selbstloser Robin Hood ist er allerdings nicht. Qollect ist kein gemeinnütziger Verein, sondern bietet eine Dienstleistung an, die am Ende wie bei jeder Anwaltskanzlei bezahlt werden muss. Im Erfolgsfall wird Qollect an der Schadensumme prozentual beteiligt. Zehn Prozent, wenn die Einigung außergerichtlich erfolgt, 20 Prozent, wenn sie vor Gericht erstritten wird, so die Onlinezeitung Accountancy Vanmorgen am Montag. Bei den Gewinnaussichten, so sie denn stimmen, ist es kein Wunder, dass Qollect und de Gier nicht warten, bis Klienten zu ihnen kommen, sondern aktiv nach ihnen suchen. »Es ist ein hartes Geschäftsmodell. Schadensfälle sind offenbar sehr lukrativ«, urteilte das niederländische Portal Homefinance am Montag.

Im Fall der Großbanken ist viel zu verdienen. Seit mindestens 2008 sollen sie die Zinsen nicht angepasst haben, wenn der Marktzins nach unten ging, zum Beispiel durch Entscheidungen der Europäischen Zentralbank. Das fand zuerst das niederländische »Klageinstitut Finanzielle Dienstleistungen« (­Kifid) heraus, eine Art Schlichtungsstelle zwischen Banken und Kunden. Nach der Expertise verhandelte der niederländische Konsumentenbund mit den beim Kifid angeschlossenen Banken über Schadenersatz.

Rabobank und ABN Amro willigten nach Verhandlungen mit dem niederländischen Konsumentenbund unlängst in eine Entschädigung ein. ABN Amro will 250 Millionen Euro an 200.000 Kunden zurückzahlen. Die Summen lägen je nach Kunde zwischen 50 und 1.750 Euro. Bis Ende 2022 soll die Rückzahlung über die Bühne gegangen sein. Rabobank will etwa 150.000 Kreditnehmer entschädigen. Es gehe dabei überwiegend um Beträge zwischen 100 und 200 Euro, sagte ein Sprecher der Bank am 3. August gegenüber der niederländischen Rundfunkanstalt NOS. Bei wenigen Fällen liege der Schaden jenseits von 1.000 Euro. Die Höchstsumme sei 1.750 Euro. Es wird erwartet, dass ING den beiden Konkurrentinnen bald folgen wird. Der Konsumentenbund zeigte sich zufrieden mit der außergerichtlichen Einigung. Sie sei ein Vorbild für die Gespräche, die noch mit Santander und Vesting Finance geführt werden sollen.

Qollect hält die Summe hingegen für lächerlich gering. Der Betrag, den ABN Amro veranschlagt, decke nicht einmal 15 Prozent des Gesamtschadens. Bis jetzt seien zum Beispiel Geschäftskunden gar nicht in die Rechnung aufgenommen. Kredite für Immobilien und Investitionen seien außen vor geblieben. Es gehe außerdem nicht nur um Bankkunden, sondern auch um Leasingverträge für Autos oder Inventar sowie um überzogene Kreditkarten. Insgesamt seien schätzungsweise acht Millionen Kunden betroffen, so de Gier bei Het Parool.

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