Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. Oktober 2021, Nr. 247
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 08.09.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Steuerparadiese

Stille Reserven

Investorenfreundliche Staaten wie USA und Schweiz geben keine Auskunft über Steuervorteile. Deutsche parken Milliarden offshore
Von Steffen Stierle
9 Kopie.jpg
Jersey ist beliebtes Anlageziel der deutschen Hochfinanz

Seit ein paar Jahren gibt es den internationalen Austausch von Kontodaten: Staaten informieren sich gegenseitig über die Kontostände der Steuerzahler der jeweils anderen. Eine entsprechende Datenabfrage der Linksfraktion im Bundestag beim Bundesfinanzministerium zeigt: Die Deutschen parken viele Milliarden im Ausland, vornehmlich in Steueroasen. Dabei offenbaren die Zahlen nur einen kleinen Ausschnitt der großen Kapitalflucht. Denn wichtige Länder verweigern die Veröffentlichung der Daten.

So ist der Antwort des Finanzministeriums, die jW vorliegt, zu entnehmen, dass die Deutschen im Jahr 2019 mindestens 526 Milliarden Euro auf ausländischen Konten liegen hatten. An der Spitze der Liste steht die benachbarte Steueroase Luxemburg mit rund 113 Milliarden. Gefolgt von Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Auf der Liste der Nicht-EU-Staaten stehen weitere Steuerparadiese ganz oben: Guernsey und Liechtenstein mit jeweils 11,9 Milliarden Euro, gefolgt von den Cayman Islands, Singapur und Jersey.

Auffällig ist auch, dass der durchschnittliche Kontostand laut jeweiligem Datensatz in Steueroasen ungleich höher ist als in anderen Ländern, in denen deutsche Staatsangehörige Konten haben. So war das Konto auf der Kanalinsel Guernsey mit durchschnittlich fast 2,7 Millionen Euro prall gefüllt, während in Frankreich der durchschnittliche Kontostand »nur« rund 33.000 Euro betrug.

Die Daten zeigen klar, dass das wesentliche Motiv der Geldverschiebung ins Ausland Steuerhinterziehung ist. Um so problematischer ist es, dass die verfügbaren Daten nur einen kleinen Teil der tatsächlich vorhandenen deutschen Auslandsvermögen zeigen. Schließlich haben 17 Staaten der Veröffentlichung der von ihnen weitergegebenen Daten widersprochen. Dabei handelt es sich zum Großteil um weitere Steueroasen wie die Schweiz, Isle of Man, Bermuda und San Marino. Einige dieser Daten können die Abgeordneten des Bundestags in der Geheimschutzstelle einsehen, andere sind nicht einmal dort zugänglich.

Dass auf diese Weise ziemlich große Beträge im Verborgenen bleiben, zeigt das Beispiel Schweiz: Die Linksfraktion hatte die Daten schon ein Jahr zuvor abgefragt, damals hatte die Regierung in Bern noch keine Geheimhaltung verlangt und offenbart, dass die Deutschen 2018 mehr als 133 Milliarden Euro auf Schweizer Konten gelagert hatten, also weit mehr als alle Staaten, über die aktuellere Daten verfügbar sind. Durch die Informationsverweigerung verhindern »Staaten Transparenz und schützen Steuerkriminelle«, so der finanzpolitische Sprecher und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Fabio De Masi, der die Zahlen des Finanzministeriums ausgewertet hat.

Eine weitere große Lücke entsteht durch die Nichtteilnahme der USA am Informationsaustausch. Washington gibt Daten nach seinen eigenen Regeln weiter oder auch nicht. Das Prinzip der Gegenseitigkeit ist außer Kraft gesetzt, denn die BRD gibt deutlich mehr Daten an die US-Behörden als umgekehrt. Wieviel Geld die Bundesbürger auf US-amerikanischen Konten liegen haben, erfahren die hiesigen Steuerbehörden nicht. Die USA seien der größte Finanzplatz der Erde und dennoch das schwarze Loch beim steuerlichen Informationsaustausch, so De Masi.

Intensiv genutzt werden die zahlreichen Steueroasen derweil nicht nur von reichen Privatpersonen, sondern auch von zahlreichen Großbanken, wie eine am Montag veröffentlichte Studie der in Paris ansässigen Organisation EU Tax Observatory zeigt. Demnach machten die 36 untersuchten Geldinstitute durchschnittlich 14 Prozent ihrer Gewinne vor Steuern in Steueroasen – im Schnitt 20 Milliarden Euro pro Jahr. Viel Personal braucht es zum Profitmachen auf der Insel nicht. So zeigen die Daten, dass 2020 auf jeden Bankmitarbeiter im Heimatland ein durchschnittlicher Konzerngewinn von 43.662 Euro entfiel, während es in der Steueroase 228.488 Euro waren.

Spitzenreiter bei der Nutzung von Steuerparadiesen ist der Analyse zufolge die britische HSBC, die bis zu 58 Prozent ihres Gewinns in Steueroasen verbucht. Auch die Deutsche Bank nutzt Zweigfilialen in Staaten wie Luxemburg umfassend und kommt so mit 27 Prozent ebenfalls auf einen weit überdurchschnittlichen Wert. Auf Anfrage erklärte das Geldhaus, keines der 60 Länder, in denen man tätig sei, stehe auf der schwarzen EU-Steueroasenliste. Die Liste fällt allerdings mit zwölf Überseegebieten sehr klein aus. EU-Mitgliedstaaten wie Luxemburg, die Niederlande und Österreich sind in Brüssel nicht als Steueroasen definiert.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Aktivisten fordern zum Kampf gegen Steueroasen auf (Brüssel, 5.1...
    07.12.2019

    Globale Abwärtsspirale

    40 Prozent der weltweiten Profite landen in Steueroasen. USA blockieren OECD-Kompromiss zu Unternehmenssteuern
  • Auf Griechenlands Straßen demonstrieren tägli...
    04.05.2010

    Krisis heißt Wendepunkt

    Reportage. In Athen regieren nun EU und IWF. Die Folgen der ökonomischen Misere sollen ausschließlich von der Bevölkerung bezahlt werden

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Die XXVII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz findet am 8.1.2022 als Präsenz- und Livestreamveranstaltung statt. Informationen und Tickets finden Sie hier.