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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 7 / Ausland
11. September 2001

Der Sicherheit wegen

Saudi-Arabien und 11. September: Erstes stark zensiert »freigegebenes« FBI-Dokument bleibt wenig aussagekräftig
Von Knut Mellenthin
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Ein New Yorker Feuerwehrmann fordert in den Trümmern des World Trade Centers Unterstützung an (15.9.2001)

Am 3. September ordnete US-Präsident Joseph Biden an, in mehreren Schritten eine Reihe bisher unter Verschluss gehaltener Dokumente »freizugeben«, die mögliche Verwicklungen Saudi-Arabiens in die Angriffe vom 11. September 2001 betreffen. Als erstes wurde am Sonnabend ein 16 Seiten umfassendes Memorandum der Bundespolizei FBI aus dem Jahr 2016 öffentlich gemacht, das allerdings durch zahlreiche Auslassungen kaum verständlich und wenig aussagekräftig ist. Laut Bidens Anordnung sollen nur solche Textstellen unlesbar bleiben, deren Offenlegung der »nationalen Sicherheit« schaden könnte. Davon gibt es offenbar sehr viele. Weitere Dokumente sollen spätestens nach 60, 120 und 180 Tagen »freigegeben« werden. Mit demselben stark einschränkenden Vorbehalt.

Seit den Angriffen 2001 auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington, D. C., wird über eine maßgebliche Beteiligung Saudi-Arabiens spekuliert. Belastbare Beweise für eine Schuldzuweisung, die vor Gericht Bestand haben könnten, fehlen jedoch noch immer. Nach wie vor gilt die Bewertung aus dem 2004 veröffentlichten Bericht des staatlichen Untersuchungsausschusses zum 11. September, es seien »keine Beweise gefunden worden, dass die saudische Regierung als Institution oder hochrangige saudische Funktionäre als Individuen« die Angriffe finanziert hätten. Der Ausschuss schloss aber nicht aus, dass sogenannte Wohltätigkeitsorganisationen mit Verbindungen nach Saudi-Arabien der hinter den Attacken stehenden Gruppe Geld zur Verfügung gestellt haben könnten.

Der öffentliche Druck, alle Ermittlungsergebnisse und Erkenntnisse zu diesem Thema uneingeschränkt und unzensiert verfügbar zu machen, geht hauptsächlich von großen und mächtigen Anwaltskanzleien aus, die seit 20 Jahren Tausende Opfer oder deren Angehörige vertreten. Sie genießen politischen Rückhalt bei Abgeordneten und Senatoren beider Kongressparteien. Im Zentrum steht der Streit um Entschädigungsansprüche an Saudi-Arabien in einer gigantischen Dimension.

Schon im Jahr 2003 beliefen sich die Forderungen der bedeutendsten Sammelklage auf insgesamt mindestens eine Billion US-Dollar. Das entspräche beim aktuellen Wechselkurs 850 Milliarden Euro. Heute liegt die Summe inflationsbedingt erheblich höher. Sollte es jemals zu einer Verurteilung kommen, würde sofort das gesamte saudiarabische Privat- und Staatsvermögen in den USA beschlagnahmt. Wenn Riad argwöhnen müsste, dass so etwas bevorsteht, würde es sämtliche Anlagen aus den Vereinigten Staaten abziehen lassen. Die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend. Daraus resultiert die hochgradige Entschlossenheit aller US-Regierungen, ein solches Urteil zu verhindern.

Sprecher der in dem Rechtsstreit engagierten Kanzleien reagierten demonstrativ erfreut und zuversichtlich auf das am Sonnabend »freigegebene« FBI-Dokument. »Die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen dieser FBI-Untersuchung bestätigen die Argumente, die wir im Rechtsstreit mit der saudischen Regierung vorgetragen haben«, erklärte James Kreindler, einer ihrer Sprecher.

Das ist normale Anwaltstaktik. In Wirklichkeit kann davon nicht die Rede sein. Das 16 Seiten lange FBI-Memorandum enthält in der »redigierten« Fassung nichts von Bedeutung, das nicht schon 2004 bekannt war. Im Kern geht es um die Unterstützung von zwei oder drei saudiarabischen Staatsbürgern für zwei der 19 mutmaßlichen Flugzeugentführer, die schon im Januar 2000 als erste der Gruppe in die USA gekommen waren. Die Unterstützung bestand nicht nur in Geldzahlungen, sondern auch in Hilfen beim Finden einer Wohnung, beim Umgang mit den Behörden und überhaupt beim »Zurechtkommen« in der neuen Umgebung. Dass es sich dabei um mehr handelte als Solidarität unter strenggläubigen Muslimen, lässt sich anscheinend nicht nachweisen. Noch schwerer ließe sich aufgrund der bekannten Informationen eine Verbindung zu saudiarabischen Institutionen gerichtsfest belegen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dieter R. aus Nürnberg (16. September 2021 um 07:46 Uhr)
    Es ist schwer vorstellbar, dass die massive Geheimhaltung der Details über Abläufe und Hintergründe von 9/11 ausschließlich aus Angst vor möglichen wirtschaftlichen Folgen betrieben wird. Dafür sind die bekannten Widersprüche, Ungereimtheiten, Unwahrscheinlichkeiten zu zahlreich und zu offensichtlich. Ich halte nichts von wilden Spekulationen, aber es gibt einfach durchaus naheliegende Szenarien, die ungelöst im Raum stehen und die jede für sich für die USA den politischen Super-GAU bedeuten würde: War es ein gleichzeitiges umfassendes Totalversagen aller Sicherheitseinrichtungen? Oder wussten die Verantwortlichen von den Terrorplänen und unternahmen nichts dagegen? Oder war man sogar an Planung und Durchführung der Anschläge selbst aktiv beteiligt? Wer die entscheidenden Fakten nicht offenlegt, hat nicht das Recht, sich solchen möglichen Interpretationen der durchaus dubiosen Vorgänge zu entziehen durch die übliche Ablage in das Fach »Verschwörungstheorien«.

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