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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Kunstgeschichte

Die inszenatorische Fassade

Die Ausstellung »Die Liste der ›Gottbegnadeten‹. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik« dokumentiert faschistische Kunstkarrieren
Von Matthias Reichelt
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Die Bürger betrachten ihre Kunst ohne Schuld – Enthüllung der »Frau Musica« des Nazikünstlers Hermann Kaspar in der Meistersingerhalle Nürnberg 1970

Die Namen von Bildhauern, Malern und Vertretern anderer Kunstgattungen, die von Hitler und Goebbels geschätzt wurden oder sich für das Naziregime verdient gemacht hatten, wurden auf einer Liste als »gottbegnadet« festgehalten. Damit verbunden waren besondere Steuererleichterungen, Großaufträge, Auszeichnungen und das Attribut »unabkömmlich«, das die betreffenden Personen vom Dienst in der Wehrmacht befreite. Sie konnten ungestört in ihren Ateliers an der inszenatorischen Fassade des Regimes arbeiten.

Eine vom Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler Wolfgang Brauneis für das Deutsche Historische Museum konzipierte Ausstellung widmet sich den »gottbegnadeten« Künstlern und zeigt an Beispielen, wie nahtlos sie nach dem Krieg in der BRD ihre Karrieren fortsetzen konnten. Für die Ausstellung wurden noch existierende Skulpturen und Fassadengemälde in den einzelnen Bundesländern neu erfasst und sind nun kartographisch detailliert abrufbar. Arno und Hans Breker, Paul Mathias Padua und Richard Scheibe und viele andere konnten unbehelligt weiterarbeiten und verfügten über ein Netzwerk von mächtigen Förderern, Unterstützern und Auftraggebern.

In einigen Fällen wurden vormals hochdekorierte Nazikünstler in der BRD mit öffentlichen Denkmälern für die Opfer der Nazigewalt beauftragt. Ein besonders dreistes Beispiel hierfür ist Willy Meller. 1938 schuf er die Skulptur »Fackelträger« für die »NS-Ordensburg« in Vogelsang. Nach dem Krieg schuf er dann beispielsweise den Bundesadler für die Fassade des Palais Schaumburg. 1962 schließlich durfte er sich mit »Die Trauernde« für das erste »NS-Dokumentationszentrum« der BRD in Oberhausen in einen antifaschistischen Kontext stellen.

Ein ähnlicher Spagat gelang auch dem »gottbegnadeten« Richard Scheibe. Von den Nazis hochdekoriert, wurde seine gefesselte männliche Figur am 19. Juli 1953 als »Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944« im Hof des Bendlerblocks in Berlin enthüllt.

Arno Brekers ebenfalls »gottbegnadeter« Bruder Hans hatte nach dem Krieg in Weimar unter dem Namen Hans van Breek eine Professur, ging aber in den Westen und gestaltete unter seinem echten Namen das »Ehrenmal für die Sturmartillerie« im bayerischen Karlstadt, das zusammen mit Bundeswehr, US-Army und Ehemaligen der Waffen-SS 1958 eingeweiht wurde.

Der Münchner Bildhauer und Maler Richard Klein, bekannt auch als »Plaketten-Klein«, da er für das Naziregime als Entwurfszeichner für Hoheitszeichen und NSDAP-Reichstagsplaketten tätig war, wurde von der Spruchkammer am 20. März 1947 als belastet eingestuft. Das Urteil sah den Verlust der bürgerlichen Rechte und die Konfiszierung seines Vermögens vor. Doch bereits einen Monat später wurde das Urteil revidiert und Klein nur noch als Mitläufer eingestuft.

Der Maler Hermann Kaspar erhielt unter den Nazis zahlreiche Staatsaufträge und zeichnete ab 1939 auch für die Gestaltung der »Festaufmärsche zum Tag der Deutschen Kunst« verantwortlich. Nach vorübergehender Entlassung erhielt er seine Professur an der Akademie der Künste in München zurück und konnte diese bis zu seiner Emeritierung 1972 bekleiden. Die studentische Protestausstellung »Der Fall Hermann Kaspar« 1968 blieb folgenlos. Bei der Einweihung von Kaspars Wandteppich »Die Frau Musica« in der Nürnberger Meistersingerhalle sagte der CSU-Politiker Konrad Pöhner in seiner Rede:

»Neue Lebenskraft und Freude haben die Schatten der Vergangenheit aufgehellt, die ohne Schuld der Bürger über der Stadt lagen.«

Die »Gottbegnadeten« waren also keineswegs kaltgestellt. Sie wurden weiterhin mit Aufträgen bedacht und geehrt und hinterließen so zahlreiche auch noch heute sichtbare Spuren im öffentlichen Raum. Nur in ganz seltenen Fällen führte dies zu Protesten.

