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Aus: Ausgabe vom 03.09.2021, Seite 12 / Thema
Literatur

Höhlengleichnis

»dem pack unerreichbar«: Kindheit in Christian Geisslers Roman »kamalatta«
Von Pauline Pieper
12_13 Detlef Grumbach.jpg
Ort des Experiments und der Subversion: Die Hütte in Feital (Portugal), in der Geissler die erste Fassung von »kamalatta« abschloss

Jüngst erschien im Berliner Verbrecher-Verlag der Sammelband »Kamalatta lesen. Aktuelle Perspektiven auf Christian Geisslers ›romantisches Fragment‹«, herausgegeben von Detlef Grumbach. Wir dokumentieren an dieser Stelle die gekürzte Fassung des Beitrags von Pauline Pieper und danken Autorin, Herausgeber und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Kinder lieben Höhlen. Sie dienen als Versteck, als Ort zum Alleinsein, zum ungestörten Zu-zweit-Sein, sie bieten Schutz und Geborgenheit. In einer eindrücklichen Szene seines Romans »kamalatta« zeigt Christian Geissler, was es bedeutet, wenn eine solche Geborgenheit zerstört wird. Das selbstvergessene Spiel zwischen dem kleinen Proff und seinem Freund in der selbstgebauten Höhle wird durch Tritte ins Höhlendach abrupt unterbrochen:

»höhlebauen ist immer wichtig (…).
in der höhle dem liebsten war alles gezeigt, das winken fand wirklich den andren, alles splittern schmolz ins bild sich zurück, unzertrennlich wir kreiseln, alle ­brücken frei, noch kein bettler, kein schweinetreiben am eis, blumen, die wärme der tiere, der kleinsten, die haut, deine und meine, eingeschmiegt wir zwischen wurzeln, wo führen die hin, alles mit allem verbunden wir kreiseln, wir beiden allein sind ganz nur um uns herum. (…)
da traten tritte das höhlendach ein.
da standen sie oben über der grube und zeigten und lachten und kreischten.«¹

Das Spiel der Kinder erscheint hier als ein Moment der Sorglosigkeit, der Schambefreitheit, der Einheit zwischen Mensch und Natur, in die brutal von außen eingedrungen wird. Derartige Bilder, in denen arglose Kinder einer kalten Wirklichkeit gegenübergestellt werden, finden sich in »kamalatta« immer wieder. Die »höhlebauen«-Szene geht nahtlos über in die Beschreibung der Abrichtung von Kindersoldaten, die Proff in Guatemala erleben musste. Kleinen Jungs wird vom US-amerikanischen Militär mit grausamen Methoden systematisch das Foltern und Töten beigebracht, um die Guerilla in Guatemala zu bekämpfen. Das unschuldige Kind wird von der Gewalt zugrunde gerichtet. Proff muss dies besonders schmerzhaft erfahren, als er Vertrauen zu dem kleinen Jungen José fasst, der ihn zunächst gerettet hat und in einer Höhle unter der Erde versteckt. Doch abermals wird der Zufluchtsort brutal zerstört: José steckt mit dem amerikanischen Befehlshaber unter einer Decke und verrät Proff. Das Kind ist einer unmenschlichen Wirklichkeit ausgeliefert. Dieses Motiv findet sich auch schon in Geisslers erstem Roman »Anfrage« (1960), in dem beispielsweise ein verängstigtes Kind sich vor dem Anblick eines ertrinkenden Mannes in der Jacke seines Vaters verstecken will. Der Vater zwingt den Sohn zuzusehen, wie der Notleidende stirbt, denn er will »den Jungen so hart wie Kruppstahl«.² In dem späten Roman Geisslers »ein kind essen. liebeslied« (2001)³ wiederum geht ein kleines Kind an den zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus zugrunde. Das Buch erzählt die Geschichte eines Ehepaars, das Tag und Nacht in seiner Autowerkstatt arbeitet. Der kleine Sohn ist immer dabei, erkrankt schlussendlich an den giftigen Dämpfen und stirbt.

Rousseau oder Hobbes?

