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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 15 / Geschichte
Faschistisches Pogrom

Startschuss zur Gewalt

Am 17. September jähren sich die rassistischen Pogrome von Hoyerswerda zum 30. Mal. Ein Fanal für jahrelangen faschistischen Terror
Von Markus Bernhardt
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Während sie die Opfer der Faschisten nicht schützte, griff die Polizei brutal eine genehmigte antifaschistische Demonstration an (Hoyerswerda, 29.9.1991)

Nachdem es nach der sogenannten Wiedervereinigung der Bundesrepublik und der DDR zu drastischen sozialen Verwerfungen und Desillusionierung gekommen war, brach sich zu Beginn der 1990er Jahre eine Welle rassistisch motivierter Gewalt Bahn. So kam es zwischen dem 17. und 23. September 1991 im sächsischen Hoyerswerda erstmalig zu über Tage hinweg anhaltenden rassistischen Pogromen, bei denen unter dem Jubel des Teils der Bevölkerung, der dem Angriff beiwohnten, ein Wohnheim für DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambik sowie ein Flüchtlingswohnheim attackiert wurden.

Der Startpunkt für die brutale Serie von Übergriffen und Attacken, dem in den Folgejahren eine Reihe weiterer mörderischer Attacken folgen sollten, wurde am Nachmittag des 17. September gesetzt, als rund 15 vermummte Faschisten den Wochenmarkt auf dem Lausitzer Platz in Hoyerswerda stürmten und ohne Vorwarnung begannen, auf Menschen vietnamesischer Herkunft einzuprügeln. Die Neonazis verfolgten ihre flüchtenden Opfer bis direkt vor das Heim für Vertragsarbeiter in der Albert-Schweitzer-Straße, wo sich die Vietnamesinnen und Viet­namesen verbarrikadierten. Die Faschisten skandierten dort rassistische Parolen und versuchten, das Gebäude zu stürmen.

Nachdem die zur Hilfe gerufene Polizei erst tatenlos zugesehen hatte, wurden die Beamten, als sie einschreiten wollten, von etwa 500 aufgebrachten rechten Hoyerswerderanern, die sich nach und nach vor dem Gebäude versammelt hatten, daran gehindert, die ehemaligen Vertragsarbeiter vor den Faschisten zu schützen. Erst nach mehr als zwei Stunden gelang es den Einsatzkräften mit Unterstützung eines Spezialkommandos, den Angriff der Neonazis abzuwehren.

Kader aus dem Westen

Obwohl sich die Situation gegen 21 Uhr vorerst beruhigt hatte, versammelten sich am Folgetag erneut knapp 100 Personen vor dem Gebäude. Dabei erhielten sie weiteren Zulauf von anderen Neonazis und von ihnen Angestachelten aus der Bevölkerung von Hoyerswerda, so dass die pöbelnde Menschenmenge bis in die Abendstunden auf über 250 Personen angewachsen war. Erneut kam es zu Angriffen auf die Heimbewohnerinnen und -bewohnern durch den aggressiven Mob. Ab Freitag dehnten die Faschisten ihre Angriffe noch weiter aus und versuchten, auch das Asylbewerberheim in der Thomas-Müntzer-Straße zu stürmen.

Keineswegs handelte es sich bei den Angreifern einzig um aus Hoyerswerda stammende Jungnazis. Vielmehr hatte sich auch eine Reihe westdeutscher Neonazikader samt Umfeld gezielt in den Osten aufgemacht.

Gezielt setzte der anwesende rechte Mob Feuerwerkskörper, Steine und Molotowcocktails ein, um die in viel zu geringer Mannschaftsstärke anwesende Polizei in Schach zu halten, während sie die Heimbewohnerinnen und Heimbewohner attackierten und versuchten, die Gebäude in Brand zu stecken. Zwar nahm die Polizei einige Dutzend Festnahmen vor, die Unterstützung durch rechte Beihelfer aus der Hoyerswerdaer Bevölkerung riss dadurch jedoch nicht ab. Faschisten wurden vor den Beamten abgeschirmt und sogar mit Benzin und Flaschen versorgt.

Während autonome Antifaschistinnen und Antifaschisten nach Hoyerswerda mobilisierten und dort am Sonntag, dem 29. September 1991, mit etwa 4.000 bis 5.000 Menschen auf die Straße gingen, griff die Polizei die Demonstration immer wieder mit Wasserwerfern und Tränengas an. Die Opfer der Faschisten wurden durch die Beamten hingegen nicht geschützt, so dass sie zeitgleich zu den Protesten der Nazigegnerinnen und -gegner von den Behörden aus Hoyerswerda evakuiert wurden. Ein Mob von rund 1.000 Schaulustigen, Rassisten und Neonazis bejubelte den Abtransport der völlig verängstigten ehemaligen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter. Insgesamt wurden bei den Pogromen mindestens 32 Menschen verletzt. Es gab 82 vorläufige Festnahmen, von denen jedoch nur vier Personen anschließend verurteilt wurden.

