3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 18. / 19. September 2021, Nr. 217
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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Blaue Füße

Von Maxi Wunder

Ich hab’ Lust, mich zu streiten, aber es ist keiner da, nur Roswitha, und die telefoniert: »Tut mir leid, Mama, ich weigere mich, Nine-eleven zum zwanzigsten Mal zu bejammern … Doch, Mama, die 3.000 Leute tun mir leid. Sterben ist nie schön, schon gar nicht, wenn man die Wahl hat zwischen Rauchvergiftung und Fenstersturz … und Flugzeugcrash, ja, Mama! Aus 400 Meter Höhe kopfüber ist furchtbar, keine Frage … ja, ›the falling man‹ kenn’ ich, das Foto … Nein, habe ich mir nicht übers Bett gehängt. Mama!« Roswitha spricht mit ihrer Mutter, eine begeisterte New-York-Reisende, die der Auffassung ist, New York City sei nicht die USA und habe das Attentat, von wem auch immer begangen, nicht verdient. »Mama, so was verdient keiner … hmmh … Das Pentagon? Das Pentagon hätten sie ruhig richtig platt machen können, sehe ich auch so … Genau, radikale Architekturkritik … Und wenn mir das Bier in ›Mannes Imbissbude‹ nicht schmeckt, reiße ich die Hütte mit dem Bulldozer ein, damit der Manfred weiß, was ich von ihm halte, ne? … Nein, ich will das Problem nicht kleinreden, Mama, hör bitte auf, mich zu politisieren, ja?«

Blass vor Neid belausche ich Rossis Gespräch. Die hat noch eine Mutter, mit der sie streiten kann, die Glückliche. Hatte ich nicht. Meine Mutter hat sich grundsätzlich nicht mit ihrer Tochter gestritten, da konnte ich zicken, wie ich wollte. Die hat nur ihre Männer angepöbelt. »Mörder!« hat sie ihren letzten Freund genannt, »Mörder!« schrie sie auf dem Beifahrersitz, als wir im Auto durch ein Waldstück fuhren und Tasso (so hieß ihr letzter) ein Kaninchen überfahren hatte. Sie schlug ihn, was nicht ungefährlich ist beim Autofahren, aber das war ihr egal. »Mörder!!!« Ja, Mama, nicht nur Tasso, das sind wir alle in unserer europäischen, »christlichen« Wertegemeinschaft. Ein Tätervolk, das immer noch andere überrollt und einsperrt. Moria, Kara Tepe, Vial, Vathy, Lepida, Pyli heißen die Lager heute und liegen in Griechenland. »Diese Verbrechen werden uns eines Tages auf die Füße fallen, Maxi, und zwar mächtig gewaltig!«

»Blaue Füße«:

500 g Kartoffeln kochen, schälen und durch die Kartoffelpresse drücken. Mit 250 g Mehl, einem Ei, Salz und Muskat zu einem Teig verarbeiten. Zehn daumendicke Rollen (»Zehen«) formen, verschieden große Stücke abschneiden, in Mehl wenden. Die Zehen von beiden Seiten in Butter goldbraun anbraten, auf eine Platte legen. Für die blaue Sauce 200 g Schlagsahne mit 150 g zerdrücktem Blauschimmelkäse und einer gepressten Knoblauchzehe unter Rühren erhitzen, bis eine sämige Masse entsteht. Mit weißem Pfeffer würzen. 100 ml Weißwein einrühren, zwei Eigelbe unterziehen. Nicht mehr aufkochen. Über die Zehen gießen und servieren.

Das hätte meine Mutter gesagt, würde sie noch leben, und was soll man da entgegnen? Aber mit Rossi könnte ich’s versuchen. »Roswitha!«, unterbreche ich unhöflich ihr Telefonat, »deine neue Billighaarfarbe hat alle Nuancen einer fleckigen Flohmarkttrompete!« – »Mutti, ich muss aufhören, Maxi will was von mir, tschüüs.« Klick. Rossi springt erleichtert vom Sofa und gibt mir einen Kuss: »Danke, Maxi!« – Mist!!!

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  • Leserbrief von Detlev K. aus Berlin (16. September 2021 um 11:13 Uhr)
    Ich lese die jW seit jahren im Abo, kenne also auch die Veränderungen. eine Änderung war die Übernahme der Rubrik »Coole Wampe« durch Maxi Wunder. Bisher hat kein Leserbrief (welche ich auch immer wieder mit Vergnügen lese) sich auf Maxi bezogen, also tue ich es. Für mich ist es eine der wichtigsten Rubriken der jW, auf die ich schon jeden Sonnabend gespannt bin. Ein Fortsetzungsroman über Essen und Trinken. Ich schreibe auch ab und zu Liedertexte und weiß, welche Mühe dahintersteckt, sich jede Woche etwas neues Gutes auszudenken. Es ist besonders charmant, dass Maxi immer wieder den Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit (vulgo Schweinesystem/Kapitalismus) findet. Ich möchte noch recht lange von ihren Abenteuern mit Rossi und Udo lesen. Ohne ins Detail zu gehen, habe ich ausprobiert, ob frau/man die Speisen tatsächlich nach Maxis Anweisung kochen kann. Danke, Maxi Wunder, danke, jW!

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