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Aus: Ausgabe vom 14.09.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Autonome Selbstverwaltung in Syrien

»Wir sind umgeben von Feinden«

Autonome Administration in Nord- und Ostsyrien: Imperiale Interessen und der politische Kampf für ein anderes Syrien. Ein Gespräch mit Zehreddin Efrin
Von Tim Krüger
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Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten YPG patrouillieren entlang der Frontlinie in Nordsyrien (2017)

Können Sie sich und Ihre Organisation kurz vorstellen?

Ich bin Mitglied der Leitung des Demokratischen Jugendrats Syriens. Nach dem Beginn der Revolution in Syrien wurden zahlreiche Jugendorganisationen und neue Parteien ins Leben gerufen. Um Schritte in Richtung einer Lösung für Gesamtsyrien zu unternehmen, war es notwendig, eine Dachorganisation zu schaffen, die alle Bewegungen und Jugendkräfte vereinen konnte.

An sich ist der Demokratische Rat Syriens, kurz DRS, eine politisch-gesellschaftliche Organisation. Er arbeitet am Aufbau eines nichtzentralistischen Syrien, in dem alle Völker und Nationen, alle Religionen und Glaubensrichtungen einen Platz finden – das ist unser Traum und unser politisches Programm. Durch autonome Selbstverwaltungen in allen Regionen, die entsprechend der Besonderheiten und Notwendigkeiten geschaffen werden, soll eine demokratische Nation entstehen.

Sie sprechen oft vom »dritten Weg« als einer eigenständigen politischen Linie. Wie gestaltet sich dieser konkret am Beispiel der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien, im Kurdischen Rojava genannt?

Weder das existierende Baath-Regime noch die »Opposition«, die mit der Unterstützung islamistischer und türkischer Kräfte geschaffen wurde, die von den Besatzungskräften als Söldnerbanden gebraucht wurden, konnten die Wünsche und Träume der Völker der Region erfüllen. In dieser Situation war nur die Linie eines »dritten Wegs« eine Möglichkeit, ihre Interessen zu verteidigen. Der »dritte Weg«, der auf Grundlage der Gedanken Abdullah Öcalans entwickelt wurde, ist bis heute das Projekt, das in Syrien tatsächliche Erfolge verzeichnen konnte. Die Lage der »Opposition« und des chauvinistischen Baath-Regimes ist deutlich sichtbar. Sowohl die regionalen Kräfte als auch das globale kapitalistische System haben uns von Anfang an große Hindernisse in den Weg gelegt. So hat der Krieg vom Beginn der Revolution 2011 an bis heute nicht einen Tag ausgesetzt. Der türkische Staat, als militärischer Arm der NATO in der Region, hat die Aufgabe der Zerschlagung des »dritten Wegs« übertragen bekommen. Aber auch die Angriffe des Baath-Regimes und des Irans gegen die Autonome Selbstverwaltung sind nicht zu vernachlässigen. Sie alle sehen in dieser Linie eine große Gefahr für sich selbst.

Die Beziehungen zu den imperialistischen Staaten sollen rein taktischer Natur sein. Wie verhindern Sie eine Einflussnahme der taktischen »Partner« auf Innenpolitik, Gesellschaft und Wirtschaft?

Mit der Revolution in Syrien verwandelte sich das Land in das Zentrum des Dritten Weltkriegs. Deswegen haben alle imperialistischen Staaten versucht einzugreifen. Ob der Iran mit dem »schiitischen Halbmond« oder »osmanische« Expansionspläne der Türkei – jeder wollte sein Projekt in unserer Region durchsetzen. Dennoch unterhalten wir Beziehungen, denn wir können uns schließlich nicht isolieren. In den Beziehungen zu diesen Kräften gilt aber als oberstes Prinzip, die Interessen unserer Gesellschaft zu wahren. Internationale und regionale Mächte haben versucht, mittels spezieller Kriegführung und materieller Anreize Einfluss auf unser Volk zu gewinnen, doch dieses weiß spätestens seit dem Krieg von Afrin über ihre Spiele Bescheid. Die leeren Versprechungen wurden für jeden sichtbar. Unser Volk ist seiner selbst bewusst geworden, kennt seine Geschichte und weiß, was sie für Pläne schmieden. Die Volksbildung in den Akademien und Bildungseinrichtungen ist die Grundlage, damit unsere Bevölkerung die Politik dieses Feindes erkennen und verstehen kann. Wir setzen dabei auch auf den Aufbau einer Kooperativwirtschaft, mit der wir alle Bedürfnisse unseres Volkes aus eigenen Mitteln befriedigen können.

Wo wird die Grenze gezogen, um an eigenen Prinzipien festhalten zu können? Könnte die Zusammenarbeit mit den USA, zum Beispiel der Öldeal, nicht zu langfristiger Abhängigkeit führen?

Natürlich versuchen die imperialistischen Mächte Einfluss zu gewinnen und die Revolution für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Deswegen sind unsere Beziehungen zu ihnen immer rein taktischer Natur. Bei den Abkommen, die ausschließlich den wirtschaftlichen Bereich betreffen, dürfen wir nie vergessen, dass wir uns in einem langandauernden Krieg befinden und unter einem harten Embargo leiden. Wir sind umgeben von Feinden. Dieses Abkommen allein bedeutet aber nicht, dass wir uns in den Dienst dieser Kräfte stellen. Wenn die USA abziehen wollen, dann sollen sie gefälligst gehen, und wenn auch Russland gehen möchte, dann soll es das bitte tun.