Rechte Terrorwelle

Die damaligen Pogrome sollten jedoch nur den Beginn einer mörderischen Serie von durch Faschisten begangenen Gewalttaten darstellen. Auch im nachhinein setzten die Nazis in Hoyerswerda ihre Angriffe gegen all jene fort, die sie zu ihren Feindbildern zählten. In zunehmendem Maße wurden Inhaber von griechischen, asiatischen und türkischen Imbissen und Restaurants sowie linke und alternative Jugendliche zum Angriffsziel der Neonazis, die außerdem regelmäßig den Jugendklub »Laden«, das Umweltzentrum und Ökoaktivisten organisiert und gezielt angriffen. Viele junge Menschen, die zuvor noch versucht hatten, sich den Faschisten in den Weg zu stellen, fühlten sich daraufhin genötigt, aus Sicherheitsgründen die Stadt zu verlassen.

Doch damit nicht genug: In der Nacht zum 11. Oktober 1992 provozierten etwa 15 Neonazis die Besucherinnen und Besucher der Diskothek »Grubenlampe« mit Parolen wie »Sieg Heil!«, »Deutschland den Deutschen« und »Ausländer raus«. Als die Anwesenden ihren Unmut durch Buhrufe äußerten, stürmten die Faschisten auf die Besucherinnen und Besucher zu. Ein zum Tatzeitpunkt 17jähriger Neonazi schlug dabei mit einer Holzlatte auf einen Kfz-Lehrling ein. Als die anwesende Waltraud Scheffler den Täter dazu bringen wollte, aufzuhören, holte dieser zum Schlag aus und traf die 44jährige Frau mehrfach mit großer Wucht an der rechten Schläfe. Scheffler fiel ins Koma, aus dem sie nie wieder erwachte und am 23. Oktober 1992 im Klinikum von Hoyerswerda ihren schweren Verletzungen erlag. Im Februar 1993 griffen Neonazis außerdem eine alternative Party in Hoyerswerda an und verletzten den linken Musiker Mike Zerna so schwer, dass er wenige Tage später verstarb.

Hoyerswerda war das Fanal für eine Serie von Brandanschlägen, Morden und Tötungsdelikten im gesamten Bundesgebiet. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen (1992) und Mannheim-Schönau (1992) und die Brandanschläge in Mölln
(1992) und Solingen (1993). Die etablierte Politik reagierte darauf, in dem sie 1993 die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl beschloss. Während Nazigegnerinnen und -gegner die Anzahl der seit 1990 von Neonazis ermordeten Menschen mit mindestens 213 (plus 13 weitere Verdachtsfälle) beziffern, wertet die Bundesregierung noch heutzutage lediglich 106 Tötungsdelikte als »rechtsmotiviert«. Politisch aufgearbeitet sind Taten hingegen allesamt bis heute nicht.

Weitere Informationen: www.hoyerswerda-1991.de

Auszüge aus einem Artikel der Wildcat vom Oktober 1991:

(…) Mit dem Ende der DDR und der beabsichtigten Schließung der riesigen Braunkohletagebaugruben wurden sie (die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter, jW) nach und nach in ihr Heimatland zurückgeschickt. Etwa 200 von ihnen waren noch da, als eine Gruppe Faschisten Mitte September vietnamesische Händler vom Wochenmarkt vertrieb. Diese zogen sich in das Wohnheim zurück. Nachts flogen dann Steine aufs Wohnheim. (…) Bereits seit einiger Zeit hatte die Geschäftsleitung des Braunkohlebetriebs den ausländischen Arbeitern immer mehr Schwierigkeiten gemacht. Beispielsweise hatte sie die Prämie für deutsche Arbeiter um mehr als 800 DM erhöht, die für ausländische nur um etwa 200, und ihnen gleichzeitig das »Angebot« gemacht, ihre Verträge vorzeitig zu beenden. Statt dessen waren sie in Streik für gleiche Prämien getreten, woraufhin ihnen die Geschäftsleitung den Zutritt zum Werksgelände untersagte. Es kam zu Verhandlungen im Wohnheim, die zu keinem Ergebnis führten – drei Stunden später begannen die Angriffe aufs Wohnheim.

Um die ausländischen Arbeiter loszuwerden, hätte der Betrieb ihnen eine Abfindung zahlen müssen. (Es gibt auch das Gerücht, der Unternehmer habe die Faschos bezahlt oder aufgehetzt, Leute wollen ihn im Gespräch mit einigen von ihnen gesehen haben.) In der Nacht darauf kamen die Faschisten wieder, diesmal zwei Dutzend. (…) Der Staat kokettierte tagelang mit seiner angeblichen Hilflosigkeit und ließ dann am 23.9. die meisten der Arbeiter und alle AsylbewerberInnen überstürzt abtransportieren – durch Spaliere beifallklatschender AnwohnerInnen. (…)

kurzelinks.de/wildcat-10-1991

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