75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 7. Dezember 2021, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 10.09.2021, Seite 4 / Inland
»Speed of Relevance«

NATO-Kriegsrat tagt in Essen

JAPCC-Jahreskonferenz zu neuen Militärstrategien
Von Bernhard Trautvetter
asdad.jpg
Immer modernere Tötungsinstrumente sollen durch agilere Militärapparate eingesetzt werden (Orzysz, 16.6.2017)

Trotz ihrer hochrangigen Bedeutung für die NATO-Millitär­allianz berichtet kein Mainstreammedium über dieses Ereignis. In Essen endete am Donnerstag eine Strategiejahreskonferenz der NATO-Einrichtung »Joint Air Power Competence Centre« (JAPCC). Fast 300 hochrangige politische und militärische Führungskräfte auch aus Hochschulen und der Rüstungsindustrie, darunter der weltgrößte Atomrüstungskonzern Lockheed Martin, kamen zusammen. Die Friedensbewegung nennt diese Tagungen Kriegsrat.

Das Thema der diesjährigen Konferenz war die Bereitstellung militärischer Fähigkeiten der Luft- und Weltraumkontingente der NATO-Staaten »at the Speed of Relevance«. Der Begriff geht wohl zurück auf führende US-Militärs und bedeutet in etwa eine Anpassung der Kriegführung und -vorbereitung an deutlich verkürzte Entscheidungszeiträume. Doch jene Worthülsen selbst vermeiden den Begriff »Krieg«.

Die Gefährlichkeit der Strategieplanungen macht ein Blick auf die Vorgängerkonferenzen deutlich: 2006 tagte man zum Thema »Schlachtfeldmanagement«, das Thema der Jahreskonferenz 2012 lautete »Kriegführung im 21. Jahrhundert«. Die 2014er Konferenz zweifelte im Vorbereitungsmanuskript an, dass es keinen großen Krieg mehr in Europa gebe. Als möglichen Ausgangspunkt machten die Militärs Gebiete nahe der russischen Westgrenze aus. Die NATO-Osterweiterung steigert demzufolge die Kriegsgefahr. Das Vorbereitungsmanuskript des 2017er Treffens verlangt Doktrinen und Pläne für den Einsatz »nuklearer Potentiale«.

Die Friedensbewegung warnt derweil davor, dass Waffengänge auch unterhalb von Angriffen mit nuklearen Arsenalen zu einem Inferno führen. Alleine in der Ukraine produzieren 21 Atomreak­toren Strom. Wenn dort ein solcher Krieg ausbricht, steigert das die Gefahr, dass Europa nicht mehr bewohnbar wäre. Die Forderung auch mit Blick auf die JAPPC lautet daher, Konferenzen, die das friedliche Zusammenleben der Völker gefährden, nicht zuzulassen. Doch die Stadt Essen als Austragungsort der am Donnerstag beendeten Beratungen lehnt das allen Protesten zum Trotz ab.

Im Vorbereitungsmanuskript zum Treffen in Essen heißt es, dass die Rolle autonomer Roboter auf dem zukünftigen Schlachtfeld zunehme. Durch den »Cyber­krieg« im Internet bedarf es laut der Strategen keiner »fortschrittlicher Waffensysteme«, um »katastrophale Wirkungen« zu erzielen. Die NATO-Kriegsallianz müsse Risiken in Friedenszeiten analysieren und Waffensysteme ständig »verbessern«, vom Kommando bis zur Kontrolle der »Wirkungen« der Waffen. Zum Konferenzthema der »Geschwindigkeit« heißt es in dem Dokument: »Sekunden oder sogar Millisekunden« würden den entscheidenden Unterschied zwischen Überleben und Zerstörung in einem »umkämpften militärischen Umfeld« ausmachen. Das werde durch »Multi-Domain-Überlegenheit« und schnelle sowie präzise Entscheidungen erreicht.

Die Friedens-, Ökologie- und Solidaritätsbewegung hatte am vergangenen Sonnabend in Essen eine Demonstration unter dem Motto »Frieden statt Kriegsrat!« organisiert. Die Organisatoren betonten, angesichts der Inhalte dieser Konferenzen sei die Forderung nach einem Bekenntnis zur NATO verrückt. Der Journalist Andreas Zumach forderte statt der Strategie, politische Konflikte militärisch lösen zu wollen, Interessenskonflikte in Verhandlungen zu lösen. In seinem Grußwort erklärte Greenpeace-Vertreter Christoph von Lieven, es brauche für das Sichern unseres Überlebens »Kooperation statt Konfrontation«. Der Liedermacher Konstantin Wecker ermutigte schließlich die Friedenskräfte, an der Utopie einer Gesellschaft festzuhalten, in der die Welt eine des Friedens und deshalb auch zukunftsfähig ist.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

Regio: