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Aus: Ausgabe vom 14.09.2021, Seite 8 / Ansichten

Nächster Krieg kommt

Lehren aus dem Afghanistan-Abzug
Von Jörg Kronauer
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Mit Kampfdrohnen wie der »MQ-9 Reaper« wurden zahllose Unschuldige getötet

Zum Abschied ein Mord: Mit ihrem letzten Drohnenangriff vor ihrem endgültigen Abzug vom Hindukusch haben die US-Militärs noch einmal zehn afghanische Zivilpersonen umgebracht. Das belegen neue Recherchen der New York Times. Als der fernsteuernde Pilot der »MQ-9 Reaper« am Nachmittag des 29. August nach mehrstündiger Beobachtung eine Hellfire-Rakete auf einen klapprigen weißen Toyota Corolla, Baujahr 1996, abschoss, da traf er nicht – wie vermutet – ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug, das ein IS-Terrorist gerade zum Flughafen von Kabul steuerte. Er traf den langjährigen Angestellten einer US-Hilfsorganisation, der seinen Wagen nach getaner Arbeit mitten in einem dichtbesiedelten Wohngebiet abstellte und von seinen Kindern, Nichten und Neffen kreischend begrüßt wurde. Er hatte keinen Sprengstoff im Kofferraum, sondern Wasserkanister, die die Großfamilie dringend brauchte. Die US-Drohne tötete zehn Zivilisten – sieben davon Kinder.

Dass Drohnenangriffe vor allem unbeteiligte Zivilisten das Leben kosten, ist bekannt. Recherchen, die die Nachrichtenseite The Intercept schon vor Jahren auf der Grundlage von Unterlagen eines Whistleblowers durchführte, zeigten: Nicht einmal ein Fünftel derjenigen, die durch Drohnen getötet wurden, standen auf US-Todeslisten; mehr als vier Fünftel waren aus Versehen umgebracht worden. Dabei sind mörderische Drohnenattacken nur ein Teil der westlichen Kriegsverbrechen, die im Laufe der Jahre Wasser auf die Mühlen der Taliban waren. Wollte der Westen tatsächlich aus seinen gewaltigen Fehlern am Hindukusch lernen, gäbe es ziemlich viel aufzuarbeiten. Dazu gehörte auch die Frage, wieso in 20 Jahren westlicher Besatzung so mancher afghanische Regierungsfunktionär bis zu zweistellige Millionensummen für sich abzweigen konnte, während beim Abzug des Westens über die Hälfte der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen war. Die UNO, die am Montag auf einer Geberkonferenz verzweifelt um Mittel bettelte, warnt, nächstes Jahr könnten 97 Prozent der Afghanen in Armut versinken.

Tod, Armut und Korruption: Damit gewinnt man weder Herzen noch Köpfe und auf Dauer, das zeigt das Beispiel Afghanistan, auch keinen Krieg. Doch kaum hat das einigen in den Leitungsgremien der herrschenden Klasse im Westen zu dämmern begonnen, da fordert der Drang, in der globalen Rivalität die Nase vorn zu haben, bereits seinen Tribut. Ja, es stellten sich in bezug auf Afghanistan »viele schwierige Fragen«, räumte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Wochenende ein. Man habe auch schon »eine umfassende Untersuchung« eingeleitet. Doch stehe schon jetzt fest: Afghanistan sei »nicht die letzte Krise« gewesen, in der die NATO »handeln« werde. Das Bündnis werde auch in Zukunft »in anderen Ländern« operieren. Die Furcht, den Gang des globalen Geschehens nicht mehr zu dominieren, gestattet dem Westen keine Atempause.

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  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus 12105 Berlin (14. September 2021 um 16:56 Uhr)
    »Steinzeitislamisten« und »Kopfabschneider« als Partner der NATO-Staaten. Vor allem geht es den Vereinigten Staaten um die geopolitische Einflussnahme in Asien. Um die eigenen Interessen und deren Durchsetzung über die gesellschaftspolitische Zukunftsgestaltung in den nahöstlichen, asiatischen und arabischen Regionen. Hierfür lässt man sich auch mit »Steinzeitislamisten« und »Kopfabschneidern« ein, wenn man meint, damit die vorrangigen geopolitischen Ziele in den Regionen durchzusetzen und willfährige Marionettenregierungen zu installieren. Bestes Beispiel hierfür sind doch auch die Vorbereitungen, unter anderem so auch in Berlin, für einen geheimdienstlichen, militärischen und politischen Umsturz in Syrien, unter Beteiligung der Golfmonarchien, beispielsweise auch unter Mitwirkung der »Steinzeitislamisten« und Geschäftspartner aus Saudi-Arabien. Das vorläufige »Desaster« der NATO-Staaten hatte doch ursprünglich zum Ziel, diese vor allem feudalistisch und islamisch geprägten Länder und paternalistischen Stammesregionen und Clans unter politische Kontrolle zu bekommen. Um damit die Expansion der Russischen Föderation und vor allem die der Volksrepublik China in der Region geopolitisch auszuschalten.
  • Leserbrief von Kasfeld aus Zwinemünde (14. September 2021 um 08:32 Uhr)
    Diese Drohne wurde wohl von Ramstein aus gesteuert? Die Aktion erfüllt wohl die Definition von Terrorismus? Der Krieg bzw. der Terror kann weitergehen.

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