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Aus: Ausgabe vom 14.09.2021, Seite 12 / Thema
Literatur

Richtender Geist

Kommune und Komödie: Vor 700 Jahren starb der florentinische Politiker und italienische Nationaldichter Dante Alighieri
Von Horst Heintze
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In der »Göttlichen Komödie« reflektiert Dante (1265–1321) die politischen Konflikte seiner Zeit. Im 15. Gesang (innere Hölle) trifft er auf seinen Lehrer, den florentinischen Staatsmann Brunetto Latini (1220–1294) – Szene dargestellt in einer Illustration von Gustave Doré um 1860

Am 14. September 1321 verstarb der Autor der »Göttlichen Komödie«, Dante Alighieri, 56jährig im Exil in Ravenna. Aus diesem Anlass dokumentieren wir hier Auszüge aus dem Buch »Dante Alighieri. Bürger und Dichter« von Horst Heintze, 1965 vom Aufbau-Verlag (Berlin und Weimar) erstveröffentlicht und 1981 in zweiter, durchgesehener Fassung neu aufgelegt. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Dantes »Göttliche Komödie« gehört zu den Werken der Weltliteratur, die als Ausdruck ihrer eigenen Zeit eine ganze Epoche beleuchten. Eine solche Dichtung spiegelt tiefgehende historische Veränderungen wider und prägt der Nation, aus der sie hervorgegangen ist, unverkennbare Charakterzüge auf. Es ist diese epochale und nationale Bedeutung, die Friedrich Engels in seiner Einleitung zur italienischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests bestimmte, ausdrücklich an Dante und seine »grandiose Gestalt«, den »letzten Dichter des Mittelalters und den ersten Dichter der Neuzeit«, zu erinnern.¹ Tatsächlich begann mit ihm eine bedeutende Zeit für Italien, in der das Land an die Spitze der ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung trat.

Die charakteristischste Besonderheit im mittelalterlichen Italien, von der die aufblühende Kultur am meisten geprägt werden sollte, liegt zweifellos in den ökonomisch-politischen Einheiten, die sich selbst als Kommunen bezeichneten. Sie stellten eine mittelalterliche Form des korporativen Zusammenschlusses dar, dem noch wesentliche Züge des modernen Staates fehlten, ohne dass der Zusammenschluss auf einem Vasallenverhältnis beruhte. In den Kommunen besaß zuerst der Stadtadel, später das reiche Bürgertum das Übergewicht. Als Kommune ist auch Florenz in die Geschichte eingetreten, und Dante hat an den Problemen und Widersprüchen der kommunalen Ordnung oder Unordnung seiner Heimatstadt jenes Maß an Wirklichkeit des menschlichen Lebens kennengelernt, das er zur Größe seiner Dichtung brauchte.

Feudale Entbindung

In den Städten hatten solche Kommunen größeren Einfluss, weil hier in wachsender Zahl Angehörige der verschiedensten Schichten zusammenströmten, die sich aus der unmittelbaren feudalen Bindung gelöst hatten und einem korporativen Zusammenschluss geneigt waren. Zunächst wurde die Autorität und die Politik der städtischen Kommunen durch das Zusammentragen adliger Rechte und Besitzansprüche bestimmt. Die Kriegszüge der Florentiner gegen die Alberti oder gegen kaiserliche Vikare waren Unternehmungen des städtischen Adels, der seinen Besitz gegen die ländlichen Feudalherren verteidigte und auf ihre Kosten vergrößerte. Sie verfochten auch die Interessen anderer Schichten der Stadtbewohner, indem sie den Einfluss des nicht mehr feudal gebundenen Eigentums stärkten.

In ihrer ursprünglichen Form sind die städtischen Kommunen also freiwillige und private oder halbprivate Zusammenschlüsse des Adels gewesen, die von Vertretern der alten Familien (»Konsuln«) geleitet wurden. Sie traten nicht nur den mächtigen Adeligen des Landes entgegen, sondern auch den Ansprüchen des Kaisers, der die Entwicklung der neuen Besitzverhältnisse stören konnte. Dabei entstand eine Gemeinsamkeit der Interessen mit den Zünften, die sich als einfache freie Warenproduzenten herausbildeten. Die städtischen Kommunen wuchsen an Reichtum und Macht, die sie auch nach außen zu verteidigen wussten. Als die Staufer immer wieder über die Alpen zogen, um sich der Quellen des Geldes zu bemächtigen, das in den Städten zunahm, traten ihnen die Kommunen des lombardischen Bundes entgegen.

