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Aus: Ausgabe vom 09.09.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Völkerrechtliche Verpflichtungen

»Areal wäre auf ewig Kriegsgräberstätte«

Suche nach menschlichen Überresten auf Bremer »Russenfriedhof«. Gespräch mit Dieter Winge
Von Sönke Hundt
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Die auf dem »Russenfriedhof« genannten Gräberfeld in Bremen stattfindenden Ausgrabungen leitet Uta Halle von der Landesarchäologie Bremen. Wie ist es zu dem Beschluss gekommen, sie damit zu beauftragen?

Die Landesarchäologie ist per se zuständig für archäologische Grabungen, auch im Zusammenhang mit der neueren deutschen Geschichte. Grundsätzlich herrscht ein sogenanntes dauerndes Ruherecht für Verstorbene. Grabungen zur Identifikation der Opfer sind aber zulässig. Solche, die von vornherein eine Umbettung der Verstorbenen zum Ziel haben, sind hingegen völkerrechtlich unzulässig.

Was ist bis jetzt gefunden worden? Und welche Schlüsse kann man daraus ziehen?

Bisher sind einige Knochenfragmente insbesondere von Extremitäten sowie insgesamt fünf Erkennungsmarken gefunden worden. Dies deutet darauf hin, dass bisher in einem Bereich gegraben wurde, in dem Exhumierungen und Umbettungen stattgefunden haben. Außerdem deuten die Knochenfragmente darauf hin, dass nicht mit der erforderlichen Sorgfalt exhumiert worden ist und die Verstorbenen nicht vollständig umgebettet wurden, wie es das Gesetz tatsächlich erfordert.

Untersucht wird jetzt ein Areal von etwa 60 mal 60 Metern. Kann man das Gräberfeld so genau eingrenzen?

Die Landesarchäologin hat ein Luftbild aus Großbritannien zur Verfügung, das bei Kriegsende entstanden ist und auf dem die Umrisse dieses »Kernfriedhofs« relativ deutlich zu erkennen sind. Ganz offenbar wird davon ausgegangen, dass ausschließlich in diesem Bereich bestattet worden ist. Es existiert allerdings eine Karte vom Dezember 1941, mit der damals der Bau des Friedhofs begründet wurde. Dieses Areal misst 100 mal 200 Meter. Wieso man jetzt davon ausgeht, dass ausschließlich in dem kleineren Areal Menschen bestattet wurden, erschließt sich uns nicht. Außerdem ist auf dem gesamten Areal mehrfach Sand aufgespült worden, auch noch nach Kriegsende. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass auch außerhalb dieses Kernbereichs Bestattungen erfolgt sind.

Eine wichtige Frage wird sein, ob die sterblichen Überreste der hier Bestatteten vollständig verwest sind. Sind dann noch Grabstellen festzustellen?

Verwesungsprozesse beanspruchen unter normalen Bedingungen etwa 30 Jahre, bis auch die Knochen vollständig verwest sind. Unter normalen Umständen können dann auch auf dem »Russenfriedhof« keine sterblichen Überreste mehr aufgefunden werden.

Wenn von den Archäologen keine Überreste mehr gefunden werden können, kann dann das Areal, wie von der Hafenmanagementgesellschaft Bremenports gewünscht, entwidmet und für den Bau einer Bahnwerkstatt freigegeben werden?

Nach dem humanitären Völkerrecht eigentlich nicht. Wenn die dort bestatteten Menschen vollständig verwest sind, kann auch keine Umbettung mehr stattfinden. Das Areal wäre dann auf ewig eine Kriegsgräberstätte und entsprechend zu behandeln und zu pflegen.

Dieter Winge ist Sprecher der »Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu«

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