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Aus: Ausgabe vom 10.09.2021, Seite 8 / Inland
Bedingungen in Sammelunterkünften

»Wie in einem Haushalt mit 700 Personen«

Unzureichender Schutz der Gesundheit und vor Gewalt in Unterkünften für Asylsuchende. Ein Gespräch mit Nikolai Huke
Interview: Gitta Düperthal
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Beengte Verhältnisse sind als Mittel zur Abschreckung von Menschen in Not politisch gewollt (Neuehrenfeld, 1.2.2021)

In einer von Pro Asyl herausgegebenen Studie haben Sie den Alltag in Geflüchtetenunterkünften während der Coronapandemie wissenschaftlich untersucht. Bewohner sagten in Interviews, es gehe dort wie im Gefängnis zu. Welche Parallelen gibt es?

Von Oktober 2020 bis Februar 2021 habe ich Menschen in mehr als zehn Unterkünften in verschiedenen Bundesländern befragt: in Bayern, Hessen, Thüringen, Brandenburg, Bremen, Hamburg und Niedersachsen. Die Menschen in den Einrichtungen schilderten das Gefühl, ihren eigenen Alltag nicht mehr selber gestalten zu können – auch weil beengte Unterbringung in Mehrbettzimmern meist die Regel ist. Oft sind die nicht mal von anderen Räumlichkeiten abgetrennt, oder das Deckenlicht wird zentral gesteuert. Nachts um 22 Uhr geht dann für alle das Licht aus. Wegen der Pandemie waren ganze Flure unter Quarantäne.

Schon vor der Coronazeit wurden Geflüchtetenunterkünfte für die Bedingungen dort kritisiert. Was wurde Ihnen darüber noch berichtet?

Mein Forschungsprojekt war auf coronaspezifische Probleme fokussiert, meine Interviewpartner hatten aber das Bedürfnis, auch über allgemeine zu reden: etwa über zu stark ausgeweitete Machtbefugnisse von Securitys, Gewalt durch letztere, über Abschiebungen oder deren Androhung. Oft aus belasteten Situationen kommende Geflüchtete müssten eigentlich psychische Probleme aufarbeiten können. Aber hohe Stressbelastung und fehlende Privatsphäre verschlimmern alles. Und aufgrund der Verhältnisse sei es kaum möglich, Coronainfektionen zu vermeiden. Eine Betroffene sagte, es sei wie in einem Haushalt mit 700 Personen. Das Sozialmanagement sei kaum erreichbar gewesen, Umquartierungen in Quarantäneeinrichtungen seien teils chaotisch erfolgt.

Welches Beispiel für Gewalt durch das Personal können Sie nennen?

Ein Streit in einer Erstaufnahmeeinrichtung endete damit, dass Securitys meinen Interviewpartner verprügelten und eine Bewohnerin krankenhausreif schlugen. Ausgangspunkt war, dass Mitbewohner sie denunziert hätten, sie würden im Zimmer kochen. Dort sind keine elektrischen Geräte gestattet. Essen gibt es in einer Kantine, was jedoch häufig als sehr schlecht beschrieben wird. Als die Securitys das Zimmer durchsuchen wollten, wollte mein Interviewpartner die Kinder erst rausschicken, damit sie die unwürdige Aktion nicht mitbekommen. Diese seien durch das Mitansehen der Gewalt schwer traumatisiert.

Wie sehen die Folgen für diese Sicherheitsleute aus?

Ob das welche haben wird, ist offen. Häufig steht bei solchen Konflikten Aussage gegen Aussage, und dem Personal wird geglaubt. In dem Fall hatte mein Interviewpartner gegenüber der Polizei geäußert, seine Sicht darlegen zu wollen. Deren Antwort habe gelautet: »Halten Sie den Mund«. Auf Nachfrage »Warum, weil ich Flüchtling bin?« habe es geheißen: »Ja, genau«. In einem anderen Fall wurde berichtet, dass Securitys Frauen in der Dusche beobachteten. Zur Anzeige kam es nicht, weil letztere befürchteten, dies könne sich negativ auf ihr Asylverfahren auswirken. Ein grundsätzliches Machtgefälle verhindert den Umgang auf Augenhöhe.

Und was ist das Ergebnis Ihrer Untersuchung?

Der Gesundheits- und Gewaltschutz ist unzureichend; Sicherheitskräfte sind mit zu großen Machtbefugnissen ausgestattet. Die Zimmer sind nicht abschließbar. Statt in Wohnungen untergebracht zu werden, müssen Menschen während sich lang hinziehender Asylverfahren oft Jahre in Unterkünften wohnen. Das Lagersystem, mit menschenrechtlich fragwürdigen Bedingungen, ist politisch gewollt. Dahinter steckt eine Strategie seitens des Bundes und der Landesregierungen, um Geflüchtete abzuschrecken, die sich auf den Weg machen wollen. Es geht um Migrationsabwehr und -kontrolle. Die Auseinandersetzung darum muss politisch geführt werden.

Nikolai Huke ist Sozialwissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Zeitung für das Recht auf Wohnen

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