Man könnte dieses so entstehende romantische Bild des unschuldigen und von Natur aus guten Kindes als kitschig bezeichnen. Man könnte einwenden, dass Kinder keineswegs nur reine, unschuldige, mitfühlende Wesen sind, die erst durch die Gesellschaft korrumpiert werden. Sind sie nicht vielmehr von Natur aus egoistisch? Haben sie ein angeborenes Mitgefühl, oder muss dieses ihnen erst beigebracht werden? In der Darstellung der Kinder stellt sich hier also die Frage nach dem zugrundeliegenden Menschenbild. Sind wir im Sinne Rousseaus soziale Wesen, deren Sozialität erst unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft verkümmert, oder sind wir im Sinne Hobbes’ einer dem anderen ein Wolf und brauchen gesellschaftliche Regeln, die uns ein Miteinander überhaupt erst ermöglichen? Geissler geht in der Tradition Rousseaus von einer tief im Menschen angelegten sozialen Verbundenheit aus, die es gegen ein zerstörerisches System zu behaupten gilt. Der Mensch erscheint als von Natur aus gut, das Leid anderer schmerzt ihn. Aber auch wenn Geisslers Menschenbild durchaus romantisch anmutet, sieht er in Kindern keineswegs nur harmlose Engelchen. Denn gerade die soziale Verbundenheit ist Ausgangspunkt des Widerstands gegen ein System, das die Menschen ihres Lebens und ihrer Menschlichkeit zu berauben droht. In Proffs innerer Rebellion als »kind im faschismus«, das vor dem grauenhaften Anblick eines sterbenden Mannes flieht, dabei versehentlich einen Offizier nicht grüßt und von diesem daraufhin gezwungen wird, sich vor ihn in den Dreck zu schmeißen, kommt dieser innere Widerstand zum Ausdruck:

»da hatte der kleine proff tot getobt still, dass menschen so etwas mit menschen machen, dass menschen von menschen sich sowas machen lassen, und machst das und lässt das machen gegen dein leben, und lebst da und liegst da, dass keiner was merkt, dass keiner dich merkt, und am ende merkst du dich selber nicht mehr, das will proff nie wieder, das will das pack, der mann niederträchtig das klirren aus leder, das niederwerfen, das kinderschinden.«

Den Menschen als von Natur aus soziales Wesen zu begreifen bedeutet also nicht, ihn als zahm zu verstehen. Dass dieses in den Kindern vorhandene Widerstandspotential vor den zerstörerischen Kräften des Kapitalismus beschützt werden muss, darin sind sich die Protagonisten in »kamalatta« weitestgehend einig. Die Frage danach, ob und wie man dieser Aufgabe gerecht werden kann, führt aber zu zahlreichen Auseinandersetzungen und Widersprüchen. Auf der einen Seite steht die bewaffnete Gruppe, die glaubt, eine Welt, in der wahres Leben und Menschlichkeit überhaupt erst möglich wären, durch eine gewaltsame Umwälzung der Verhältnisse erst noch erschaffen zu müssen. Den Rückzug ins private Familienglück verurteilen sie zutiefst. Auf der anderen Seite steht beispielhaft Proffs Frau Juli, die an eine solche Umwälzung der Verhältnisse nicht glaubt. Für sie kann die einzelne nicht mehr tun, als im nächsten Umfeld ihr Bestes zu geben und Kinder bedingungslos zu lieben. Die Familie bietet den schützenden Raum, die abgeschlossene Höhle, die Kinder vor dem Grauen der gesellschaftlichen Wirklichkeit bewahren kann:

»klar kommt das kind, diese schönheit aus liebe und lernen, in den dreck einer tückisch bestimmten welt. es gibt keine rettung. aber es gibt unsre liebe. noch mitten im wühlen der lügner könnten wir uns verschwören mit uns, uns rotten zu uns, dem pack unerreichbar. da wär jedes kind eins von uns, eins wie wir, geliebt, egal wie besiegt. mehr können wir alle ja nicht. aber das, sagte juli stolz.«

Proff ist hin- und hergerissen zwischen der Verschwörung zum Leben und zur Liebe mit Juli und dem bewaffneten Kampf mit der Gruppe, sucht das Aufgehobensein in der Gruppe, träumt vom Leben, vom Angriff, vom Wir und sehnt sich zugleich nach dem familiären Zusammenhalt. Julis Versuche, Proff vom gemeinsamen Leben zu überzeugen, weist dieser mit dem Verweis darauf zurück, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Proff hält es nicht aus, in diesem falschen »fratzenleben« mitzuspielen.