Der Fortschritt der Kommunen ist dadurch gekennzeichnet, dass sie trotz innerer Gegensätze zu politischen Körperschaften zusammenwuchsen und öffentliches und privates Recht weiter trennten. Machiavelli hat in seiner »Geschichte von Florenz« das Überstehen so vieler innerer Fehden, an denen jedes andere Gemeinwesen zugrunde gegangen wäre, als das Kennzeichen der Lebenskraft und Macht der Stadt hervorgehoben. Gioacchino Volpe hat in seinen Untersuchungen zum italienischen Mittelalter die neuen Kommunen mit einem gehärteten und vibrierenden Metall verglichen, das beim geringsten Schlag an allen seinen Punkten widerhallte.² Mit den neuen Verhältnissen entstanden die Möglichkeiten für wirksames öffentliches Leben, auf dessen Grundlage die kraftvolle Individualität beruht. Die Willkür eines Feudalherrn hinterlässt nicht die gleiche tiefgehende Spur wie das politische Handeln eines mit geschlossenen Organen, Bündnissen und Korporationen gefestigten Gemeinwesens. Indem die Politik jetzt eine konkrete kollektive und nationale Wirkungsmöglichkeit erhielt, konnte der von ihr ergriffene Mensch in viel höherem Maß bewusstes Subjekt der Geschichte werden. Diese historischen Verallgemeinerungen Volpes gelten in einem besonderen Maße für Dante.

Meer von Bürgerdächern

Die gefestigte und durch einen Podestà (bestellten Gouverneur, jW) vertretene Gemeinsamkeit der Kommune hat das innere politische Leben mit seinen Gegensätzen und Klassenwidersprüchen zur Entfaltung gebracht. In der Kommune waren die Herren des Adels weniger als anderswo auf sich gestellte, unbeschränkte Beherrscher der umliegenden Weiler und Dörfer. Die Türme ihrer Häuser schwammen in einem Meer von Bürgerdächern, und die gemeinsamen Mauern umschlossen einen Reichtum, der durch die mannigfaltigste Tätigkeit und Zusammenarbeit geschaffen wurde. Während sich allmählich aus der Zunftarbeit, dem Manufakturbetrieb, aus Handel und Bankwesen der Frühkapitalismus herausbildete, dessen umwälzende Rolle Friedrich Engels dargestellt hat,³ geriet der Stadtadel in Abhängigkeit von den neuen ökonomischen Kräften. Er musste es sich gefallen lassen, dass die Zünfte die Mitregierung beanspruchten und schließlich in Florenz nach einer Niederlage der extremen Adelspartei die Verfassung des sogenannten »Primo popolo« (1250) durchsetzten, die neben den Podestà (seit 1207) einen »Capitano del popolo«, einen politischen und militärischen An­führer des Volkes, stellte.

Nach und nach traten neben die großen Zünfte auch die mittleren und kleineren Händler und Handwerker und suchten ihre politische Vertretung. Die reichen Schichten (»Popolo grasso«: fettes Volk) begannen sich von den ärmeren (»Popolo minuto«: kleines Volk) zu trennen. Zu eigentlichen Klassenkämpfen zwischen Kapitalisten und armen Handwerkern sowie Lohnarbeitern sollte es jedoch erst gegen Ende der kommunalen Epoche kommen, als die Zünfte ihre Rolle als wirkliche Vertretung der gemeinsamen popolanen Interessen verloren hatten. In ihrer Blütezeit vertraten sie vor allem das Prinzip der Kommune, und von ihnen gingen auch die Bemühungen aus, den Adel zur Anerkennung der kommunalen Autorität zu zwingen. Zur politischen Krise der Kommunen führte – von Dante persönlich durchlitten –, dass die Popolanen zuwenig staatliche Autorität besaßen und sich nicht gegenüber dem Adel durchsetzen konnten, der mit seinen Streitigkeiten auch die übrigen politischen Kräfte der Kommune in seinen Bann zog.

