3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Montag, 27. September 2021, Nr. 224
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 6 / Ausland
Volksheld beigesetzt

Abschied von Mikis

Zehntausende Griechen geben dem Komponisten, Widerstandskämpfer und Politiker Theodorakis letztes Geleit
Von Hansgeorg Hermann, Chania
imago0133853052h.jpg
Das Elternhaus des verstorbenen Mikis Theodorakis in Galata am Donnerstag

Ganz zum Schluss, am offenen Grab auf dem Friedhof seines Heimatdorfes Galata, begegnete Mikis Theodorakis noch einmal einem alten Freund. Zwei Musiker spielten und sangen ihm das Lied des Freundes und Dichters Tasos Livaditis von der weinenden Mutter. Der Komponist, Widerstandskämpfer und Politiker Theodorakis, am Donnerstag der vergangenen Woche in Athen im Alter von 96 Jahren verstorben, ist in den Armen seiner »Mutter Kreta« angekommen. Zehntausende gaben ihm in Athen das letzte Geleit, Hunderte holten ihn sieben Tage später im Morgengrauen im Hafen von Souda vom Schiff ab, Tausende Kreter nahmen in der Metropolis von Chania am Sarg Abschied von ihrem größten Sohn.

In Athen war der Leichnam seit Montag drei Tage lang aufgebahrt worden. Zur freudlosen Messe des Erzbischofs von Athen und seiner Gefolgschaft war ganz Athen gekommen: Prominenz aus Politik und Kultur – vor allem aber enge Freunde und das Volk, das ihn verehrte, das vor den schweren Türen der Metropolis ausharrte. Drinnen, wo Hieronymos II, Primas der griechisch-orthodoxen Kirche, und seine klerikalen Zeremonienmeister mit versteinerten Gesichtern der bewegenden Abschiedsrede des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), Dimitris Koutsoumbas, folgten, gaben auch Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou, der amtierende rechtskonservative Premierminister Kyriakos Mitsotakis und dessen linker Vorgänger Alexis Tsipras dem berühmten Griechen die letzte Ehre.

Koutsoumbas, dessen Worte – wie auch die der Staatspräsidentin – per Lautsprecher nach draußen übertragen wurden, vergaß unter dem Beifall der vielen tausend nicht zu erwähnen, wer den einstigen Widerstandskämpfer am Ende des Bürgerkriegs im Januar 1949 auf die Folterinsel Makronisos deportiert hatte. Der einst »schlimmste Feind« der politischen Rechten, wie die Athener Tageszeitung Efimerida ton Syntakton bilanzierte, starb nach den Worten Sakellaropoulous’ als »Symbol und Vorbild, als Lehrer der Nation«. Er selbst hatte vor einem Jahr in einem Brief an Koutsoumbas erklärt, dass er die Welt »als Kommunist« verlassen werde, weil er seine besten und wichtigsten Jahre »unter der Fahne der KKE« gelebt habe.

Was bleibt, und das »ewig«, wie auch Mitsotakis einräumte, ist das gewaltige Werk des Künstlers. Mehr als 1.000 Melodien, Kampflieder sowie Ballette und Sinfonien hinterließ Mikis Theodorakis. Vertonte Poesie der größten Literaten – Odysseas Elytis, Giannis Ritsos, Giorgos Seferis, Pablo Neruda, Paul Éluard, um nur einige zu nennen – und einen abseits der offiziellen Tages- und Interessenpolitik erfolgreich angestoßenen kulturellen Wandel der griechischen Gesellschaft. Thedorakis’ Musik war »nah am Volk«, wie Koutsoumbas richtig anmerkte. Griechen »jeden Alters und Geschlechts« verehrten ihn, sagte die Staatspräsidentin, ebenso wie seine Freunde und Anhänger in der Welt.

Zur letzten Ruhe wollte er, der einst auf der Insel Chios geborene Kreter, auf »seine Insel« gebracht werden. In das kretische Dorf Galata, wo er am Donnerstag um 15 Uhr an der Seite seiner Eltern Georgios Theodorakis, Aspasia Polaki und seines jüngeren Bruders Giannis beigesetzt wurde. Es begleiteten ihn Livaditis’ Verse: »Du bist gegangen, es weinen der Wind und die Wellen, es weinen die Sterne in der Nacht.«

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Reinhard Schmiedel aus Weimar (14. September 2021 um 11:23 Uhr)
    In der jW wie auch im ND gab es wunderbare, berührende Nachrufe auf Mikis Theodorakis. Aber die hier geschilderte Nachricht über dessen Abschied in seinem Geburtsland überrascht mich wirklich: Wo gab es das schon einmal, dass ein bekennender kommunistischer Künstler ohne Einschränkung und in Ehrfurcht von der politisch völlig gegensätzlichen rechtskonservativen Regierung gewürdigt wird? Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendeine BRD-Staatsführung die Größe aufgebracht hätte, in dieser Haltung etwa die Kommunisten Paul Dessau oder Hanns Eisler auf ihren letzten Wegen zu begleiten. Meines Erachtens gibt der griechische Staat hier ein Beispiel für nachahmenswerte Toleranz, einmal über den weltanschaulichen Tellerrand hinaus zu handeln. Man glaubt es kaum, aber, ausgelöst durch die Kunst, könnte dadurch die Welt womöglich tatsächlich besser werden.

Ähnliche:

  • Am Mittwoch abend soll Theodorakis’ Sarg per Schiff nach Kreta g...
    07.09.2021

    Unwürdiges Schauspiel

    Griechenland: Familienstreit um Mikis Theodorakis’ letzte Ruhestätte. Beisetzung am Donnerstag auf Kreta
  • Mikis Theodorakis, geboren am 29. Juli 1925 auf der griechischen...
    29.07.2020

    Kompositionen des Widerstands

    Eines Unbeugsamen Leben für die Musik, für Freiheit und Frieden. Am heutigen Mittwoch begeht der griechische Tonsetzer Mikis Theodorakis seinen 95. Geburtstag

Mehr aus: Ausland

Letzte Möglichkeit: Drei Monate Aktionsabo »Marx für alle« für 62 Euro!