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Aus: Ausgabe vom 14.09.2021, Seite 16 / Sport
Tennis

Tränen lügen nicht

Novak Djokovic verpasste im Finale der US Open gegen Daniil Medwedew seine historische Chance
Von Peer Schmitt
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Ein aufgelöster Novak Djokovic im Endspiel gegen Daniil Medwedew (New York, 12.9.2021)

Schon einige große Champions hat man auf dem Tennisplatz weinen sehen. Und zwar nicht nur einfach weinen, sondern aufgelöst schluchzen. Pete Sampras schluchzte im fünften Satz des legendären Viertelfinalmatches bei den Australian Open 1995 gegen seinen Rivalen Jim Courier minutenlang. Er hatte bereits mit zwei Sätzen und einem Break zurückgelegen, als er dann im fünften Satz in Führung ging, kamen die Weinkrämpfe. Er dachte dabei an mehr als nur seinen Sieg. Er trauerte um seinen legendären Trainer Tim Gullikson, der während des Turniers zusammengebrochen war und ein Jahr später an dem damals diagnostizierten Hirntumor starb. Sampras gewann jenes Match also gleichsam für seinen Coach.

Wie ein Schlosshund heulte auch Roger Federer nach seiner Niederlage gegen Rafael Nadal im Endspiel der Australian Open 2009. Nadal hatte ihn nicht nur wie gewohnt auf Sand geschlagen, sondern auch auf dem Hartplatz in Melbourne. Federer vergoss bittere Tränen, weil ihm klar wurde, dass Nadal einfach besser war als er. Dennoch gewann Federer knapp ein halbes Jahr später in Paris zum ersten (und einzigen) Mal die French Open und hatte damit seinen Career Grand Slam gesichert. Einem lupenreinen Grand Slam – alle vier Majors in einem Kalenderjahr – kam er in seinen besten Jahren 2006 und 2007 jeweils sehr nah. In beiden Jahren scheiterte er aber in Paris an Nadal.

Der Grand Slam im Herrentennis gelang in der Open Era (seit 1968) nur einem einzigen Spieler: Rod Laver 1969. Damals wurden allerdings noch drei der vier Majors auf Gras gespielt, was aber das Vermächtnis von »The Rocket« nicht schmälern soll. Er saß am vergangenen Sonntag abend höchstselbst in New York im Publikum, als im Finale der US Open Novak Djokovic auf Lavers Spuren einem Grand Slam so nahe kam wie kein Spieler seitdem. Auch dieses Match endete mit einem Tränenausbruch. Allerdings wieder keiner der ungetrübten Freude, sondern einer der Überwältigung und des Stolzes.

Djokovic hat in diesem Jahr schon die Australian Open, die French Open und das Turnier in Wimbledon gewonnen. Es fehlte ihm nur noch ein einziges Match, um seinen Platz in der Geschichte als der unbestritten beste Spieler aller Zeiten zu finden. Sein Gegner war die Nummer zwei der Setzliste Daniil Medwedew, den er in Melbourne noch glatt in drei Sätzen besiegen konnte.

Das Match stand für Djokovic von Beginn an unter keinem guten Stern. Nicht nur schien er von der Last, um und gewissermaßen gegen die Geschichte zu spielen, sichtlich beschwert, er hatte auch die wesentlich härtere Auslosung erwischt und ein paar Stunden Tennis mehr in den Knochen als Medwedew, der im gesamten Turnierverlauf nur einen einzigen Satz abgeben sollte. Djokovic hingegen musste bereits im Halbfinale gegen Alexander Zverev fünf Sätze gehen. Er wirkte müde und gab im wohl schwergewichtigsten Match seiner Karriere gleich sein erstes Aufschlagspiel ab. Medwedews Service wiederum blieb während des gesamten Matches unantastbar. Auch in den Grundlinienduellen war der Russe der Bestimmende. Er spielte abwartend, mit langen Bällen durch die Mitte, entschleunigte das Spiel mit der Rückhand und schlug mit der Vorhand brutal zu. Djokovic wirkte streckenweise beinahe hilflos. Er änderte seine Taktik, spielte Serve-and-Volley, zahlreiche Stopbälle, zerschmetterte seinen Schläger in Wut und Verzweiflung. Es half alles nichts Die Gummiwand Djokovic gegen eine andere Gummiwand, noch geschmeidiger, noch unüberwindlicher.

Bei 6:4, 6:4, 5:2 hatte Medwedew seinen ersten Matchball. Da griff das New Yorker Publikum ein. Es johlte und heulte und pfiff. Medwedew schlug einen Doppelfehler und verlor zum ersten und einzigen Mal in diesem Match seinen Aufschlag. Das Publikum aber feierte Djokovic. Der verlor die Fassung. Er weinte. Einen ganzen Seitenwechsel lang. Vor Rührung und Stolz. Sie liebten ihn plötzlich. Ihn, den esoterischen Bodenturner, den Wolfsmann, den Vegetarier, den verrückten König. Sie liebten ihn gerade im Moment seiner Niederlage. Medwedew brachte sein nächstes Aufschlagspiel durch und gewann sein erstes Majorturnier im Finale gegen den noch immer heulenden Unbesiegbaren 6:4, 6:4, 6:4. Während der Siegerehrung gab er ihm noch mit auf den Weg, dass er, Djokovic, für ihn, Medwedew, dennoch der beste Spieler in der Geschichte des Tennissports sei. Medwedew ist für seinen verschmitzten Humor berüchtigt.

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