Hinter die Mauern gezwungen

Florenz hatte sich den großen Adel unterworfen und ihn gezwungen, in den Mauern der Stadt zu wohnen. Er bildete in seiner neuen Lage eine einflussreiche städtische Vereinigung, die mit anderen Teilen des Adels und der mächtig gewordenen Geldaristokratie in Konflikt geriet. Die besondere Entwicklung in Florenz ordnete sich einer allgemeinen Polarisierung zu, die in Italien mit den Namen Gibellinen und Welfen gekennzeichnet wurde. Im allgemeinen bildete der Feudaladel das Zentrum des Gibellinentums, während die Welfen hauptsächlich von der reich gewordenen Stadtaristokratie vertreten wurden. Die Rivalitäten zwischen benachbarten Städten verlagerten oftmals die Schwergewichte der Parteien. So war Pisa, das wegen seines Seehandelsprivilegs mit Florenz verfeindet sein musste, traditionell gibellinisch, ebensowie Siena, während Florenz dem Welfentum zuneigte, das seinen Kampf gegen die kaiserlichen Vasallen unterstützte.

Im welfischen Florenz war es den Gibellinen durch die Unterstützung Friedrichs II. gelungen, den Adel der Gegenpartei zu vertreiben und sich die Kommune zu unterwerfen (1249). Wie unerbittlich man gegen die Feinde vorgegangen war, beweist ein Bericht, wonach eine Gruppe von Flüchtlingen eingefangen, geblendet, in Säcke gebunden und ins Meer geworfen wurde. Die harte Herrschaft der Gibellinen führte schnell zur Erhebung der Popolanen, die dem verhassten Gibellinentum ein Ende bereitete und die Verfassung des »Primo popolo«, der Doppelherrschaft von Popolanen und Welfen, durchsetzte.

Schwarz-weiß

Im Streit der welfischen Fraktion, die sich in »Weiße« und »Schwarze« gespalten hatte, ging es in erster Linie um die Interessen der Reichen und Mächtigen, die sich mehr oder weniger eng mit dem Gemeinwohl verbanden. Ein Zeichen für den fraktionellen Charakter der neuen Parteien lässt sich darin erkennen, dass sie sich um einzelne Adelsfamilien scharten. Die »Schwarzen« wurden von dem adelsstolzen Corso Donati angeführt, der den Verlust politischer Vorrechte nicht verwinden konnte. Die »Weißen« sammelten sich um die neureichen Cerchi, die mit der Geldaristokratie verbunden waren.

Noch versuchte die Kommune, die Einheit im Sinne eines ausgleichenden Gemeinwesens zu erhalten. An dem Kampf für »Gerechtigkeit«, gegen »Interessen« hat sich Dante aktiv beteiligt, nachdem die »Ordinamenti« (die florentinischen Rechtsordnungen, jW) dahingehend abgeschwächt waren, dass er als Adliger sich nur in eine der Zünfte eintragen lassen musste, damit ihm der Weg zur Teilnahme an der Kommune geöffnet wurde.

Mit den bewegten Schicksalen von Florenz ist Dante so eng verbunden, dass sich sein Leben nicht ohne seinen politisch-kommunalen Zusammenhang darstellen lässt. Er selbst beruft sich auf eine Familientradition, die bis auf die antike Gründung der Stadt durch ausgewanderte Römer zurückreicht. Zur Bekräftigung der Florentiner Herkunft führt er seinen Urahn Cacciaguida an, den Großvater seines Vaters, der 1147 dem zweiten Kreuzzug folgte und als Kreuzritter fiel. Dantes Familie gehörte somit dem florentiner Stadtadel an, wenn sie sich auch in sehr verschieden begüterte Zweige teilte. Der Name der Alighieri erschien sowohl in den Rollen der Zünfte als auch bei militärischen Unternehmungen der Stadt. Es gab Notare unter ihnen, Mitglieder der Popolanen und adlige Herren. Der Vater Dantes hatte sicher eine bescheidenere Stellung, denn er gehörte nicht zu denen, die den Hass der Gibellinen auf sich zogen, obwohl er gewiss ein Welfe war. Er übte den Beruf des Geldwechslers und -verleihers aus, und sein Vermögen, das er dem ältesten Sohn Dante hinterließ, war nicht ansehnlich. Dante hat verschiedene Anleihen aufnehmen müssen, um studieren und ein öffentliches Amt übernehmen zu können. Zwischen den Möglichkeiten seines Hauses und dem Streben des Jünglings klaffte wohl ein Widerspruch, über den er in seinen grünen Jahren hinwegzukommen versuchte, indem er das der Poesie zugewandte Leben der vornehmen Jugend seiner Zeit führte.

