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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 5 / Inland
Folgen der Pandemie

Alarmierender Trend

Coronapandemie verschärft Wohnkrise. Mieten vielerorts kaum noch erschwinglich. Preisschub durch Spekulanten befeuert
Von Bernd Müller
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»Abstand von Profiten statt Stundung von Mieten«: Protestbanner gegen Mietpreissteigerungen in Berlin (2.4.2020)

Wohnen ist in der Coronapandemie teurer geworden. Diese Entwicklung zeigte sich gleichermaßen bei den Preisen für Eigentumswohnungen und bei den Mieten. Das ergibt eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie, die an der International Real Estate Business School der Universität Regensburg entstanden ist und am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die ohnehin bestehende Ungleichheit wird durch den Trend nach oben weiter verschärft. Wohneigentum werde für Haushalte mit durchschnittlichen oder kleinen Einkommen »zunehmend unerschwinglich«, schreiben die Studienautoren Tobias Just und Rupert Klaas Eisfeld. Und vor allem für Mieter mit geringen Einkommen, die schon vor der Krise einen relativ hohen Anteil ihres Geldes fürs Wohnen aufwenden mussten, »dürfte sich die Belastung durch hohe Wohnkosten verschärft haben«.

Anfang 2020 hatte man es noch für möglich gehalten, dass die Preise für Immobilien einbrechen könnten. Doch nun ist das Gegenteil belegt; sogar einen zusätzlichen Pandemieeffekt konnten die Ökonomen verzeichnen. Die Angebotspreise für Eigentumswohnungen legten im bundesweiten Durchschnitt um zusätzliche 0,7 Prozent zu, die für Ein- und Zweifamilienhäuser sogar um 1,1 Prozent. Insgesamt stiegen sie zwischen dem ersten Quartal 2020 und dem zweiten Quartal 2021 um durchschnittlich 17 Prozent, die für Einfamilienhäuser um 15,6 Prozent.

Bei den Mieten fiel der Effekt zwar klein und regional unterschiedlich aus, dennoch stiegen die Mieten schneller als die Einkommen. Insgesamt gingen die Angebotsmieten im selben Zeitraum um durchschnittlich fünf Prozent nach oben. Leicht gedämpft wurde der Anstieg der Neumieten in der Pandemie vor allem in Groß- und Mittelstädten. In ländlichen Regionen sind sie dagegen deutlich angestiegen.

Hier machen sich Schulschließungen, Shutdown und Heimarbeit bemerkbar, die offenbar eine »Flucht« aufs Land auslösten. Das legt auch die Analyse des Suchverhaltens im Internet nahe, die die Forscher vorgenommen haben. Die Suchanfragen nach »Balkon«, »Garten« oder »Arbeitszimmer« schossen demnach während der Pandemie deutlich nach oben. Auch nach »Haus kaufen« wurde seit dem Frühjahr 2020 um 27 Prozent häufiger gesucht als vor der Pandemie. Solche Wohnangebote lassen sich häufig leichter und preisgünstiger außerhalb der Großstädte finden, heißt es weiter in der Studie.

Dass sich am bundesweiten Preisanstieg nichts Grundsätzliches geändert hat, führen die Wissenschaftler auf den »angestauten Nachfrageüberhang« zurück, der nach wie vor in vielen Städten und Landkreisen groß ist. Mit anderen Worten: Es gibt weiterhin zu wenige Wohnungen – obwohl die Pandemie den Baubetrieb kaum störte und im vergangenen Jahr rund 306.000 Wohneinheiten fertiggestellt wurden.

Der Preisschub wurde aber auch – wie in den Vorjahren – durch niedrige Zinsen befeuert, durch Spekulanten, durch Banken mit einer lockeren Kreditvergabe und durch steigende Materialkosten. Weil in der Pandemie vor allem »wohlhabende private Haushalte« ihren Konsum einschränken mussten und nicht reisen konnten, hätten sie mehr Geld zur Verfügung gehabt. Gemeinsam mit institutionellen Investoren hätten sie dann »Wohnungen als vergleichsweise lukrative und sichere Anlage« gekauft. Die Preise für Immobilien zogen deshalb in Regionen stärker an, die für Interessenten mit kleineren oder mittleren Einkommen vorher noch erschwinglich waren. »Gerade für Haushalte ohne Ersparnis wurde der Zugang zu Wohneigentum im Zuge der Pandemie erschwert«, konstatieren Just und Eisfeld.

Bei den Mieten sieht es ähnlich aus: Vielerorts waren diese kaum noch erschwinglich, auch wenn sie nicht so stark anstiegen wie die Immobilienpreise. Die Forscher führen das auf die Einkommensverluste zurück, die viele Haushalte verkraften mussten. Vor allem mussten jene überdurchschnittlich oft Einbußen wegstecken, die schon vor der Pandemie nur über eher niedrige Einkünfte verfügten.

In den Jahren 2011 bis 2020 ist die durchschnittliche Belastungsquote angestiegen. Musste man zuvor im Schnitt 15 Prozent des Nettohaushaltseinkommens für die Kaltmiete abdrücken, so waren es 2020 schon 17 Prozent. Allein auf 2020, das erste Jahr der Pandemie, entfielen davon gleich 0,6 Prozent. »Die Pandemie führt also direkt zu einer höheren Mietkostenbelastung der privaten Haushalte«, schreiben Just und Eisfeld. Und der Effekt sei um so größer, je höher die Belastung durch die Wohnkosten schon zuvor gewesen war.

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