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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Rap

Stimme der Stimmlosen

Wenn das Herz aussetzt: Das neue Album des Südlondoner Rappers Dave
Von Emre Şahin
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Dave ist ein Ankläger, sein Album sein Plädoyer

Busfahrten in den roten Doppeldeckern Londons können langwierig sein – es sei denn, man ergattert einen der begehrten ­Premiumplätze ganz vorne im Oberdeck mit Aussicht. Dazu ein voller Handyakku plus freshe Musik und du kannst dich ganz easy verlieren. Vor einigen Jahren hatte ich einen dieser besonderen Momente: Beim Spotify-Shuffeln stieß ich dabei auf Dave, einen nigerianisch-britischen Rapper aus dem Südlondoner Stadtteil Streatham. Mir war der Song »Hangman« von seinem Debütalbum »Psychodrama« empfohlen worden: gesellschaftkritisch, starke Message, melodischer Pianobeat. Dave geißelt darin unter anderem die Ganggewalt in London – jedoch nicht als Außenstehender, der nur urteilt. Sein eigener Bruder sitzt lebenslänglich, weil er einen 15jährigen erstochen hat. Er weiß, wovon er spricht.

Ende Juli hat Dave mit seiner zweiten Platte »We’re All Alone in This Together« nachgelegt, ohne vorab großartig Promo gemacht zu haben. Lediglich ein Clip wurde bisher veröffentlicht: »Clash«, mit Stormzy als Feature. Es ist ein typischer Flexsong, der einen dazu verleiten würde, das Auto vor einem auf der Autobahn zu überholen, nicht weil es nötig ist, sondern weil man Bock darauf hat. Doch die Single ist auf dem Album eine Ausnahme: Das Grundgefühl der Platte ist eher ruhiger. Das Cover-Artwork ist eine Neuinterpretation von Claude Monets »Impression, Sonnenaufgang«.

Schon das Intro »We’re All Alone« ist melancholisch und wird gegen Ende mit einem Beatswitch noch emotionaler. Im zweiten Teil hält Dave einen inneren Monolog über die Nachricht eines jungen Fans, der ihm geschrieben hat, dass er sich umbringen will: »Poverty’s killin’ us, the government’s killin’ us / If they ain’t killin’ us, then we’re killin’ ourselves«, rappt er. Messages sind seine Stärke, und die Hörer fühlen es.

Ähnlich der Song »Three Rivers«, in dem er unter anderem den »Windrush-Skandal« von 2018 thematisiert: Auf Einladung Londons kamen zwischen 1948 und 1973 mehr als eine halbe Million Menschen aus den britischen Kolonien in der Karibik ins Land, um es nach dem Krieg aufzubauen. Der Name leitet sich von der »HMT Empire Windrush« ab, dem Schiff, das 1948 die ersten 802 Leute aus Jamaika mitgebracht hatte – man spricht auch von der »Windrush Generation«. 2012 verschärfte die damalige Innenministerin Theresa May die einwanderungsfeindliche Politik, die ins Land geholten Arbeiter galten plötzlich als illegal. Unzählige Menschen, die seit Jahrzehnten im Land gelebt hatten, verloren ihre Jobs und sollten abgeschoben werden: »Imagine a place where you raise your kids / The only place you live says ›you ain’t a Brit‹ / They’re deportin’ our people and it makes me sick / ’Cause they were broken by the country that they came to fix«, heißt es bei Dave.

Empfohlen sei auch »Heart Attack«, ein zehnminütiges Epos, in dem er sich seine Wut über verschiedene Themen von der Seele rappt. Der Beat klingt wie ein Herzschlag, der gegen Ende aussetzt, aber Dave macht noch a cappella weiter. Am Schluss des Songs ist – wie bei mehreren Titeln des Albums – eine Sprachaufnahme eingefügt. Sie ist von seiner Mutter, die ihm erzählt, wie schwer ihr Leben mit drei Kindern als Geflüchtete aus Nigeria gewesen ist, während ihr Mann abgeschoben wurde. Kleinigkeiten wie diese reichen schon aus, um sein Werk von anderen abzuheben.

Zwar hat das Album noch mehr zu bieten: »Verdansk« mit londontypisch dreckigem Sound, mainstream klingende Titel wie »Law of Attraction«, oder »System« mit Afrobeat und catchy Refrain. Doch am überzeugendsten ist Dave in der Rolle des Anklägers, der sich nicht scheut, Missstände anzusprechen. Besonders eindringlich sind seine Worte deshalb in den Liedern mit ruhigen Pianobeats.

Klar, man kann bemängeln, dass seine Kritik an manchen Stellen nicht weit genug geht. Aber Dave hat etwas zu erzählen, was man von den meisten Rappern in der BRD nicht behaupten kann. Locker nannte er den britischen Premierminister Boris Johnson bei den Brit Awards vergangenes Jahr einen »Rassisten«, forderte bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) und Gerechtigkeit für die Opfer des 2017 abgebrannten Hochhauses Grenfell ­Tower. Über Dave wird gesagt, er sei anders oder besonders. Aber er ist nicht anders, die übrigen Künstler sind es. Schließlich benutzt Dave Rap, wozu er mal entstanden ist: um den Stimmlosen eine Stimme zu geben.

Dave: »We’re All Alone in This ­Together« (Caroline/Universal Music)

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