In der Dichtung beheimatet

Noch bevor Dante den Ernst des kommunalen Lebens kennenlernte und als Bürger öffentliche Verantwortung übernahm, war er in der Welt der Dichtung beheimatet. Seine Vorstellungen wurden von den Formen und Idealen bestimmt, die ihm die reiche Tradition der mittelalterlichen Liebesdichtung überlieferte. Der Umgang mit literarisch Interessierten sollte für ihn den wichtigsten gesellschaftlichen Verkehr bilden. Gleichgesinnte Jünglinge fällten ihr Urteil über seine Versuche, nahmen ihn in ihre Kreise auf und kreuzten mit ihm die Klinge im Turnier der Reime und Verse. Erst mit den Jahren reifte er zum bewussten Bürger der Kommune, dem die öffentlichen Ereignisse einen festumrissenen Platz anwiesen, so dass wir ihn auch geschichtlich zu fassen vermögen.

Leonardo Bruni hat bezeugt, dass der Jüngling Dante in der Schlacht von Campaldino mitkämpfte. Einen Widerhall dieses Ereignisses glauben wir im zweiundzwanzigsten Gesang der »Hölle« (der »Göttlichen Komödie«, jW) zu vernehmen, wenn der Dichter die Aretiner daran erinnert, dass er auf ihrem Boden das wilde Kampfgetümmel der Reiter erlebt habe.

Die schon erwähnte Milderung der »Ordinamenti« ist wahrscheinlich der äußere Anlass dafür gewesen, dass sich Dante der Möglichkeit politischer Wirksamkeit bewusst wurde. Sein Entschluss verband Dante mit der Sache der Popolanen, die mit ihrer korporativen Verfassung auszugleichen und zu mäßigen versuchten, wie es dem Streben der mittleren Gesellschaftsklassen, denen auch er angehörte, entsprach.

Regierungsarbeit

Wenn das neue Zunftmitglied erst um 1295 zum Priorat zugelassen war, so hat es sich sehr bald an der Regierungsarbeit der Kommune beteiligt. Vom November 1295 bis April 1296 gehörte Dante zu den 36 Bürgern des »Consiglio speciale del popolo« (Besonderen Rates des Volkes), wo er mit fünf anderen Bürgern das »Sechstel« der Stadt vertrat, in dem er wohnte. Im Dezember 1295 wurde er auch als ein »Ratgeber« des Capitano del popolo zur Vorbereitung der Priorenwahlen herangezogen. Von seiner beratenden Stimme ist uns aus dieser fernen Zeit ein lakonisches Zeugnis übriggeblieben: »Dante Alaghieri consuluit.«⁴ Dante Alighieri gab seinen Rat! Aus lückenhaften Protokollen geht weiter hervor, dass er 1297 wieder in der Versammlung das Wort ergriff. Ein solches Reden im Rat ist übrigens ein charakteristisches Zeichen für die Regierungspraxis in der Kommune. Von den Kombinationen aus vier oder fünf Räten mit 20 bis 100 Mitgliedern ging die eigentliche Entscheidungsgewalt aus. »Die Ratenden bedeuten mehr als die Ausführenden«, lautete ein bewährtes Prinzip der Kommune.

