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Aus: Ausgabe vom 10.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Gegenwartsanalyse

Die Müdigkeit der Ausgeschundenen

Weder Revolution noch Spritze: Thomas Ebermann untersucht die verwaltete Welt in der Pandemie
Von Erwin Riess
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Akzeptiertes Opfer? Bestattungsangestellte bereiten den Leichnam einer am Coronavirus verstorbenen Person für die Beisetzung vor (Berlin, 10.11.202)

»Mein Ausgangspunkt bleibt, dass dem ›Plan‹ des deutschen Staates ein notwendiges kapitalistisches Kalkül zugrunde liegt, nämlich das Ausbalancieren von akzeptierten Opfern und die Vermeidung einer ›zu hohen‹, das nötige Reservoir der Ware Arbeitskraft beeinträchtigenden Zahl von Infektionen. Dies bei Erhalt der Loyalität gegenüber dem Staat und dessen regierendem und konstruktiv-oppositionellem Personal«, schreibt Thomas Ebermann, langjähriger Konkret-Autor, Chemiearbeiter und 1987 bis 1989 Fraktionssprecher der Grünen im Bundestag, in seinem neuen Buch »Störungen im Betriebsablauf«, das sich mit der Linken in der Coronapandemie befasst.

Was als eine Auseinandersetzung des Autors, der sich der Zero-Covid-Position verbunden fühlt, mit den sehr unterschiedlichen Zugängen der Linken zur Pandemie beginnt, entpuppt sich bald als kenntnisreiche Darstellung der »Verwalteten Welt« unter den Bedingungen einer gesundheitspolitischen Ausnahmesituation. Dabei ist das Buch nicht nur aufgrund der umfassenden Recherche und der souveränen Verknüpfung diverser marxistischer und linker Zusammenhänge eine lohnende Lektüre. Der Autor widmet sich auch etlichen linken Nebenfronten, wissenschaftsfeindliche, anthroposophische und antisemitische Strömungen bekommen ihr Fett ab.

Die Abschweifungen des Autors geraten ausgesprochen produktiv. So liefert Ebermann innerhalb einer Erörterung der gesundheitsschädlichen manuellen Arbeit während des sogenannten Wirtschaftswunders – ein Drittel der Lohnabhängigen verstarb vor dem Erreichen der Rentengrenze, mehr als ein Drittel wurde frühinvalide, und nur weniger als ein Drittel, hauptsächlich aus den höheren Angestelltenberufen, erreichte das Rentenalter in einem akzeptablen gesundheitlichen Zustand – eine selten vorgetragene, aber treffsichere Erklärung für die psychischen Strukturen impfskeptischer Männer. Unter Berufung auf eine Studie des Arbeitswissenschaftlers Wolfgang Hien (»Die Arbeit des Körpers«, 2018) spricht Ebermann von einem für männliche Arbeitskulturen charakteristischen Muster: »Die eigene Gesundheit zu schützen, führt in dieser Kultur dazu, als Schwächling dazustehen, als Außenseiter.« Es kommt zu einer »kulthaften Selbstverhärtung, in der Gesundheitsschäden wie ein Orden wirken«. Dieser Zusammenhang erscheint in der Pandemie in Form einer deutlich geringeren Impfrate von körperlich arbeitenden Männern. Der Chef der rechten FPÖ, Herbert Kickl, macht sich in Österreich zum Anwalt dieser toxischen Männlichkeit. In der AfD und teils auch in anderen Parteien finden sich verwandte Positionen.

Ein Drittel der Bevölkerung ist im Verwertungszusammenhang der Ware Arbeitskraft »überflüssig«, ist im Wortsinn »wertlos«. In den Betrieben »ausgemerzt«, werden diese »Zuschussexistenzen« an die staatliche Fürsorgepolitik weitergereicht, referiert der Autor. Deren Aufgabe ist es, den Ausgeschundenen – unter ihnen viele behinderte Menschen – ein bis ins kleinste Detail von der Sozialbürokratie vorgeschriebenes Leben unter der Armutsgrenze zu oktroyieren. Aus den Revolutionen der letzten 200 Jahre haben die Herrschenden gelernt, sie wissen: Wer tagein, tagaus mit Überleben beschäftigt ist, verliert Selbstbewusstsein und Widerstandskraft und landet in der inneren ­Emigration, die je nach Ausprägung als Alkoholismus oder Depression – oder beides – endet. Auf diese Weise ist von jenen, die am meisten Grund hätten zu protestieren kein Protest zu erwarten.

Immer wieder wendet Ebermann, der selbst einige Jahre in der chemischen Industrie am Fließband gearbeitet hat, den Blick auf die Ausbeutungsrealität des Industrieproletariats, das in den bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften abwertend Humankapital genannt wird.

Wer in den letzten Jahrzehnten an der Linken verzweifelte, der findet in Ebermanns Abhandlung eine faktenreiche Neujustierung des antikapitalistischen Weltbilds. Die mörderischen Strategien des Feindes werden hier nicht zerredet und relativiert, sondern sie erscheinen in ihrer schrecklichen Konkretheit, als menschenfeindliche Knochenmühle, die nur einen Zweck hat: die zwanghafte Profitschöpfung zum Frommen einer kleinen Gruppe von Milliardären. Marx bemerkte einmal, der Kampf gegen den Kapitalismus sei bereits als Kommunismus zu qualifizieren. In diesem Sinne ist der Untertitel von Ebermanns Studie »Systemirrelevante Betrachtungen zur Pandemie« zu bescheiden. Zum einen sind die vorgetragenen »Betrachtungen« evidenzbasierte Erkenntnisse, zum anderen sind sie eben aufgrund dieser Qualität sehr wohl »systemrelevant«. Sie sind essentieller Teil einer noch ausstehenden umfassenden Kritik der ­Herrschaft des gegenwärtigen Kapitalismus.

Zwei Dimensionen des Buches heben es gegenüber unterschiedlich substanzreichen kapitalismuskritischen Werken etwa von Mariana Mazzucato, Veronika Bohrn Mena (eine österreichische Gewerkschafterin) oder des französischen Ökonomen Thomas Piketty insofern ab, als dass sich Ebermann nicht in Beschreibungen verliert, sondern immer in Relation zum Herrschaftsstandpunkt argumentiert. Das bewahrt ihn davor, in Harmlosigkeit abzugleiten, wie das Gros der kapitalismuskritischen Autorinnen und Autoren, die eine Karriere in einer linksrevisionistischen Wissenschaftlerblase schützt. Es ist kein Zufall, dass die Frage nach den Bedingungen und möglichen Verlaufsformen einer Überwindung der gegenwärtigen Herrschaftsform von diesen Autorinnen und Autoren nicht gestellt wird.

Der Ton dieses Bandes der verdienstvollen »Konkret-Texte«-Reihe ist zumeist verhalten. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Ebermanns Buch um eine profunde kommunistische Kampfschrift auf der Höhe der Zeit handelt.

Thomas Ebermann: Störungen im Betriebsablauf. Systemirrelevante Betrachtungen zur Pandemie. Mit einem Beitrag von Johannes Creutzer. Konkret-Texte, Hamburg 2021, 132 Seiten, 19,50 Euro

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