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Aus: Ausgabe vom 14.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Achtung, das ist kein Lehrstück

Hermann Schmidt-Rahmer inszeniert am Essener Grillo-Theater Brechts »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« als gegenwärtige Politclownerie
Von Benjamin Trilling
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»Hier teil ich schwarz von weiß / Und teil dies Volk jetzt in zwei Teile ein« (Bertolt Brecht, »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe«)

Plakate mussten her, als Brecht das bürgerliche Theaterverständnis angriff. Das Publikum las die Ansage: »Glotzt nicht so romantisch!« Denn wer so schaut, denkt während der Aufführung nicht die Zusammenhänge mit, über die Brecht mit seinen Stücken aufzuklären versuchte. An diesem Premierenabend (10.9.) im Grillo-Theater des Schauspiels Essen fällt der Blick auf die Ansage, die groß auf einem Screen eingeblendet wird, noch bevor die Schauspieler die Bühne betreten: »Dies ist kein Lehrstück, es ist Dokumentar­theater, kapiert?« Kapiert!

Hermann Schmidt-Rahmer inszeniert Brechts »Greuelmärchen« mit dem barocken Titel »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und Reich gesellt sich gern«. Das Stück seziert, wie Herrschende auf demagogische Nebelkerzen setzen, um von den Widersprüchen der Klassengesellschaft abzulenken. Als einem zerrütteten Agrarstaat Bankrott und Bauernaufstände drohen, springt ein Politclown ein. Seine machtpolitische Formel ist so simpel wie wirksam: Er unterteilt die Gesellschaft in Spitz- und Rundköpfe, in »Tschichen« und »Tschuchen«, um von der gesellschaftlichen Schieflage abzulenken.

Und das erinnert natürlich an das bewährte populistische Repertoire, mit dem Rechtspopulisten in den letzten Jahren an die Macht kamen, weswegen diese Brecht-Aufführung nur noch dokumentieren kann, was die herrschenden Politclowns ohnehin täglich vorspielen. Ihr Double »Blondo« (Stefan Diekmann) trägt eine Frisur, die an die Trumps oder Johnsons erinnert. Um seinen Hals baumelt eine Krawatte, auf der ein Hund abgebildet ist. Und seine Hetze zündet schnell, nachdem die reichen Strippenzieher, der »Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten«, ihn konsultieren.

Die Ausgangslage: Der Pächter Callas (Jan Pröhl) ist fast pleite, so hoch sind die Beträge, die er an seinen Herrn de Guzman (Alexey Ekimov) abtreten muss. Er bittet ihn um eine Senkung der Pacht. Der Besitzende winkt ab und formuliert eine Empfehlung, wie sie die Lindners und Laschets dieser Welt geben: »Raus aus der sozialen Hängematte! Gründe eine Firma!« Doch die anderen Bauern schließen sich Callas' Protest an. Unter dem Zeichen der Sichel rufen sie zur Revolution auf. Die Reichen wissen nicht weiter. Es schlägt die Stunde des Blonden.

Hermann Schmidt-Rahmer versteht es, die Antagonismen zu inszenieren, wie er es bereits mit »Ein Volksverräter!!« demonstriert hatte. In seiner Ibsen-Adaption etwa signalisierte bereits das Bühnenbild, wie ein linksliberal-kosmopolitisches Milieu auf eine rechtskonservativ-verschwörerische Blase prallt. In »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« übernimmt die Garderobe (Kostüme: Pia Maria Mackert) diesen plakativen Fingerzeig. Die Bauerndarsteller schlüpfen in Nacktkörperanzüge, die ihre Genitalien zeigen, und zerfetzte Nachtwäsche. Der Look erinnert an die Orks aus Peter Jacksons »Herr der Ringe«-Verfilmungen. Schriftzüge auf der »Haut« zeigen den jeweiligen Berufsstand an. Die Frisuren der Spitzköpfe sind hochgesteckt und damit ebenso erkenntlich.

Plakativ erscheint das im besten Brechtischen Sinne. Schmidt-Rahmer reduziert alle Protagonisten auf ihre »sozialen Masken« (Marx), sie agieren als reine Funktionsträger ihrer Klasse. Das gilt auch für die Reichen. Sie haben ihren ersten Auftritt, sobald die Drehbühne rotiert und ein wohnliches Interieur eröffnet. Der Vertreter seine Kaste kauert auf einem Sofa und betrachtet sich als »politisch interessierte(r) Leistungsträger«. Als die Bevölkerung aufbegehrt, greift er zum Hörer, um »Blondo« zu beauftragen.

Der populistische Politstratege verkündet seine Agenda: »Tschiche. Tschuche. Unterschied. Danke!« Während die Reichen skeptisch werden, als die rassistische Hetze mit dem Pächter De Guzman einen der ihren trifft, kommt der Applaus auch von dem Bauern Callas, der auf die Demagogie reinfällt. Bis das Kleingedruckte in Blondos Programm erwähnt wird: ein einziger neoliberaler Kahlschlag. Blondos Rhetorik: »Der Tschuche hilft sich selbst!«

»Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und Reich gesellt sich gern«, Essener Grillo-Theater, nächste Termine: 17., 18., 29. und 30.9.

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