Wille zum Widerstand

Aus der Wut gegen diese falsche Welt entsteht der Wille, sich dem bewaffneten Widerstand anzuschließen, doch von der bewaffneten Gruppe wird Proff nicht aufgenommen. Hier schallt ihm der Vorwurf entgegen, er nutze seine Kinder nur als Ausrede, um sich nicht aktiv am Kampf zu beteiligen. Die Sorge um das eigene Kind wird mit dem Verweis auf die Millionen Kinder relativiert, die jeden Tag an den Folgen des kapitalistischen Systems sterben. Flügel vergleicht Proff sogar mit den Deutschen, die die Augen vor den Nazis verschlossen haben, um sich um ihr eigenes »gärtchen« zu kümmern.

»da hör ich doch meine ganze familie vom alten faschismus jammern. mitten im praktischen täglichen mord hatte jeder sein gärtchen zu kratzen, (…) denn das macht mühe und manchmal kostets das leben, die eigne befreiung reinzutun in die befreiungsbewegung der klasse, ach feigheit, karst, kinder, die ärmsten. (…) sie töten kinder, Millionen mal meins.«

Flügels harsche Kritik an Proff bringt eine grundlegende moralische Frage zum Ausdruck: Ist es verantwortbar, das Wohl der eigenen Kinder vor den Millionen anderen, die täglich sterben, zu bevorzugen? Diese Frage wird in »kamalatta« immer wieder gestellt. Nina relativiert die Sorge um ihren Sohn Rocker, der zu erblinden droht, damit, dass sie »auch noch mal tausend mal tausend paar kinder mehr« habe, für die sie kämpfen müsse. Als Rocker operiert wird, ist Nina auf einer Reise in der DDR. Ihre Freunde versuchen sie davon zu überzeugen, früher zu ihm zurückzufahren. Auf den Vorwurf, sie setze sich zwar für Genossen in anderen Ländern, nicht aber für ihren eigenen Sohn ein, antwortet sie nur: »ich dachte noch nie, dass ich sauber durchkomm durchs kämpfen.« Darauf folgt die entsetzte Antwort des Freundes Otto: »bist du verrückt, (…) ist dein kind denn, das ruft dich, ein fleck.« Immer wieder wird in »kamalatta« darüber diskutiert, ob sich individuelles Leiden mit dem Kampf ums große Ganze rechtfertigen lässt. Zum Beispiel, wenn Tapp ein türkisches Mädchen rettet, das aus dem Fenster zu fallen droht, und dadurch seine Verabredung zu einem Überfall mit der bewaffneten Gruppe verpasst. Blues aus der Gruppe glaubt ihm die Geschichte nicht, sagt, er habe nur Angst gehabt, und fordert eine klare Entscheidung: »kassensturz und das türkische kind, entweder oder«. Zwar bleiben solche Aussagen auch innerhalb der Gruppe nicht unwidersprochen, aber der politische Kampf erscheint immer wieder im Widerspruch mit der Sorge um die Kinder. So macht Proff sich der bewaffneten Gruppe auch dadurch verdächtig, dass er zwar die radikale Form des bewaffneten Widerstandes fordert, seinen eigenen Sohn aber vor dem Schritt in die Illegalität bewahren will. Als Moritz sich gegen die Guerilla und für das Leben mit Familie entscheidet, ist Proff heimlich froh.