In den Jahren, in denen Dante an der Florentiner Politik beteiligt war, entbrannte zwischen den »Weißen« und den »Schwarzen« eine immer heftigere Fehde. Da die streitenden Parteien ihre Häuser in Dantes Stadtviertel hatten, wird dieser oft Zeuge ihrer Tumulte gewesen sein. Das wütendste Ressentiment, das die Adligen den Vertretern der Popolanen gegenüber vorbrachten, war der alte Vorwurf des militärischen Standes: »Wir haben bei Campaldino gekämpft und die Schlacht gewonnen, und ihr habt dafür alle Ehren und Ämter eingesammelt!« Unter denen, gegen die sich dieser Protest richtete, befand sich auch Dante, der damals bei Campaldino mitgestritten hatte und jetzt einer der sieben Prioren war.

Der Bürger Dante muss im Rat und bei öffentlichen Aufgaben Vertrauen und politisches Ansehen gewonnen haben. Seine feste Persönlichkeit und die Gabe des Wortes bestimmten ihn zum Gesandten, und ein solches Amt hatte er auch im Sommer des Jahres 1300 im Dienste des welfischen Bundes zwischen Florenz und anderen Städten erfüllt. Als er von seiner Gesandtschaft zurückgekehrt war, hatte man ihm den höchsten Vertrauensbeweis gezeigt und ihn in das Priorat gewählt. Der Prior war Mitglied der obersten kommunalen Exekutive, die nur jeweils zwei Monate im Amt war. Dante hat ihr vom 15. Juni bis zum 15. August angehört. Obwohl er wie alle Prioren an die korporative Form der Regierung gebunden war, brachte ihm dieses Amt besondere Bürden. In späteren Jahren hat er das Priorat als die Ursache seines politischen Unglücks bezeichnet, wie aus einem Brief hervorgeht, den Leonardo Bruni anführt. Als Schiedsrichter zwischen den Parteien und eingegliedert in das Kollektiv des Priorats, hatte er eine Verantwortung zu tragen, die mit der Unsicherheit der politischen Verfassung in gefährlichem Widerspruch stand. So konnte er am eigenen Leib erfahren, wie wenig Frieden unter den herrschenden Verhältnissen möglich war, um den es ihm doch am meisten ging.

Wachsende Gefahren

Die zwei Monate seines Priorats standen unter dem Zeichen einer doppelten, anwachsenden Gefahr: in größerer Entfernung, aber mit erschreckender Macht bekleidet der sendungsbewusste und ehrgeizige Papst Bonifatius VIII.; allzu nahe und vom Geist der Aufsässigkeit erfüllt die hochmütigen Häupter der streitenden Parteien. Mit dem Papst geriet Dante in Konflikt, als er ein Urteil gegen drei päpstliche Agenten bestätigte, gegen das sich Bonifatius als eine Beleidigung seiner eigenen Person empörte. Die wilden Tumulte der adligen Anführer nötigten den unbestechlichen Prior, gegen mächtige Familien vorzugehen. In beiden Fällen hat Dante mit Entschlossenheit das Recht gegen die Anmaßung, den Frieden gegen die Friedensstörer verteidigt. Er ließ sich weder von den Drohungen des Papstes einschüchtern, noch versuchte er, seinen Jugendfreund Guido Cavalcanti von der Verbannung auszunehmen, die man über die Verantwortlichen der beiden Häuser, der Donati und der Cerchi, beschlossen hatte.

Als der Papst seine Absichten auf die Toskana immer deutlicher erkennen ließ, trat Dante ihm auch im Rat öffentlich entgegen. In einer Sache, wo der streitbare Bonifatius nur um eine scheinbar kleine Unterstützung bat, die man ihm ohne Anstrengung hätte gewähren können, stimmte Dante aus Prinzip dagegen: »Nihil fiat!« Es soll abgelehnt werden! So überliefert uns das Protokoll die Stellungnahme Dantes, der mit seiner Stimme in der Minderheit blieb. Der Dichter, der in seiner »Hölle« die Lauen mit bitterer Verachtung strafte, hat als Bürger die Last und den Wert der Entscheidung für eine einmal gewonnene Überzeugung erfahren.

Die »weiße« Kommune war in eine bedrängte Lage geraten, aus der sie sich zu erretten hoffte, indem sie beim Papst dem Donati entgegenwirkte und ihm ihren guten Willen bekundete. Es entsprach der politischen Logik der Situation, dass man zum Anerbieten friedlichen Ausgleichs Vermittler auswählte, die kein Verdacht der Opportunität traf. Gerade um glaubwürdig zu erscheinen, wurde auch Dante als Gesandter gewählt. Die Florentiner trafen allerdings erst in Rom ein, als Karl von Valois den Papst schon verlassen hatte und gegen die Stadt anrückte.

Karl war offiziell der »Befrieder« im Auftrag des Papstes, aber es war ein offenes Geheimnis, dass er den Einflüssen der »Schwarzen« nachgegeben hatte und bereit war, Florenz der Rache der Verstoßenen auszuliefern. Nach unschlüssigen Verhandlungen öffnete man dem parteiischen Vermittler die Tore und legte das Geschick der Stadt in seine Hand. Anstelle der Befriedung brachte er die Verfolgung der unterlegenen Partei. Die Geschlagenen mussten nun wie üblich den öffentlichen Schimpf erleiden, der sie für immer aus der Kommune ausschließen sollte. Unterschlagung, Bestechung und Missbrauch der Amtsgewalt, so lauteten die Anklagepunkte, von denen auch Dante Alighieri betroffen war. Nachdem die Beschuldigten, die sichere Verurteilung in Florenz vor Augen, nicht vor Gericht erschienen waren und in Abwesenheit als geständig verurteilt wurden, fiel auf sie alle das Los der Verbannung.

Umgeformt und sinnbeladen

Als die ersten Nachrichten vom Umsturz aus Florenz in Rom eintrafen, eilte Dante nach Siena und erfuhr jetzt, dass er endgültig verurteilt sei, sein Gut eingezogen, sein Name geächtet und seine Person unter Androhung der Todesstrafe verbannt. Im Januar 1302 begann für ihn das Exil. Der Bürger von Florenz sollte die Heimatstadt nicht wiedersehen. Sein Bürgertum war ihm zum Schicksal geworden. Der Bürger der Kommune war noch nicht im Weltbürgertum des Literaten beheimatet, sondern wurzelte in seiner kommunalen Gemeinschaft. Die Gewalt, die Dante vom Heimatboden vertrieb, musste ihm als schreiendes Unrecht erscheinen. Immer wieder wenden sich seine Blicke auf die Stadt, die sein politisches Verantwortungsgefühl weckte – und ihn auf so harte Probe stellte.

Ob Dante ein Politiker gewesen ist oder ob die Politik nur eine sein Leben bestimmende Episode war, mag man je nach Einschätzung des Erfolges verschieden beurteilen. Unbestritten erscheint uns hingegen die Anerkennung, die er als Mitglied der Kommune verdient hat. Es wäre bei seiner Haltung ein Zufall gewesen, wenn sich die Geradlinigkeit seines Einsatzes für ihn persönlich nicht zum Nachteil ausgewirkt hätte. Seine hohe und ungebrochene Auffassung von der menschlichen Gemeinschaft trieb ihn zu der Erfahrung, dass die Welt nicht so ist, wie sie es nach dem Maßstabe der Gerechtigkeit sein müsste. In seinem Ausnahmeschicksal als Bürger sehen wir die Grundlage, die bei aller Begabung und Geistesgröße gelegt werden musste, damit ein Ausnahmewerk wie die »Göttliche Komödie« entstehen konnte.

»Wir aber, deren Heimat die Welt ist wie den Fischen das Meer, wiewohl wir vom Arno tranken vor dem Zahnen und Florenz so sehr lieben, dass wir, weil wir es liebten, ungerechte Verbannung erdulden.«⁵ In Sätzen wie diesem bekundet sich Dantes stolzes Bewusstsein, Unrecht zu ertragen und leidend stark zu sein, den Blick über Florenz hinaus zu erheben und das Schicksal der Welt zu ermessen. Mit richtendem Geist sucht Dante das Wesentliche aus dem Chaos der politischen Verwirrung hervorzuheben. Was sich in seinem Leben noch während der langen Jahre des Exils begeben sollte, erscheint derart umgeformt und sinnbeladen, dass die äußeren Umstände nur indirekt widergespiegelt werden. Der Dichter überträgt die Wirren der Zeit in eine ideale Ordnung. Er begegnet dem Dunkel der Verbannung mit dem geistigen Licht seines Strebens nach Vollkommenheit.

