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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 8 / Ansichten

Erfolg auf vielen Ebenen

Fertigstellung von Nord Stream 2
Von Jörg Kronauer
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Arbeiter auf der Nord-Stream-2-Baustelle in Kingissepp in der Oblast Leningrad (Juni 2019)

Die finale Lücke ist geschlossen. Am Montag habe man das letzte Rohr der Erdgaspipeline Nord Stream 2 verlegt, am Freitag dann die letzten Abschnitte der Leitung miteinander verbunden, teilte Gasprom wenig später mit. Nun stehe noch ein abschließender Schliff bevor, und dann könne im Oktober das erste Erdgas in die Röhre gepumpt und durch die Ostsee direkt nach Deutschland geliefert werden. Bis zu 5,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas könne man in diesem Jahr schaffen, heißt es bei Gasprom. Man warte nur noch auf eine Zertifizierung durch die deutschen Behörden. Liegt diese vor, dann steht dem Vollbetrieb nichts mehr im Weg.

Ein Erfolg? Nun, außenpolitisch betrachtet hat die Fertigstellung von Nord Stream 2 mehrere Facetten. Ein Erfolg ist sie sicherlich für die Bundesregierung, der es zum ersten Mal gelungen ist, sich in einem ernsthaften Streit gegen die USA durchzusetzen: Die US-Sanktionsdrohungen sind nach hartem Kampf verpufft. Zuvor hatte Berlin stets den Kürzeren gezogen, so in den Konflikten um die Iran-Sanktionen und um die US-Strafzölle auf Stahl aus der EU. Ein Erfolg ist die Fertigstellung der Pipeline auch für die, die in ihr die »fast letzte Brücke« (Frank-Walter Steinmeier) nach Russland sehen, die es zu bewahren gilt, will man das Abgleiten des westlichen Machtkampfes gegen Moskau in eine unkontrollierte Eskalation verhindern. Allerdings sollte man sich keine Illusionen machen: Die antirussischen Speerspitzen in der Ukraine, in Polen und in den baltischen Staaten werden sich keine Gelegenheit entgehen lassen, an der Brücke zu sägen; ob sie damit durchkommen, hängt auch von der künftigen Entwicklung des Machtkampfs gegen Moskau ab. Dabei lässt sich eine Pipeline von beiden Seiten als »geopolitische Waffe« nutzen: Ist die eine auf das Erdgas angewiesen, so ist es die andere auf den Erlös aus dem Verkauf.

Ein Erfolg ist die Fertigstellung von Nord Stream 2 sicherlich für Moskau. Es hat im Machtkampf mit dem Westen mit der Erdgasleitung ein Element durchgesetzt, das die Beziehungen trotz aller Unwägbarkeiten wenigstens ein bisschen stabilisiert. Auch ist es gelungen, die US-Sanktionswaffe exemplarisch zu brechen: Galten die Schweizer Spezialschiffe, als sie wegen der US-Sanktionen von der Verlegung der Pipeline abgezogen wurden, als weltweit einzigartig, so verfügen jetzt russische Schiffe ebenfalls über die notwendigen Fähigkeiten. Washington hat einen Machthebel weniger, und die Schweizer Firma, die sich den USA beugte, hat ihr Monopol verloren. Abgesehen davon hat Moskau aus der anhaltenden Obstruktion des Westens die Konsequenzen gezogen und weitet nun vor allem seine Erdgaskooperation mit China aus. Die Lieferungen dorthin wurden zuletzt gesteigert, der Bau der Pipeline Power of Siberia 2 schreitet voran. Das reduziert die russische Abhängigkeit vom Verkauf seines Erdgases an Deutschland und die EU.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (11. September 2021 um 12:57 Uhr)
    Die NZZ schreibt: »Üblicherweise ist die Nachfrage nach Erdgas in der warmen Jahreszeit geringer als im Winter. Der Sommer wurde immer dazu genutzt, die Erdgasspeicher zu füllen, mindestens bisher. Selbst für erfahrene Beobachter ist die derzeitige Situation an den europäischen Erdgasmärkten außergewöhnlich. Die Energiepreise sind in den vergangenen Wochen und Monaten regelrecht explodiert.« Dadurch kennt der Preis derzeit für Emissionszertifikate in der EU auch nur einen Weg, den nach oben. Wenn die Berechtigung zum Ausstoß von CO2 mehr kostet, wechseln manche Produzenten bei der Verstromung von Kohle auf Gas, was die Nachfrage nach Erdgas anheizt. Mit mehr als 50 Euro pro Megawattstunde liegt der Erdgaspreis für Westeuropa so hoch wie noch nie. Ebenso überraschend ist, dass die Preise während der Sommermonate so stark angezogen haben. Und wenn die nächste Heizperiode im Oktober beginnt, könnte Erdgas knapp werden, und die Preise dürften noch weiter ansteigen. Vorteil für Russland und eine Chance für das US-Flüssiggas. Und die im Dauerwinterschlaf befindliche EU wird wieder Mal den kürzeren ziehen.

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