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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Vom Schiff des Todes in den Bus des Verderbens

Von Thomas Gsella
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Ziemlich genau ein Jahr ist es nun her, dass unsere zwei Töchter acht und dreizehn waren und beim mittäglichen Samstagsfrühstück fragten:

»Mama-a?«

»Papa-a?«

»Wir würden in diesen Sommerferien echt voll gern nach Thailand fahren mit zwei Erwachsenen …«

»… die dann alles falsch machen, was man falsch machen kann. Kommt ihr mit?«

Meine Frau und ich waren nie Supererzieher, und irgendwann ist es dann halt zu spät. Nicht mal verhauen können wir, jedenfalls nicht so, dass es sich gewollt anfühlt.

»Gute Idee«, sagten wir, und das war es ja auch. Thailand ist ein Land mit erwärmenden Temperaturen und Einwohnern, bezaubernden Stränden und Dschungeln, märchenhaften Elefanten und Insekten und sagenhaften Schiffen und Bussen, aber das wussten wir noch nicht an jenem Samstag mittag. Beim lokalen Reisebüro erfuhren wir den Reisepreis, verkauften unsere Diamanten und Lebensversicherungen und bestiegen am 4. August des Jahres 2012 ein teures Flugzeug der Marke Etihad, das uns zunächst ins arabische Abu Dhabi bringen sollte und auch brachte.

Allerdings nicht sofort. Weil Araber zu Hause auf kochendem Sand leben und Abkühlung zu schätzen wissen, machten sie einen langen Umweg über die eiskalte Stratosphäre. Dort stellten sie die Klimaanlage auf Schockgefrieren, rissen sich die Schleier vom Leib und tanzten arktische Polka. Genau weiß ich es aber nicht mehr, weil ich zwei Wolldecken um Kopf und Körper rollte, bevor ich dann endlich ohnmächtig wurde.

Irgendwann war’s wieder wärmer. Wir tauten auf, gratulierten uns zum Weiterleben und mussten aussteigen: Abu Dhabi. Zum Glück hatte man vergessen, die Flugzeugturbinen auszuschalten, und so fühlten wir uns auf der glühenden Ausstiegstreppe wie ein richtiges Raumschiff beim Wiedereintritt. Später erkannten wir, dass die Luft überall so heiß war und die Turbinen wohl doch aus gewesen waren. Da verstanden wir das mit dem Schockgefrieren schon besser, und ich fragte meine Frau, ob Araber ihre Schleier vielleicht nur tragen, damit sie in der Stratosphäre was zum Ausziehen haben. Statt einer kühlen Entgegnung bekam ich eine kochende Fanta.

*

Aber kälter war Thailand dann auch nicht. Weil wir vor Fahrtantritt nicht wussten, wie Asien mit Töchtern geht, hatten wir für die erste Woche ein feines Beachresort auf der Insel Koh Samui gebucht mit Luxus-Air-Condition, die die Hüttentemperatur dann tatsächlich auf angenehme zweiundvierzig Grad herunterfuhr, gerade richtig fürs Anlegen von Badekleidung. Zwei Minuten später sprangen wir in den Pool und gleich wieder hinaus, danach blitzschnell ins Meer und gleich wieder hinaus, dann wieder Pool, Meer, Pool, Meer, Pool, Meer und so weiter. Nach einer halben Stunde kamen wir überein, dass beide Wassersorten dadurch nicht kühler wurden und man in Thailand halt nur schwimmen geht, wenn einem die siedend heiße Atemluft irgendwie zu kalt ist.

Also rief ich: »Zeit zum Mittagsspaziergang!« Und ein paar Minuten später liefen wir am Strand entlang, kurz natürlich, fünf, sechs Kilometer vielleicht, nur schnell bis zum nächsten Örtchen. Weil wir Mutter Natur nicht ins Handwerk pfuschen wollten, hatten wir Sonnenmilch und Sonnenhüte im Koffer gelassen, und es klappte vorzüglich: Etwa alle hundert Meter verdoppelte sich die Leucht- und Schmerzintensität der Rötungen, unsere Haut konnte gar nicht so schnell abfallen, wie neue Schichten nachgarten, wir verbrannten und pellten uns in sozusagen simultaner Permanenz, und als wir das Örtchen erreichten, bildeten die Einheimischen eine Gasse, rollten einen Teppich aus, fielen auf die Knie und fragten uns, ob wir ihr neuer König werden wollen, denn seit hundert Jahren habe kein Europäer diese Strecke überlebt.