Bis 2015 stand in diesem Krieg auch nur unser Volk und niemand sonst hinter uns. Diese Abkommen sind kurzfristig und taktisch. Die kapitalistischen Staaten leben vom Blut der Gesellschaften und Nationen, und deshalb kann es schon morgen sein, dass alle unsere Beziehungen mit ihnen enden werden. Entscheidend ist, dass wir an unserer eigenen Alternative zum kapitalistischen Weltsystem arbeiten und die Völker der Region aktiv an diesem Projekt teilnehmen.

Die Selbstverwaltung und der DRS haben immer auf einen Syrien-Syrien-Dialog, also eine Lösung zwischen demokratischer Opposition und der syrischen Regierung auf Basis einer weitreichenden Verfassungsreform, gesetzt. Wie steht es derzeit um diese Verhandlungen?

Wir sind überzeugt, dass eine Lösung nur von den Völkern Syriens selbst politisch und nicht militärisch erbracht werden kann. Die »Opposition« verfügt über kein gangbares Alternativprojekt zum Regime, deshalb hat sie sich in den Dienst der ausländischen Besatzer gestellt. Vor allem die Türkei hat von dieser Situation insbesondere auch ökonomisch profitiert. Wir wollen die wirkliche Opposition vereinen und so gemeinsam einen Dialog mit dem Regime beginnen. Dafür bedarf es vor allem eines Mentalitätswandels, doch bis heute gibt es die Vorstellung, in Syrien wieder so weiterzumachen wie vor 2011, als wäre gar nichts passiert. Trotz Hunderttausender Gefallener, Millionen Geflüchteter und soviel Blut, das für die Veränderung vergossen wurde, hat das Baath-Regime seine Position nicht verändert. Deswegen stocken die Verhandlungen im Moment. Dennoch sind unsere Türen immer offen, und wir halten bis zuletzt an der Möglichkeit einer Lösung fest.

Sehen Sie angesichts der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan auch Gefahren, die ein möglicher zukünftiger Truppenabzug der USA für das System der Selbstverwaltung mit sich bringen könnte?

Wichtig ist zu sehen, dass jede Kraft, die sich auf den Schutz einer ausländischen Macht verlässt, am Ende wie die afghanische Armee enden wird. Aufgrund unserer eigenen Erfahrungen werden wir uns niemals auf eine Macht wie die USA oder Russland stützen. Unsere Kraft entsteht durch die Selbstverteidigung und den revolutionären Volkskrieg. Algerien, Vietnam, Kuba sind Beispiele, wo die Besatzer aus dem Land geworfen wurden. Wir wissen, welches System die NATO repräsentiert und wie sie die Welt regieren. Jeder dieser Staaten hat sein eigenes Besatzungsprojekt, und sie sind hier, um unser Öl und unsere Bodenschätze zu stehlen und unser Volk zu betrügen. Unsere Hoffnung stützt sich auf die Allianz der Völker der Region. Dabei sind unsere militärischen Kräfte, die allesamt Kinder dieses Volkes sind, die Grundlage. Wir verlassen uns auf niemanden und können uns selbst verteidigen.

Was muss in der Region geschehen, damit der »dritte Weg« sich durchsetzen kann? Ist er ein Lösungsmodell für andere Völker?

Unsere Revolution läuft seit zehn Jahren, und am Anfang hat niemand geglaubt, dass sie sich bis heute durchsetzen würde. Allen Angriffen zum Trotz stehen wir auf eigenen Beinen und finden Akzeptanz und Verbreitung. Wir wissen, dass wir keine Unterstützung von den imperialistischen Mächten erwarten können, und richten unseren Aufruf deshalb an die Völker der Region. Sie müssen aufstehen gegen die türkische Besatzung. Ganz gleich ob Araber, Assyrer oder Armenier – alle Völker haben in ihrer Geschichte große Massaker durch die Hand des türkischen Staates erfahren. Wir wollen, dass sie sich erheben und eine Front gegen den heutigen Faschismus des AKP-MHP-Regimes errichten.

Der Imperialismus hat die Völker nie freiwillig in die Unabhängigkeit entlassen. Welche Rolle müssen die revolutionären und demokratischen Kräfte in den Metropolen spielen?

Die kapitalistisch-imperialistischen Mächte haben nie einfach nur zugesehen. Deswegen intervenieren sie seit 2011 aktiv über den türkischen Staat. Sie werden niemals die Völker der Region unterstützen. Was es deswegen braucht, ist ein wirkliches Bündnis zwischen allen revolutionären Kräften der Region und der Welt. Dafür muss jeder gewissenhaft seine Rolle spielen. Die Lösung liegt im Paradigma der »demokratischen Nation«, in der Philosophie Öcalans. Deswegen ist es wichtig, es sich theoretisch anzueignen und eine Einheit und Bündnisse zu schaffen. Solange wir den türkischen Staat nicht gewissermaßen gemeinsam an der Nase über den Boden schleifen, können wir nichts erreichen.

Interview: Tim Krüger

Zehreddin Efrin lebt in Afrin und ist seit 2020 Mitglied der Leitung des Demokratischen Jugendrats Syriens

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