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Aus: Ausgabe vom 07.09.2021, Seite 1 / Titel
Autokapitalismus

Der Lack ist ab

Imagepolitur für Automesse IAA: Konzerne und Lobbyisten halten Umweltschutz hoch. Polizei mit Großaufgebot gegen Klimaaktivisten
Von Michael Merz
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»Kämpfen für eine radikale Verkehrswende« (Protest während der IAA in Frankfurt am Main 2019)

Das einst propagierte liebste Kind der Deutschen ist bestenfalls noch ein Sorgenkind angesichts der sich anbahnenden Klimakatastrophe. Ausgerechnet im chronisch stauverstopften München wird am Dienstag die erste große Messe seit Frühjahr 2020, dem Beginn der Coronapandemie, eröffnet: die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA). Nach spektakulären Blockadeaktionen durch Umweltschützer 2019 in Frankfurt am Main ist die einwöchige PS-Protzschau in die bayerische Landeshauptstadt umgezogen. Ihr wurde ein grüner Anstrich verpasst: IAA Mobility heißt sie jetzt und wirbt vornehmlich mit Fahrrädern und elektrisch angetriebenen Tretrollern auf ihrer Website.

BMW-Chef Oliver Zipse hat am Montag gar ein zu 100 Prozent aus Altmaterial und nachwachsenden Rohstoffen bestehendes Auto vorgestellt. Das gibt es natürlich nicht zu kaufen und ist nur eine Studie, aber zur Imagepflege taugt es. BMW wolle »der nachhaltigste Autohersteller der Welt« werden, verkündete der Topmanager in München, dem Hauptsitz des Konzerns. Bis dahin wird wohl noch viel Wasser die Isar runterfließen, Profite lassen sich währenddessen mit den immer größer und schwerer werdenden SUV machen. Als Werbeträger haben Hubraum und dicke Auspuffrohre ausgedient; jeder Konzern stellt, wenn vorhanden, seine Fahrzeuge mit E-Motor in die erste Reihe. Davon wollen sich die IAA-Gegner nicht blenden lassen. »Die E-Autos sind Teil des Problems«, erklärte Liv Roth, Pressesprecherin des Bündnisses »Ums Ganze!« am Montag. Um die Klimakatastrophe zu verhindern, »brauchen wir keine neue Antriebsart«. Die IAA sei »das Symbol des deutschen Autokapitalismus«.

Erstmals wird die IAA nicht nur in geschlossenen Hallen stattfinden, sondern auch auf Straßen und Plätzen der Stadt. Das soll zum »Ausprobieren und Diskutieren« einladen, zieht aber auch Klimaaktivisten an. Die Münchner Polizei bereitet sich nach eigenen Angaben mit 4.500 zusätzlichen Beamten auf den größten Einsatz seit 20 Jahren vor. Zu etwa 50 verschiedenen Kundgebungen und Aktionen werden Zehntausende Beteiligte erwartet. IAA-Gegner wehrten sich bereits erfolgreich vor Gericht gegen Auflagen der Stadt München für das Protestcamp auf der Theresienwiese. Die Verwaltung hatte nicht genehmigt, dass 1.500 Teilnehmer im »Mobiliätswendecamp« auf Spendenbasis mit Essen versorgt und Zirkuszelte für Veranstaltungen aufgebaut werden. Juristische Streitigkeiten gibt es nach wie vor zu einer geplanten Fahrradsternfahrt am Sonnabend. Die Route über die Autobahn wurde nicht genehmigt, ein Aktionsbündnis legte beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof Beschwerde ein und wirft der Stadt Lobbyarbeit im Sinne der Autoindustrie vor.

Das Bündnis »Sand im Getriebe« kündigte für Freitag »Massenaktionen zivilen Ungehorsams« mit Blockaden der IAA an. »Bei der IAA wollen die dreckigen Autokonzerne uns mit protzigen E-Autos eine grüne Lüge verkaufen«, erklärte eine Sprecherin des Bündnisses laut AFP. »Am Wochenende stellen wir uns dem zerstörerischen System Auto in den Weg und kämpfen für eine radikale Verkehrswende.« Umso absurder wirkt es, dass die Cheflobbyisten der Autoindustrie den Kampf gegen den Klimawandel hochhalten. »Wir wollen uns auf den Weg machen«, konstatierte die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, am Montag laut AFP. »Vor allem aber ist wichtig, dass wir uns auf den Weg zu einer neuen Klimaneutralität hinbewegen.« Wer’s glaubt.

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