Als wir aus dem Fiebertraum erwachten, war es Nacht, und ein Taxi trug uns in unsere Hütte. Wir tranken einen Eimer After-Sun, krochen ins Bett und schliefen zwei Nächte und zwei Tage nicht, weil unsere Haut partout nicht unten liegen wollte und das Im-Stehen-Schlafen so ermüdend war, dass wir uns andauernd hinlegen wollten, aber, wie gesagt, nicht durften. Irgendwann fiel unseren Töchtern dann ein, dass sie noch wachsen müssen, und wir gingen essen.

Der erste Satz jedes Thailand-Reiseführers lautet: »Speisen Sie NIE, NIE, NIEMALS an Straßenständen, vor denen die Einheimischen Sie mit panischen Bewegungen und weit aufgerissenen Augen warnen!« Aber auf Reiseführer hören Spießer, keine Abenteurer. In fernen Ländern soll man eintauchen in den Strom der Ereignisse und reiten auf dem Rücken des Neuen, und wenn ein Fleisch für westliche Augen und Nasen komisch aussieht und riecht, kann ja das Fleisch nichts dafür. Konnte es in diesem Fall aber doch, und nachdem uns ein Taxi in unsere Hütte getragen hatte, leerten wir unsere Mägen nach Art der Abenteurer und versuchten noch mal, auf unserer Haut zu schlafen. Dann gingen wir schwimmen, weil uns die siedend heiße Atemluft irgendwie zu kalt war.

Am nächsten Morgen sagten unsere Töchter: »Falsch gemacht habt ihr jetzt echt voll genug. Ab heute dürft ihr auch was richtig machen.«

»Wir fahren nach Koh Tao«, sagte meine Frau. »Eine Insel weiter nördlich, da ist es bestimmt kühler.«

*

Der zweite Satz jedes Thailand-Reiseführes lautet: »Betreten Sie NIE, NIE, NIEMALS mit vollem Magen das kleine, lustig blaue Schiffchen, das zwischen Koh Samui und der übrigens deutlich heißeren Nachbarinsel Koh Tao verkehrt!« Aber weil wir ja nach dem komischen Fleisch schon nicht gestorben waren, betraten wir das kleine, lustig blaue Schiffchen mit vollem Magen. Das war auch gut so, denn nach einer halben Stunde eilten alle Europäer auf die Dachreling, wo sie ihre Mägen nach Art der Abenteurer leerten, und weil wir was zum Mitmachen in uns hatten, bekamen wir auch einen Platz und genossen die freie Sicht auf das holprige Meer und die unter uns liegenden Erdgeschossfenster. Blöd war nur, dass sie geöffnet waren und der Fahrtwind dann allerlei europäisches Magenzeug dort hineinwehte. Thailänder sind sehr gastfreundliche Menschen, aber nach den Kommentargeräuschen zu urteilen schienen sie schon auch ein bisschen verstimmt.

Zum Ausgleich waren vier Stunden später, als wir Koh Tao erreichten, alle Europäter tot. Pick-ups brachten unsere Leichen ins Badebuchtresort, unterwegs boten viele Thailänder am Straßenrand Essbares feil und trauten sich dabei ganz nahe an uns heran, weil sie ja wussten, dass weiße Leichen nichts mehr im Magen haben. Zu ihrem Glück nichts mehr im Magen, könnte man sagen, denn die Straße war noch deutlich holpriger als das Meer.

