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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Spekulanten

Kontrollierte Sprengung

Pleite von chinesischem Immobilienkonzern Evergrande kein »Lehman-Brothers-Moment«. Beijings Regulierung des Finanzmarkts lässt Blase platzen
Von Simon Zeise
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Sparer in Wut: Polizisten müssen die Evergrande-Zentrale in Shenzhen schützen (13.9.2021)

Kleinanleger sind sauer. In der südchinesischen Stadt Shenzhen haben sich am Mittwoch den dritten Tag in Folge (siehe jW vom 15. September) Demonstranten vor dem Firmensitz des verschuldeten Immobilienriesen Evergrande versammelt. Ein Firmenvertreter habe den verärgerten Sparern statt Geld Wohnungen, Parkplätze oder Lagerräume angeboten, berichteten Demonstranten einer Reporterin von AFP.

Die Manager von Evergrande versuchen, ihre faulen Kredite vor dem Zahltag umzuschichten. Zum nächsten Bedienungstermin am 23. September werden knapp 84 Milliarden US-Dollar (71 Milliarden Euro) fällig. Ratingagenturen gehen mittlerweile bei einem Basisszenario von einem Schuldenschnitt von rund 75 Prozent aus. Anleihegläubiger würden demnach drei Viertel ihres Einsatzes verlieren, berichtete die Börsenzeitung am Mittwoch. Zwar müsse Evergrande erst im Laufe des kommenden Jahres fällige Anleihen ablösen, jedoch stünden in diesem Jahr noch Zinszahlungen über rund 670 Milliarden US-Dollar (570 Milliarden Euro) an.

Finanzanalyst Michael Every von der niederländischen Rabobank gab gegenüber Bloomberg TV zu bedenken, man müsse zwischen den Auswirkungen auf die Finanzmärkte und auf die Realwirtschaft unterscheiden. Wenn in China »freie Finanzmärkte« herrschen würden, gäbe es eine Art »Lehman-Brothers-Moment«, wie beim Platzen der Immobilienblase in den USA 2008. Der Schutzschirm der chinesischen Notenbank habe dies jedoch verhindert. Im August hatte der Staat bereits das auf faule Kredite spezialisierte Finanzunternehmen Huarong Asset Management aufgekauft, das mit umgerechnet 240 Milliarden US-Dollar an Verbindlichkeiten ebenfalls als Risiko für die Stabilität des chinesischen Finanzsystems gegolten hatte. Evergrande sei aus einer finanziellen Perspektive nicht systemrelevant, sagte Every. Auch die Ratingagentur Fitch hält eine Pleite von Evergrande für verkraftbar. Die Auswirkungen auf die Häuserpreise bei einem möglichen Zusammenbruch seien gering, zitierte Reuters am Mittwoch aus einer Fitch-Studie. Es sei davon auszugehen, dass sich die Regierung einschalten werde, um die Interessen der Haushalte zu schützen. Every erklärte jedoch, es stelle sich grundsätzlich die Frage, ob China weiter auf ein Wachstumsmodell setzen werde, das auf immer weiter steigenden Preisen für Immobilien- und andere Eigentumswerte basiere. Denn eigentlich ziele Beijings Strategie darauf ab, »mehr produktives und weniger fiktives Kapital« zu schaffen.

Um dies zu erreichen, muss überschüssiges Kapital umgeleitet werden. Die Krise um Evergrande ist ausgebrochen, weil die Regierung den Finanzmarkt umpflügt. Große Hightechkonzerne wie Alibaba haben in den vergangenen Jahren immer mehr Kredite zu günstigen Konditionen für Kleinsparer vergeben. Beijing hat mehrere Maßnahmen erlassen, die die Marktmacht der Monopole beschränken und die Regeln für die laxe Kreditvergabe verschärfen.

Nach Angaben der japanischen Investmentgruppe Nomura macht der Immobiliensektor ein Viertel der chinesischen Wirtschaftsleistung und die Hälfte des weltweiten Baugeschäfts aus. Trotz der finanziellen Notlage Evergrandes werde erwartet, dass sich der Immobilienmarkt des Landes stetig entwickeln werde, teilte das nationale Statistikbüro am Mittwoch mit. Einige große Immobilienunternehmen hätten Schwierigkeiten. Allerdings blieben »die Auswirkungen auf den gesamten Sektor abzuwarten«, sagte ein Sprecher der Behörde, wie China Daily am Mittwoch berichtete. Der Immobiliensektor insgesamt sei in diesem Jahr stabil geblieben, da »regulatorische Anpassungen eine unangemessene Nachfrage gedämpft und die Freisetzung einer angemessenen (Wohnungs-)Nachfrage sichergestellt haben«. Die chinesische Regierung will unter anderem mit einer Preisbremse mehr bezahlbaren Wohnraum in Städten schaffen. Die Mieten dort sollen künftig nur noch um maximal fünf Prozent pro Jahr steigen dürfen. Präsident Xi Jinping wird nicht müde zu fordern: »Häuser sind zum Wohnen da, nicht zum Spekulieren.«

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  • Leserbrief von norbert kallscheidt aus Friedrichroda (16. September 2021 um 03:54 Uhr)
    Stellt sich die Frage, warum ausgerechnet in China die krisenhaften Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschaftens nicht gelten sollen, wenn man dort ja auch kapitalistisch wirtschaftet, auch wenn die kommunistische Partei versucht, die Gesetzmäßigkeiten irgendwie zu umgehen, was dem Staat im übrigen noch nie so richtig gelang. Früher oder später wird es zur Immobilienblase kommen, und es wird auch Wirtschaftskrisen geben, denke ich, und eine Stagnation des Wachstums, das ja sowieso in der Klimakrise irgendwie altbacken wirkt.

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