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Aus: Ausgabe vom 09.09.2021, Seite 1 / Titel
Pflege am Limit

Zusammen kämpfen

Pflege- und Servicekräfte an Berliner Kliniken von Charité und Vivantes haben unterschiedliche Tarifforderungen. Doch sie streiken gemeinsam
Von Daniel Behruzi
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Ultimatum abgelaufen: Die Klinikchefs hatten 100 Tage Zeit, um für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen

Ab diesem Donnerstag ruft die Gewerkschaft Verdi an den Berliner Kliniken von Charité und Vivantes sowie den Vivantes-Tochtergesellschaften zum unbefristeten Streik auf. Das kommt nicht überraschend. Im Mai hatten die Beschäftigten den öffentlichen Krankenhausbetreibern und dem Berliner Senat ein 100-Tage-Ultimatum gestellt: Sollte es bei den Tarifauseinandersetzungen um Entlastung und angemessene Bezahlung für alle keine substantiellen Fortschritte geben, werde man die Arbeit niederlegen.

Danach folgten noch mehrere Warnstreiks und eine Urabstimmung, bei der sich die überwältigende Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder für den Arbeitskampf aussprach. »Die Arbeitgeber hatten vier Monate Zeit, diesen Streik abzuwenden. Dass er nun losgeht, liegt allein in ihrer Verantwortung«, stellte Verdi-Sekretär Tim Graumann am Mittwoch auf jW-Nachfrage fest. Die Klinikleitungen hätten jederzeit die Möglichkeit, den Ausstand durch Zugeständnisse am Verhandlungstisch zu beenden.

Die Protestbewegung an den Berliner Krankenhäusern hat in vielerlei Hinsicht eine neue Qualität. Allein die Zahl der in den nächsten Tagen erwarteten bis zu 2.000 Streikteilnehmer ist für das Gesundheitswesen beeindruckend. Noch mehr gilt das für die mehr als 1.600 Beschäftigten, die sich im Zuge der Auseinandersetzung bei Verdi organisiert haben. Außergewöhnlich ist die Berliner Krankenhausbewegung aber noch aus einem anderen Grund: Beschäftigte der Kliniken und ihrer Tochtergesellschaften kämpfen gemeinsam, auch wenn sie unterschiedliche Tarifziele verfolgen.

In den Vivantes-Tochterunternehmen fordert Verdi die volle Übernahme des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD) für alle Beschäftigten. Bislang ist ein erheblicher Teil von ihnen nicht durch Tarifverträge geschützt und verdient dadurch deutlich weniger. So liegt beispielsweise der monatliche Bruttolohn einer seit vier Jahren bei der Tochter Viva Clean angestellten Reinigungskraft um fast 800 Euro unter dem TVöD-Niveau. »Dass wir für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden, ist eine Ungerechtigkeit hoch zehn«, findet der Küchenmitarbeiter Thomas Mierswa und rechnet in einer Pressemitteilung vor: »Im Vergleich zu den Kollegen mit TVöD-Verträgen fehlen mir jeden Monat 820 Euro. Das ist Lebensqualität, die da verlorengeht.«

Für die Klinikbeschäftigten selbst will Verdi einen Tarifvertrag Entlastung durchsetzen. Dieser soll personelle Mindestbesetzungen für Stationen und Bereiche festlegen und einen Belastungsausgleich für den Fall beinhalten, dass die Vorgaben nicht eingehalten werden. Vorbild sind Tarifvereinbarungen, die Verdi zum Beispiel an den Unikliniken in Jena und Mainz erreicht hat. Dort erhalten Beschäftigte, die mehrfach in unterbesetzten Schichten arbeiten müssen, zusätzliche freie Tage.

Wie groß die Bereitschaft ist, hat die Urabstimmung deutlich gemacht: Sowohl bei Vivantes und Charité als auch in den Tochterunternehmen haben sich rund 98 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten für einen unbefristeten Arbeitskampf ausgesprochen. Dieser läuft nun an – und das gemeinsam. »Alle Berufsgruppen im Krankenhaus sind wichtig; wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen«, stellte Jenniffer Lange klar, die im Bistro des Klinikums Spandau für die Vivantes-Tochter SVL arbeitet. »Auch wenn es sich um getrennte Tarifverhandlungen handelt, ziehen wir an einem Strang und stärken uns gegenseitig.«

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