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Aus: Ausgabe vom 10.09.2021, Seite 7 / Ausland
Fake News

BBC muss zurückrudern

Britischer Sender gibt »Ungenauigkeiten« in Beitrag zu angeblichem Giftgasangriff in Syrien zu
Von Karin Leukefeld
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Ein Stahlzylinder auf dem Dach einer Wohnung im syrischen Duma (16.4.2018)

Ende 2020 veröffentlichte das zum britischen Sender BBC gehörende Radio 4 zehn Episoden über die Organisation »Mayday«. Im November 2020 folgte eine »Extrafolge« über den angeblichen Giftgasangriff im syrischen Duma im April 2018. Nun hat die interne ­Kontrollinstanz des Senders, die Executive Complaints Unit, festgestellt, dass die Sendung »schwerwiegende Ungenauigkeiten« enthielt.

In der Radio 4-Dokumentation mit dem Titel »Der Kanister auf dem Bett« waren demnach Unwahrheiten über einen ehemaligen Inspektor der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) behauptet worden. Dieser gehörte dem Inspektorenteam an, das im Auftrag der OPCW vor Ort in Damaskus und Duma den Angriff untersucht hatte. Alex, wie er sich nannte, hatte im Oktober 2019 auf Manipulationen bei der Untersuchung des »Duma-Falls« und bei der Erstellung des OPCW-Abschlussberichts hingewiesen. Ausführlich berichtete der Wissenschaftler damals einer kleinen Gruppe ausgewählter ehemaliger britischer und US-amerikanischer Diplomaten und Militärs sowie Journalisten bei einem Treffen, das von Wiki­leaks und der Courage Foundation organisiert worden war.

Inspektor Alex habe behauptet, der Chemiewaffenangriff sei »inszeniert« worden, hieß es in dem Radio 4-Stück. Dafür, dass er an die Öffentlichkeit gegangen sei, habe Wikileaks ihm die Zahlung von 100.000 US-Dollar in Aussicht gestellt. Der britische Journalist Peter Hitchens, der für die Tageszeitung Mail on Sunday ausführlich über den OPCW-Abschlussbericht zu Duma schrieb, hatte sich nach Ausstrahlung der Sendung an die BBC-Kontrollbehörde gewandt und protestiert. In der Sendung war Hitchens unterstellt worden, er teile »die russische und syrische Sicht auf den Krieg« in Syrien.

Nach fast zehn Monaten Untersuchung gab die BBC-Kontrollbehörde Hitchens recht. Die Sendung weise erhebliche »Ungenauigkeiten« auf, enthalte falsche Behauptungen und entspreche »nicht den BBC-Standards«. Der Journalist begrüßte die Entscheidung als »großen Sieg für die Wahrheit«. Motivation der OPCW-Whistleblower sei immer die »strikte Beachtung der wissenschaftlichen Wahrheit« gewesen. Es sei den Wissenschaftlern nicht um Geld gegangen, und sie hätten sogar das Ende ihrer Karrieren in Kauf genommen. Er selber arbeite im Auftrag keiner Regierung, fügte Hitchens hinzu – »am wenigsten für Moskau oder Damaskus«.

Die Berichte von Alex und anderen Inspektoren, die den offiziellen OPCW-Abschlussbericht zu Duma zurückgewiesen hatten, führten zu scharfen Auseinandersetzungen im UN-Sicherheitsrat zwischen den USA, Großbritannien und Frankreich auf der einen und der Russischen Föderation auf der anderen Seite. Auch Deutschland, das als nicht ständiges Mitglied dem Sicherheitsrat 2019 und 2020 angehörte, wies Fragen und Kritik an der offiziellen OPCW-Darstellung zum Geschehen in Duma zurück.

Verschärft wurde die Sache durch die hartnäckige Weigerung der westlichen Staaten, den Inspektoren mit der abweichenden Meinung zum Geschehen in Duma eine OPCW-interne Anhörung und Diskussion zu ermöglichen. Die USA, Großbritannien und Frankreich hatten, ohne Beweise abzuwarten, Damaskus verantwortlich gemacht. Noch vor der OPCW-Untersuchung in Duma und ohne Einwilligung des UN-Sicherheitsrates starteten sie militärische »Vergeltungsschläge« gegen Syrien. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte die Angriffe damals.

Bis auf wenige Ausnahmen verschwiegen auch deutsche Medien der Öffentlichkeit die Aussagen der ehemaligen OPCW-Inspektoren komplett. Eine Erklärung der »Berlin-Gruppe 21«, in der unter anderem die früheren UN-Diplomaten Hans-Christof von Sponeck, Richard Falk und der erste OPCW-Generalsekretär José Bustani für eine Anhörung der ehemaligen OPCW-Inspektoren eintraten, wurde ebenfalls ignoriert.

Das Auswärtige Amt in Berlin reagierte auf jW-Anfrage mit vorgefertigten Erklärungen, die mit »weiteren Partnern« abgesprochen waren. »Eine neue Bewertung des Duma-Vorfalls wäre (…) überflüssig und unnötig«, hieß es zuletzt. Vielmehr handle es sich lediglich um »systematische Versuche, die Arbeit der OPCW zu diskreditieren«.

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