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Aus: Ausgabe vom 15.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Rot ist das Blut des Adlers

Zum 120. Geburtstag der populären Jugendschriftstellerin Liselotte Welskopf-Henrich
Von Gerd Bedszent
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Prägte mit ihren Büchern mehrere Generationen von Heranwachsenden: Liselotte Welskopf-Henrich (1901–1979)

Der heute vor 120 Jahren geborenen Schriftstellerin und Altertumswissenschaftlerin Liselotte Welskopf-Henrich (1901–1979) war es nicht gerade in die Wiege gelegt, einmal eine der beliebtesten Autorinnen eines sozialistischen Staates zu werden. Tatsächlich stammte sie aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, studierte dann Geschichte, Philosophie und Ökonomie und promovierte im Jahre 1925. Eine akademische Karriere blieb der hoffnungsvollen Nachwuchswissenschaftlerin jedoch zunächst versagt – statt dessen erhielt sie eine Anstellung im Statistischen Reichsamt. Die Machtübernahme der Nazis lehnte sie ab, weigerte sich, der NSDAP beizutreten, und engagierte sich statt dessen in einer Widerstandsgruppe. Der kommunistische Häftling Rudolf Welskopf (1902–1979), dem sie im Jahre 1944 zur Flucht aus dem KZ verhalf und den sie dann bis Kriegsende versteckte, sollte später ihr Ehemann werden. Sie selbst trat kurz nach Kriegsende der wieder zugelassenen KPD bei, blieb Zeit ihres Lebens eine überzeugte, wenn auch häufig unbequeme Marxistin.

Nach ihrer Übersiedlung von West- nach Ostberlin konnte Liselotte Wels­kopf-Henrich die ersehnte akademische Karriere einschlagen. An der Humboldt-Universität erhielt sie eine Professur für alte Geschichte. Zur selben Zeit begann sie eine Zweitkarriere als Schriftstellerin. Ihr bekanntestes Werk ist wohl der 1951 entstandene Jugendroman »Die Söhne der Großen Bärin«. Die Autorin kombiniert darin eine spannende Handlung mit einer eindeutigen Parteinahme für die Ureinwohner Nordamerikas. Das Werk wurde von der Autorin mehrmals überarbeitet und erweitert. Am Ende umfasste es sechs Bände. Der Romanzyklus prägte mehrere Generationen von Heranwachsenden nicht nur in der DDR und wurde immer wieder neu aufgelegt. 1968 wurde die Autorin für ihr Werk mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis bedacht. Zwei Jahre zuvor gab es eine Kinoadaption des Romans. Sie wurde der erfolgreichste Defa-Film des Jahres 1966. In der DDR sahen ihn mehr als neun Millionen Zuschauer, in der Sowjetunion 29 Millionen. Der Hauptdarsteller ­Gojko Mitic erlangte durch ihn eine ungewöhnliche Popularität und gilt bis heute als »DDR-Chefindianer«.

Anders als andere damals entstandene Abenteuerromane beruhten die Bücher der Autorin auf gründlichen historischen, ethnologischen und kulturellen Recherchen. Und natürlich auf einer marxistischen Analyse der Strukturen vormoderner Gesellschaften: Unter anderem wird darin auch die besondere Rolle der Frau in frühen Agrarkulturen thematisiert, damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Bei einem Besuch der Pine-Ridge-Reservation in den USA wurde Liselotte Welskopf-Henrich im Jahre 1965 feierlich in den Lakota-Stamm aufgenommen.

Der dann folgende (fünfteilige) Romanzyklus »Das Blut des Adlers« (1966–1980) spielt ebenfalls in Nordamerika, allerdings in der (damaligen) Gegenwart. Eine Fortsetzung des Erstlingswerkes der Autorin ist er dennoch. Die Autorin lässt zu Beginn den uralt gewordenen Helden von »Die Söhne der Großen Bärin« auftreten, wie er die ersten Anfänge der indigenen Widerstandsbewegung miterlebt. Erwähnung finden in den Folgebänden die Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz im Jahre 1969 sowie die Belagerung der 1973 von Aktivisten des indigenen Widerstandes besetzten Ortschaft Wounded Knee.

Leider weniger bekannt sind die Romane »Zwei Freunde« (1955) und »Jan und Jutta« (1953), in denen die Autorin ihre Sicht auf die Nazizeit und den antifaschistischen Widerstand verarbeitet. Den in der unmittelbaren Nachkriegszeit handelnden Roman »Bertholds neue Welt« konnte die Autorin nicht mehr vollenden. Das nachgelassene Fragment wurde erst im Jahre 2015 veröffentlicht.

Der Autor dieser Zeilen wurde – wie viele seiner Generation – in Kindheit und Jugend durch die Werke Lise­lotte Welskopf-Henrichs wesentlich geprägt. Einen bis heute bleibenden Eindruck hinterließ der im Roman »Das helle Gesicht« (1980) abschließend zitierte Ausspruch eines indianischen Medizinmannes: »Rot ist das Blut des Adlers. / Rot ist das Blut des braunen Mannes. / Rot ist das Blut des weißen Mannes. / Rot ist das Blut das schwarzen Mannes. / Wir sind alle Brüder.«

»Die Söhne der Großen Bärin«. Präsentation der Neuausgabe des ­ ­Romans mit Gojko Mitic im Berliner Kino Babylon, 19.9., 14 Uhr

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  • Leserbrief von Sabine (16. September 2021 um 08:21 Uhr)
    Lieber Gerd Bedszent, sehr wesentlich scheint ja Deine Prägung durch Liselotte Welskopf-Henrich nicht zu sein. Seit wann reden wir nicht mehr von »Indianern«?! Dein erwähntes Zitat stammt von einem Medizinmann aus Alcatraz, an dessen Besetzung Mitglieder mehrerer Stämme, besser: Nationen, beteiligt waren, so der Crow, Chippewa, Lakota ... Ich empfehle Dir das Buch »Crazy Horse. Das Leben und Vermächtnis eines Lakota-Kriegers«. Sabine

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