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Aus: Ausgabe vom 09.09.2021, Seite 16 / Sport
American Football

Protest unerwünscht

Die nächste NFL-Saison läuft an. Kritische Spieler werden konsequent aussortiert
Von Gabriel Kuhn
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Den Job war er los, die Geste wurde universell: Colin Kaepernick (M.) protestiert an der Seite von Eric Reid (l.) und Eli Harold (r.) gegen Rassismus (23.10.2016)

An diesem Donnerstag beginnt die 102. Saison der National Football League in den USA mit dem Spiel des Titelverteidigers Tampa Bay Buccaneers gegen die Dallas Cowboys. Auch in Europa erfreut sich American Football mittlerweile immer größerer Beliebtheit. Politisch interessierte Fans verbinden mit dem Sport vor allem einen Namen: Colin Kaepernick.

Im Sommer 2016 weigerte sich der Quarterback der San Francisco 49ers, bei Testspielen während der obligatorischen Darbietung der Nationalhymne vor der US-amerikanischen Flagge aufzustehen. »Ich kann nicht so tun, als wäre ich stolz auf die Fahne eines Landes, in dem Schwarze und ­People of Color unterdrückt werden«, begründete er seine Entscheidung. Am Ende der Saisonvorbereitung begann Kaepernick dann, beim Abspielen der Hymne niederzuknien. Diese Geste wird mittlerweile von Athleten in allen möglichen Sportarten nachgeahmt. Sogar das Internationale Olympische Komitee tolerierte sie während der Olympischen Spiele in Tokio, trotz seiner ansonsten penibel ausgelegten Bestimmungen gegen jede Form »politischen Protests«. Kaepernick brachte dies weltweite Aufmerksamkeit und einen Werbevertrag mit Nike, seinen eigentlichen Job als Spieler war er jedoch los. Seit Ende der Saison 2016 hat ihn kein NFL-Klub mehr angestellt.

Neu ist politischer Protest im American Football nicht. 1971 erschien das Buch »Out of Their League« (sinngemäß: In einer anderen/besseren Liga) des ehemaligen Linebackers der St. Louis Cardinals, Dave Meggyesy. Bedauerlicherweise nie ins Deutsche übersetzt, ist es politische Sportliteratur vom Besten. In einem kleinen linken Verlag erschienen, wurde das Buch in den USA mit 700.000 verkauften Exemplaren zu einem überraschenden Bestseller.

Meggyesy wuchs in der Nähe Clevelands als Sohn eines aus Ungarn stammenden Landarbeiters und Gewerkschaftsaktivisten auf. Im College spielte er Football für die Syracuse University, bevor er 1963 einen Profivertrag bei den St. Louis Cardinals unterzeichnete. Seine beste Saison hatte Meggyesy 1968, als er regelmäßig in der Startformation des Teams stand, das in diesem Jahr nur knapp das Finale der Eastern Conference verpasste. Beeinflusst von der 68er-Bewegung, entwickelte er seine eigene Form des »Hymnenprotests«. Anstatt protokollgerecht den Helm unter den linken Arm zu nehmen und der Fahne zu salutieren, ließ er den Helm baumeln und blickte ins Publikum.

Meggyesy finanzierte Busreisen für Gruppen, die an Antikriegsdemonstrationen teilnehmen wollten, und brachte 37 seiner Teamkollegen dazu, einen Brief zu unterzeichnen, der das Ende des Militäreinsatzes in Vietnam forderte. Vom Management der St. Louis Cardinals forderte er, dass die Mahlzeiten des Teams nur von gewerkschaftlich organisierten Arbeitern zubereitet würden. Sein Wohnhaus stellte er politischen Organisationen für Treffen zur Verfügung – eines Abends blieb ihm der Zutritt zu seinem Schlafzimmer verwehrt, weil sich eine Frauengruppe dorthin zurückgezogen hatte.

Wie Kaepernick ein halbes Jahrhundert später wurde auch Meggyesy zu einer Persona non grata in der NFL. Die Coaches der Cardinals schickten ihn auf die Bank, kein anderer Klub wollte ihm einen Vertrag geben. So beendete er 1970 seine Karriere, keine 30 Jahre alt. Er zog sich für ein paar Monate an das von Jack Scott gegründete Institute for the Study of Sport and Society in Oakland, Kalifornien, zurück.

Scott war Autor des Buches »Athletics for Athletes« (Sport den Athleten). Er versuchte, die Welt des Sports im Sinne der 68er-Ideale umzugestalten. Meggyesy nutzte die Zeit am Institut, um »Out of Their League« zu verfassen. Darin verglich er den militärischen Drill, der Footballteams prägte, mit dem Kriegseinsatz in Vietnam, betonte den Brot-und-Spiele-Charakter professionellen Sports und forderte einen »menschlichen« Umgang mit den Athleten. Er berichtete auch über Schwarzgeld im College-Sport und unverantwortlichen Umgang mit Schmerzmitteln. Zudem schilderte er, wie Segregation und Rassismus den American Football prägten. Jahre später sagte er über sein Werk: »Es war ein zorniges Buch, geschrieben in einer zornigen Zeit.«

Meggyesy selbst kehrte in den 1980er Jahren zum American Football zurück und trat in die Fußstapfen seines Vaters. Er wurde Gewerkschaftsvertreter der National Football League Players Association. Nebenbei engagierte er sich in Organisationen wie Athletes United for Peace.

Heute lebt Meggyesy zurückgezogen in Kalifornien. Der Umgang der NFL mit Kaepernick überrascht ihn nicht. »Die Ligabosse waren damals tyrannisch, und sie sind es heute«, erklärte er Ende 2020 dem prominenten Sportjournalisten Gare Joyce. Doch Meggyesy ist hoffnungsvoll: »Ich habe auf meine Art versucht, die Situation von uns Spielern zu verbessern. Heute gibt es mehrere, die das tun. Vieles an unserer Gesellschaft macht mich nach wie vor wütend. Aber es gibt immer mehr Menschen, die sich dagegen wehren.«

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