Als aber 1974 der umtriebige Frankfurter Kunstverein unter der Leitung von Georg Bussmann die antifaschistisch und marxistisch fundierte Ausstellung »Kunst im Dritten Reich – Dokumente der Unterwerfung« zeigte, regte sich ausgerechnet an dieser Stelle Widerstand. In der Ausstellung wurden Werke u.a. von Arno Breker, Josef Thorak und dem Maler Adolf »Schamhaar« Ziegler in den Kontext der rassistischen und imperialistischen Nazipolitik gestellt, um die Funktion und Bedeutung der propagandistischen Inszenierung für das System herauszuarbeiten. Viele Linke, darunter Ernst Bloch, Ossip K. Flechtheim oder Gerhard Zwerenz, sahen darin allerdings die Gefahr einer Rehabilitierung »faschistischer Kunst«.

Noch 1987, als die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin aus linker Perspektive die ideologiekritische Ausstellung »Inszenierung der Macht« ankündigte, äußerte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bedenken, die erst nach Gesprächen ausgeräumt werden konnten.

»Die Liste der ›Gottbegnadeten‹. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik«, Deutsches Historisches Museum noch bis 5.12.2021.

Der Katalog kostet 20 Euro

dhm.de

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  • Leserbrief von Dr. Erhard Scherner aus Potsdam (17. September 2021 um 10:06 Uhr)
    Eurem Bericht von der in München veranstalteten Ausstellung »Die Liste der ›Gottbegnadeten‹« stimme ich ganz wesentlich zu. In fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens sind in Westdeutschland nach der Zerschlagung der Naziherrschaft viele Verantwortliche der Nazizeit (Journalistik, Justiz, Außenpolitik, Armee und …) in führende Positionen gerückt. Das bestreitet schon niemand mehr. Ihre Schüler (inzwischen schon deren Schüler) machen uns zu schaffen. In den Künsten ist das wohl etwas differenzierter zu betrachten. Ich nenne den »gottbegnadeten« weltberühmten Komponisten Carl Orff (1895–1982), der in derselben Liste ausgewiesen ist. Es gibt solche Fälle, wo ein Werk gewichtiger ist als das temporäre Versagen seines Schöpfers. Nehmt den Hamburger Autor Herrmann Claudius (Urenkel von Matthias Claudius). Er schuf den Text zu dem in der Arbeiterbewegung (besonders der SPD) vielgesungenen Liedes »Wenn wir schreiten Seit an Seit ...« – und ist doch Autor Hitler verehrender Strophen gewesen wie: »Herrgott, steh dem Führer bei, / dass dein Werk das seine sei. / Dass sein Werk das deine sei – /Herrgott, steh dem Führer bei.« PS: Aus dem Arbeiterlied ist eine Strophe (»Mann und Weib und Weib und Mann / sind nicht Wasser mehr und Feuer ...«) wenig bekannt und entsprechend kaum gesungen worden. Ich möchte sagen: leider. Der Verfassungsschutz hat nichts Besseres zu tun, als Euch zu beobachten. Was für eine schändliche Regierung!
  • Leserbrief von Sebastian Schröder (13. September 2021 um 11:07 Uhr)
    Es ist wichtig und gut, dass die BRD-Netzwerke der Nazikünstler in der Ausstellung systematisch dargestellt werden. Die BRD war in der Hauptsache eine postfaschistische Gesellschaft, überall von den Nazieliten getragen, und das zeigt die Ausstellung deutlich. Über die Gewalttätigkeit des Faschismus an der Macht gab es von Anfang an keine Zweifel, das haben die Künstler gewusst, hingenommen und durch ihr Mittun legitimiert. Sie wurden berühmt und wohlhabend durch den Faschismus. Nach der Befreiung haben sie jede Mitschuld abgestritten und die ästhetischen Formen einfach weiter benutzt, vor allem im öffentlichen Raum. Eine Ausnahme ist Arno Brekers Pallas Athene in Wuppertal. Sein einziger öffentlicher Auftrag, 1957 in seiner Heimatstadt von seinem Bekannten Friedrich Hetzelt vermittelt, der ebenfalls auf der »Gottbegnadeten-Liste« stand, ist Breker-untypisch. Das Thema Kriegsgöttin war aber in der faschistischen Tradition, und das vor einer Schule! Breker zeichnet »impertinent-selbstsicheres Auftreten« in der BRD aus, die ökonomische Elite hofiert Hitlers Liebling und Superstar. 2019 hat die Schulkonferenz des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums entschieden, die für Rassismus und Faschismus stehende Statue zu entfernen. Dem widersprechen das Denkmalamt und die in geschichtspolitische Entscheidungen eingebundenen Personen, und so bleibt die Kriegsgöttin stehen und bedroht die eintretenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen weiter mit ihrem Speer. Wir wissen, dass sie es ernst meinen. Jetzt ist Pallas Athene in Berlin als Teil der Ausstellung, und endlich ist dort Platz für Kunst der Aufklärung, Kunst ohne Hass und Gewalt. Die Schule soll den Platz übernehmen, den Platz besetzen. Breker, bleib weg!

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