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Aus: Ausgabe vom 15.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Komische Kunst

»Es genügt schon bimbim«

Der zarte Strich: Vor 70 Jahren starb der Zeichner Albert Schaefer-Ast
Von Thomas Behlert
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Rückzug in die Natur: Das Haus von Albert Schaefer-Ast in Prerow

Albert Schaefer-Ast (1890–1951) war fürchterlich selbstkritisch. Viele seiner köstlichen Zeichnungen und Gemälde verbarg er in Kisten und Schränken. Er war verliebt in den Formen- und Farbenreichtum der Tier- und Pflanzenwelt, trotzdem blieben dem Publikum viele seiner Naturbetrachtungen verborgen, da er sie nicht als vollendet und ausstellungsreif empfand. Besser kannte man ihn als ausgezeichneten Karikaturisten, der mit ungewöhnlichen Bildern den Simplicissimus, den Uhu und einige weitere lustige Blätter belieferte. Sie zeigen Menschen, die schwierige Verrenkungen vollführen und damit gleich den Inhalt des Bildes erklärten. Sich selbst zeichnete er mit einem hinter den Kopf geklemmten Bein, auf dem seine typischen Figuren sitzen. Das Bild ziert einen eben im Eulenspiegel-Verlag erschienenen Band mit seinen Briefen und Burlesken. Sehr populär war Schaefer-Asts Serie »Benjamin Pampe« in der Kinderzeitschrift Der heitere Fridolin.

Am 7. Januar 1890 kam Albert Schaefer (auch: Schäfer) in Barmen auf die Welt – den Nachnamen erweiterte er später um die oft als »Ast« falsch gelesene Bildsignatur Asf, Albert Schäfer fecit. Als Sohn eines Oberlehrers, der an einer höheren Mädchenschule unterrichtete, konnte er schon früh seine künstlerische Begabung ausleben: Er lernte Bildhauer und besuchte schließlich die Kunstgewerbeschule in Düsseldorf. Danach bereiste er zu Fuß Europa. Im Ersten Weltkrieg verlor er sein rechtes Auge. Von 1921 bis 1933 arbeitete er in Berlin als künstlerischer Beirat und Illustrator für bekannte Berliner und Münchner Zeitschriften.

Öfters verwechselte man den Zeichner mit dem Schäfer Ast, einem Wunderheiler aus der Lüneburger Heide. Von den deutschen Faschisten wurde Albert Schaefer-Ast aus der Kunstkammer entfernt und seine Kunst wegen antifaschistischer Gesinnung und der Ehe mit einer Jüdin als »entartet« eingestuft. Der Versuch, in Italien als Künstler Fuß zu fassen, scheiterte. Später durfte Schaefer-Ast wieder eingeschränkt als Pressezeichner arbeiten. Schließlich zog sich der Künstler 1943 an die Ostseeküste, nach Prerow auf dem Darß, zurück, wo er sich viel mit Naturstudien beschäftigte. 1944 verwickelten die Nazis den feinfühligen Künstler in den Prozess gegen seinen Freund E. O. Plauen (1903–1944), der vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Nach dem Ende des Krieges berief man Albert Schaefer-Ast als Professor und Leiter der Grafik-Klasse an die Staatliche Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar.

Schaefer-Ast war zeit seines Lebens ein fortschrittlicher Mensch und Künstler. Sein Umgang mit seinen Studenten war menschlich und heiter. So holte er auch schon mal einen Schüler auf den Boden der Tatsachen zurück, indem er sagte: »Sie müssen nicht immer bumbum machen, es genügt schon bimbim.« Sein eigenes »Bimbim« war von wunderbarem Humor und zarter Kunst, es klingt bis heute nach. Er starb am 15. September 1951 in Weimar an einem Herzinfarkt.

In Prerow und in Weimar wird leider nicht viel an den Künstler erinnert. In dem Ostseebad gibt es zwar einen Schäfer-Ast-Weg, aber sonst machen nur Besitzer überteuerter Ferienhäuser damit Werbung, dass ihr Gebäude in der Nähe des ehemaligen Künstlergrundstückes steht, das nach 1990 aufgeteilt und mit privaten Wohnhäusern bebaut wurde. In Weimar ist Schaefer-Ast, von der Bevölkerung weitgehend vergessen, auf dem historischen Friedhof begraben.

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