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Aus: Ausgabe vom 09.09.2021, Seite 8 / Ausland
Protest gegen Kupfermine

»Vor der eigenen Haustür sieht das anders aus«

Norwegens Regierung in Kritik wegen mangelnden Schutzes der Rechte von indigenen Sámi. Ein Gespräch mit Beaska Niillas
Interview: Gabriel Kuhn
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Die Lebensgrundlagen der Sámi werden auch durch Profitinteressen internationaler Konzerne bedroht

Im hohen Norden Norwegens, genauer in Nussir nahe der Stadt Hammerfest, steht seit Ende Juni ein Protestcamp von Angehörigen der Sámi – eine indigene Gruppe, die unter anderem in Norwegen lebt. Worum geht es Ihnen?

Wir wollen die samischen Lebensgrundlagen und samische Kultur schützen. Diese sind bedroht, weil dort eine Kupfermine geplant ist, die giftigen Abfall produzieren würde.

Der Ertrag der Mine sollte vom deutschen Kupferproduzenten Aurubis, dem größten Europas, verarbeitet werden. Der ist nun abgesprungen. Wie kam es dazu?

Aurubis hatte mit dem Bergbauunternehmen Nussir ASA einen Vertrag geschlossen, der rund eine Milliarde Euro wert war. Samische Institutionen machten danach deutlich, dass die geplante Mine die Rechte indigener Gesellschaften verletzt. Das hat offenbar Wirkung gezeigt.

Aber das Projekt ist dadurch nicht vom Tisch.

Nein, keineswegs. Bietet sich ein neues Unternehmen als Abnehmer für die Produktion der Mine an, müssen wir auch diesem erklären, was das für die samische Kultur und die samische Nation bedeutet. Aber der Rückzug eines so bedeutenden Akteurs wie Aurubis sendet ein starkes Signal. Er wird andere Unternehmen beeinflussen, und das ist bedeutend.

Heißt das, dass auch das Protestcamp bestehen bleibt?

Auf jeden Fall. Wir müssen vor Ort Präsenz zeigen. Trotz des Rückzugs von Aurubis kann Nussir ASA jederzeit damit beginnen, Arbeiten durchzuführen. Bisher konnten wir das verhindern, indem sich Leute an Maschinen ketteten und die Wege zur Baustelle blockierten.

Wie viele Mensche befinden sich im Camp?

Wir mussten die Coronasituation berücksichtigen. Das bedeutet, dass nicht zu viele gleichzeitig dort sein können. Insgesamt waren es im Laufe des Sommers einige hundert, aber sie wechselten sich ständig ab. Es gibt eine konstante Präsenz von 15 bis 20 Leuten. Sie haben eine entsprechende Infrastruktur mit traditionellen samischen Behausungen und Wärmequellen.

Und woher kommen die Leute?

Aus ganz Norwegen und aus allen Teilen Sápmis (historischen Siedlungsgebiet der Sámi, jW), obwohl die Pandemie das Reisen über die Staatsgrenzen schwierig machte.

Wird es das Camp auch den Winter über geben?

Wir haben immer gesagt, dass wir mindestens bis zu den Parlamentswahlen in Norwegen bleiben wollen, die am kommenden Montag stattfinden. Dann wird sich zeigen, wie die neue Regierung aussieht und was das für unsere Verhandlungen mit den norwegischen Behörden bedeutet.

Wünschen Sie sich eine bestimmte Regierung?

Das kann man so nicht sagen. Es gibt Parteien, die für samische Fragen offener sind als andere, aber die zählen nicht unbedingt zu den Favoriten. Im allgemeinen macht es für uns keinen großen Unterschied, welche Parteien an der Regierung sind. Wir müssen einfach sehen, welche Verhandlungsbasis wir aufbauen können.

Es macht den Eindruck, als sei die Situation der Sámi in Norwegen besser als in den Nachbarländern. Zum Beispiel hat die norwegische Regierung als einzige das Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation zu den Rechten indigener Völker ratifiziert. Ist dieser Eindruck richtig?

Das ist alles sehr relativ. Würde die norwegische Regierung das, was sie formell versprochen hat, auch praktisch umsetzen, dann wäre die Aussage richtig. Aber sie tut das nicht. Norwegen präsentiert sich in der Welt gerne als Land, das Menschenrechte verteidigt, aber vor der eigenen Haustür sieht es anders aus.

Sie sind Abgeordneter des Samischen Parlaments in Norwegen. Ist es üblich für samische Parlamentsabgeordnete, an Protestcamps teilzunehmen?

Die meisten kommen nicht nach Nussir. Aber für mich gibt es hier keinen Widerspruch. Ich war Aktivist, bevor ich in die Politik ging. Aktivismus ist Teil der Demokratie. Diese ist nicht auf Parlamentsabstimmungen und Unterschriftenlisten beschränkt. Im Falle Nussirs haben wir das acht Jahre lang probiert. Aber wenn du nicht weiterkommst, musst du irgendwann zu anderen Mitteln greifen.

Beaska Niillas ist Schauspieler und Abgeordneter des Samischen ­Parlaments in Norwegen

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