Am nächsten Morgen aber wiederauferstanden wir in der schönsten Bucht des Universums. Eine Woche blieben wir dort; tagsüber guckten wir Korallenfischen und Riffhaien beim Dasein zu, abends tranken wir zum scharfen Reis das gute Chang-Bier, und so fanden auch unsere Töchter leicht in den Schlaf. Als dann die Regenzeit mit ihren kurzen Schauern einsetzte und die Luft auf frühherbstliche zweiunddreißig Grad herunterkühlte, legten wir uns ins Wasser und blieben dort, auch nachts, nah am Strand, über uns der Mond und die Sterne, von oben hin und wieder ein paar Tropfen und unter uns das Chinesische Meer, noch immer badwarm und schmeichelnd, und manche Fische konnten vor Lebensfreude nicht einschlafen und küssten unsere Zehen. Wären wir bei Trost, wir hätten diesen Himmel nie verlassen.

Am nächsten Abend fuhren wir ab. Ein Nachtschiff, ein wahrhaftes Traumschiff, nicht blau, sondern braun von Ratten, Rost und wackeligen Schrauben, ließ uns schlafen wie Engel und brachte uns aufs Festland, ausgeruht buchten wir am nächsten Morgen einen Nachtbus in die nördliche Dschungelstadt ­Chiang-Mai, sechzehn Stunden und tausend exotische Kilometer lagen vor uns, und gefühlte hunderttausend sollten es werden.

*

Der Bus ist der König der Automobile, der thailändische Komfortbus ihr Kaiser. Man hat Beinfreiheit, man wird von verantwortungsvollen Berufsfahrern durch eine berauschende Landschaft getragen, man kann lesen, Mitreisende kennenlernen oder, gestreichelt von frisch duftenden seidigen Decken, sich vom nachtleisen Surren des gut gefederten Busses in einen tropischen Traum singen lassen, und die Toilette ist geräumig und sauber. So hatten wir die Gesten der Reisebürodame verstanden, wir können ja kein Thai, und das mit der berauschenden Landschaft stimmte tatsächlich. Zum Glück machte die um 19 Uhr das Licht aus, und wir konnten uns auf die anderen Komfortsachen konzentrieren.

Die Federung beispielsweise war genau richtig. Auf Reisen will man Land und Leute kennenzulernen, und tatsächlich lernten wir viele tausend Schlaglöcher kennen und Leute, die mit 150 km/h darüberbrausten, egal wie voll und eng die sogenannte Straße war. In Thailand heißen diese Leute Busfahrer, aber was konnte uns ein Totalschaden schon anhaben, haha! Bei dieser Beinfreiheit!

Die Beinfreiheit, wollte Rosa Luxemburg allerdings eigentlich schreiben, ist immer die Sitzzurücklehnfreiheit des Andersdenkenden, sprich Vordermanns. Komfortbusschlafforscher nennen es Dominoeffekt: Will ganz vorn jemand schlafen, möchten auch alle hinter ihm Sitzenden ihre Beine vom Vordermann eingequetscht kriegen und schlafen. Passenderweise ging dann auch das Buslicht aus, so dass wir alle schlagartig mit dem Lesen aufhörten und die Augen schlossen, und ein mannsgroßes Video startete auf einer Komfortleinwand derart laut, dass wir die Augen schlagartig wieder öffneten. Zu genießen war eine original thailändische Liebesromanze, zwei wollten heiraten und durften nicht wegen ihrer oder seiner Eltern oder Omas oder wie, am Ende durften sie aber doch und küssten sich, mehr möchte ich dazu nicht sagen, wir konnten ja immer noch kein Thai und lernten es auch während dieser fesselnden vier Stunden nicht. Erst als unsere geliebten Töchter zum zwanzigsten Mal verschreckt aufwachten und uns fragten, womit sie eine solche Nacht, ein solches Leid verdient hätten, nahmen wir uns ein Herz und schlugen sie ohnmächtig.

Nach dem Film vertrat sich der Fahrer die Beine und ließ die Bustüren weit offen, damit Mücken zusteigen konnten, denn Thailander sind Buddhisten und lieben Geschöpfe. Unsere neuen Mitfahrer hielten dann ausführlich Nachtmahl und summten so fröhlich um uns herum, dass viele Ausgesaugte sie nicht stören wollten und ihre Kopfhörer aufsetzen. Die Ausgesaugten ohne Kopfhörer hatten als Einschlaf­musik nun Mückensummen mit mulitplem nachbarlichen Kopfhörerschlagzeug, und so ging ich auf die geräumige und saubere Toilette.

Leider gab es dort kein Licht, so dass ich die Sauberkeit nicht sehen konnte, was bei dem gut riechbaren Gestank ein bisschen schade war. Schön geräumig schien sie aber wirklich. Außer bei Schlaglöchern stieß ich beim Sitzen mit dem Kopf nur ganz leicht an die Decke, und damit die Mücken und ich uns nicht unnötig beengt fühlten, hatte man Toilettenpapier und Waschbecken weggelassen. Wie tausend Nadelstiche bohrten sich die Säbel unsichtbarer Moskitoarmeen in meinen Körper, ich hatte nichts, um mich zu schützen, nichts, um mich zu reinigen, überlegte, ob ich weinen oder sterben sollte – da geschah es.

Zuerst glitt, ohne mein geringstes Zutun, meine rechte Wade unter meinen linken Oberschenkel; dann die linke Wade unter den rechten. Anschließend formten meine Hände mit Daumen und Zeigefinger je einen Kreis und legten sich mit dem seitlichen Handballen auf meine Knie. Kein Zweifel: Ich wurde ein Mönch in diesen Sekunden, ein Buddha im Schneidersitz, und ich begann zu meditieren. Alles an und in mir wurde warm und weich und gut, immer ruhiger ging mein Atem, und mein Geist flog aus der kleinen Toilette in die Unendlichkeit des Firmaments.

Dann hob sich mein Körper in die Luft. Es überraschte mich nicht. Ganz langsam löste ich mich von der Klobrille und stieg, und alles war richtig und logisch, und alles war leicht. Erleuchtet schwebte ich in diesem Komfortscheisshaus herum, nur einmal stieß ich mit dem Kopf an die Decke, die Mücken zogen sich verdattert zurück, ich weiß bis heute nicht, wie lange ich schwebte. Erst auf meinem Bussitz kam ich wieder zu mir, angezogen, sauber, vollkommen zerstochen – ein Wunder!

*

Um vier schaute ich auf die Uhr. Alle schliefen nun, außer mir und dem Busfahrer, der sich einen schlauen Wachbleibetrick ausgedacht hatte: Alle zwanzig Sekunden, chchrrpfruttsch!!, spuckte er mit Karacho aus seinem Fenster, und anfänglich war ich gerührt von soviel Energie und Verantwortungsbewusstsein. Um fünf Uhr stellte ich fest, dass sein Wachbleibetrick auch bei mir funktionierte, indem ich mich immer eingehender fragte, wie sein Sekret, chchrrpfruttsch!!, wohl beschaffen sei. Trost suchte ich eine Zeitlang in der Vorstellung, dass unser Bus von einer bösen Hexe ferngesteuert werde, der Busfahrer Hänsel heiße und auf diese Weise, chchrrpfruttsch!!, seinen Rückweg aus dem Hexenwald markiere. Anschließend entwickelte ich die Theorie vom »nationalen Liebreizvorkommen«. Sie besagt, dass der liebe Gott jedem Volk am Tag seiner Erschaffung einen genau festgelegten Vorrat an Liebreiz mitgab, und weil die thailändischen Frauen sich damals alles genommen haben, blieb für ihre armen Männer kein Nanogramm mehr übrig, cchrrpfruttsch!!

Diese Theorie stimmt.

Thomas Gsella, Jahrgang 1958, ist Dichter und Schriftsteller, vor allem komischer. Er war viele Jahre lang Redakteur und von 2005 bis 2008 Chefredakteur des Frankfurter Satiremagazins Titanic. Seine Gedichte und Geschichten erscheinen in allen führenden deutschsprachigen Printmedien, natürlich auch in junge Welt. An dieser Stelle erschien zuletzt in der Ausgabe vom 17./18.4.2021 »Die letzte Nacht des Markus Söder. Eine stille Utopie«

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