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Aus: Ausgabe vom 04.09.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

EU-Lolita und rauhe Christenmänner

Von Arnold Schölzel
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Einen »Brief an Europa«, das er landesüblich mit der EU verwechselt, veröffentlichte der Autor Durs Grünbein am vergangenen Sonnabend in der FAZ. Darin findet sich Minnegesang wie: »Europa, Licht meines Lebens«, »eine Sehnsucht, die immer ungestillt bleibt« und: »Vielleicht war ja auch die Prinzessin Europa eine nymphette wie diese Lolita?« Bei solcher Unterleibsattraktion ist Grünbein bestürzt über »Europamüdigkeit, Europaverdrossenheit quer durch alle politischen Lager«. Das gibt es bei Finanz- und Industriekonzernen nicht, aber dieses Glück kann er nicht fassen: Kapital und Macht kommen im Schreiben nicht vor.

Der gebürtige Dresdner kritisiert also die »Europaskeptiker aller Couleur«: »Was sie vereint, ist lediglich das Zersetzungswerk, das Sägen an den Funda­menten, ein nihilistischer Korrosionseffekt.« Grünbein verkneift sich gerade noch »europalose Gesellen«. Sie diffamierten »einen demokratischen Völkerbund, der das Größte ist, was die Geschichte in diesen Breiten je hervorgebracht hat«. Wenn ein Diktat aus Brüssel zu Hunger in Griechenland führt, ist das beachtlich. Das Größte bleibt aber auch im demokratischen Völkerbund die Pflicht, Zinsen zu zahlen.

Grünbeins Verehrung beruht auf seiner DDR-Erfahrung, als er »zu den Unterdrückten gehörte« und auf die Straße ging, »als es noch lebensgefährlich« war. Der vom damaligen Schlottern heute gut zehrende Widerständler ruft jedenfalls »all den Europagegnern« zu: »Stellen Sie sich einfach vor, Sie sind ein Oppositioneller in Ihrem Land. Nein, kein Flugzeug wird bei Ihnen zur Landung gezwungen, damit man Sie an Bord verhaften, später foltern und schließlich ins Lager stecken kann. Auch wird kein langer Arm irgendeines Autokraten oder Diktators in den Ländern, deren Passinhaber Sie sind, Journalisten auf offener Straße bedrohen oder missliebige Kritiker mit Nervengift umzubringen versuchen.« Nun ja. Folter und Lagerhaft für den Nachwuchsfaschisten, der in Belarus vor einigen Wochen nach einer Zwangslandung gefasst wurde, hat Grünbein wie die eigene Lebensgefahr in der DDR 1989 verinnerlicht. Das prägt einen, jedenfalls mehr als die jahrelang betriebenen Kidnappingflüge der CIA zu ihren Folterzentren in Rumänien, Polen und anderswo in der EU für den »Krieg gegen den Terror«. Da kann einer wie Grünbein glatt die Entführung des Abu Omar 2003 aus Mailand auf offener Straße durch ein CIA-Kommando übersehen. Die Nichtautokraten brachten den Mann zum Foltern u. a. ins deutsche Ramstein und nach Ägypten. Das war kurz vor dem US-geführten Irak-Krieg, dem die meisten EU-Staaten in einer »Koalition der Willigen« folgten. Es war der bis dahin größte EU-Krieg, der wahrscheinlich mehr als eine Million Iraker das Leben kostete.

Aber Grünbeins Schmachtprosa ist nicht das letzte Schriftstellerwort. Am Donnerstag entwarf der niederländische Bestsellerautor und Filmemacher Leon de Winter, der schon 2005 Folter in Guantánamo Bay rechtfertigte, in der Welt die ultimative Strategie, um afghanische Frauen und Mädchen vor den Taliban zu retten: Die afghanischen Männer könnten sie nicht schützen, die Kämpfe müssten »westliche, oft christlich geprägte Männer führen«. Denn »unsere Welt« hänge »immer noch von rauhen Männern ab, die sich bereits entschieden haben: für Uniform und Waffen.« Es werde Jahrhunderte dauern, »bis der Glaubenswahn aus den Herzen der Taliban verschwunden ist; bis dahin trennt nur das Schwert die Mädchen von der Taliban-Hölle«. Ein Weckruf auch für Grünbein: Nur rauhe uniformierte und bewaffnete Christenmänner retten afghanische Frauen – so wie schon in den vergangenen 20 Jahren. Und seine EU-Lolita. Kann aber Jahrhunderte dauern.

Da kann einer wie Grünbein glatt die Entführung des Abu Omar 2003 aus Mailand auf offener Straße durch ein CIA-Kommando übersehen. Die Nichtautokraten brachten den Mann zum Foltern u. a. ins deutsche Ramstein und nach Ägypten. Das war kurz vor dem US-geführten Irak-Krieg, dem die meisten EU-Staaten in einer »Koalition der Willigen« folgten. Es war der bis dahin größte EU-Krieg, der wahrscheinlich mehr als eine Million Iraker das Leben kostete.

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