Es sind zwei sehr verschiedene Wege, auf denen der aus seiner Heimatstadt verstoßene Dante sich bemüht hat, in das ersehnte Florenz zurückzukehren. Wie alle seine Mitverbannten und mit ihnen im Bunde versuchte er zunächst gewaltsam die Tore der Stadt zu öffnen und die alte Herrschaft wiederherzustellen. Später, als er die Misserfolge und das Unrecht auch in der Partei der verbündeten Verbannten entdeckte, hat er den Zwang moralischer Überzeugung auszuüben versucht, mit dem er schließlich auch nicht das nächste Ziel, die Rückkehr in die Heimat und die Krönung als Dichter an der Stätte seiner Taufe, erreichen konnte. Auf dem ersten Wege bleibt Dante nur ein »Weißer« unter vielen, die mit den »Schwarzen« in Florenz um die Vormacht in der Kommune kämpfen. Der zweite führt ihn dazu, dem tieferen Sinn seines Lebens als Bürger eine bleibende dichterische Gestalt zu geben.

Anmerkungen

1 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 4, Berlin 1971, S. 590

2 Gioacchino Volpe: Medio evo italiano, Florenz 1923, S. 34. Auf die Bedeutung der Arbeit Volpes weist Antonio Gramsci hin (vgl. Gramsci: Il Risorgimento, Turin 1952, S. 10)

3 Friedrich Engels: Über den Verfall des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie, Berlin 1947

4 Zitiert bei: Umberto Cosmo: Vita di Dante, Bari 1930, S. 60

5 Dante Alighieri (Übers. Franz Dornseiff/Joseph Balogh): Über das Dichten in der Muttersprache, Darmstadt 1925, S. 25

Horst Heintze (1923–2018) war Romanist und Italianist. Er habilitierte mit seinem Werk zu Dante 1965 an der Humboldt-Universität zu Berlin und war dort von 1975 bis 1988 Professor für Romanische Philologie.

Horst Heintze: Dante Alighieri. Bürger und Dichter. Berlin und Weimar 1981. Alle Rechte Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 1965, 2008.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Bernd K. aus Bern (14. September 2021 um 18:03 Uhr)
    »Nel mezzo di camin di nostra vita/ Mi ritrovai per una selva oscura …« (Es war in unseres Lebensweges Mitte, als ich mich fand in einem finstren Wald …) Das sind die berühmten Anfangsverse aus Dantes »Göttlicher Komödie«. Vielleicht sollte man zu Dantes 700. Todestag eine Kerze anzünden und ein Glas Wein auf ihn trinken? (Seine Nachfahren stellen noch heute in dem seit über 700 Jahren familieneigenen Gut einen hervorragenden Amarone her.) Und wenn man den Zustand der Welt oder die »Wahl«-Möglichkeiten und -Aussichten gerade in Deutschland so sieht, dann kann man wohl nur zu dem Schluss kommen, dass die Welt inzwischen die Hölle ist: Denn über ihrem Eingang steht zweifellos jetzt das, was bei Dante noch über dem zur Hölle stand: »Lasciate ogne speranza, voi ch'intrate!« (Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet!) Dante musste noch in die Unterwelt hinabsteigen, um die Hölle zu durchwandern. Die Politik des Wertewestens erspart uns und vor allem den Millionen Opfern ihrer (also »unserer«) Kriege diesen Abstieg … Ein Lichtblick in meinem Leben war, dass ich Horst Heintze persönlich kennenlernen durfte und er mir in zahlreichen Gesprächen ein »Cicerone« durch die reiche Literatur, Philosophie und Kunst der Renaissance war. Mögen beide – Dante und Heintze – jetzt viele interessante Gespräche führen (auch wenn ich das als Atheist natürlich nicht wirklich glauben kann …).

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