Verrat wird Proff aber auch von Juli und seinen Söhnen vorgeworfen. Juli durchschaut Proffs politischen Aktivismus als »selbstvergessen selbstversessen«, als egoistischen Selbstmordtrip. »lieber tot sein als einer wie jeder, ihr seid wirklich bloß ein sehr feines pack«, sagt sie zu ihm. Für Moritz ist Proff in dem Moment erledigt, als er heimlich seinen Ausweis entwendet. Proff schmuggelt damit Karst als seinen Sohn in die NATO-Zentrale in Bad Tölz und bringt Moritz damit, sollte der Anschlagsplan auffliegen, in Gefahr. Diese »hintergehung« schließt an eine Reihe von Enttäuschungen an, die Proffs Beziehung zu Moritz kennzeichnet. Er hat die Familie verlassen, Verabredungen wegen wichtigerer politischer Aktivitäten platzen lassen. Der Tritt ins Höhlendach in der Kindheit erscheint als Ausgangspunkt einer langen Odyssee, bei der Proff immer auf der Suche nach einem neuen Versteck ist, »in freundeskreisen bekannt für das aufspüren und benisten zauberischer quartiere«, und doch an keinem Ort Ruhe findet, immer weiter »flattert«.

Gewaltsame Wirkung

Proff gelingt es weder, selbst Geborgenheit in der Familie oder der bewaffneten Gruppe zu finden, noch, sie seinen eigenen Kindern zu geben. Als Moritz beim gemeinsamen Frühstück mit Proff ein Stück Ei in den Dreck fällt, wird deutlich, was für eine gewaltsame Wirkung Proff auf seine Kinder haben kann:

»im morgengrauen im rasthaus ob kassel schluckten sie sacktee und laschen toast, lutschten zu weiches ei, lau. da fiel moritz weißes geschlabber vom löffel. da knurrte proff, lass liegen den scheiß. da zuckte was durch des jungen gesicht. er rutschte ins dreck unterm plastiktisch, griff sich das weißteil, tauchte blass auf, schluckte das schleimstück zitternd.

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»nicht der oder jener heftige einzelschritt rettet mich, uns, gar die welt, sondern dass wir ins wort gehen«: Ein Teil des Romanbauplans aus dem Nachlass Geisslers

was ist das, eh, lass das, ich sag doch, schmeiß weg, was hast du mich denn nicht verstanden.

da zuckte das kleine gesicht noch mal, dann weinte moritz. er hatte den vater falsch verstanden. er hatte verstanden, den dreck soll er fressen. er hatte gehorcht.«

Zwar graust es Proff vor dem eigenen autoritären Auftreten gegenüber seinen Kindern. So sagt er zu Juli: »nun weiß ich das, was ich nie will, gewalt für mein kind, ich bin eine drohung, wie kommt das.« Aber einmal eingetretene Höhlen lassen sich nicht so leicht reparieren. »du fliehst«, antwortet ihm Juli auf seine Frage und macht damit Proffs Rastlosigkeit und Unfähigkeit, sich für die Familie zu entscheiden, für seine Bedrohlichkeit verantwortlich. Schlussendlich fühlen sich beide Söhne verraten und bleiben enttäuscht zurück, als Proff Selbstmord begeht. Am Ende scheitert er an den Widersprüchen zwischen dem politischen Kampf und der Sorge um die eigenen Kinder.

Gebärstreik

Diese Zerrissenheit zwischen der Familie auf der einen und dem politischen Kampf auf der anderen Seite lässt sich heute in Anbetracht der Klimakrise noch aus einer anderen Perspektive lesen. In den Bahnhöfen Berlins konnte man Anfang des Jahres 2020 ein Werbeplakat sehen, das eine stillende Frau zeigt, an deren Bein sich ein weiteres kleines Kind lehnt. Auf dem Plakat ist die Frage zu lesen: Zukunft oder Klimakiller? Beworben wird damit eine Doku, die im Februar 2020 auf Arte ausgestrahlt wurde⁴ und Klimaktivistinnen begleitet, die aus Protest gegen den Klimawandel in den Gebärstreik treten. Sie wollen damit zum Ausdruck bringen, dass sie es für unverantwortbar halten, Kinder in eine auf die Klimakatastrophe zusteuernde Welt zu setzen. Hier kommt das moralische Problem zum Vorschein, mit dem auch Geisslers Romanfiguren ringen: Wie kann man ein Kind in eine schlechte Welt setzen, wenn es doch kein richtiges Leben im falschen gibt?

Tatsächlich vertritt auch in »kamalatta« jemand die Position, dass man besser gar keine Kinder bekommen sollte, nämlich der Sohn vom Waldbaron, für den Ahlers arbeitet. Er kommt dabei aber denkbar schlecht weg. »bloß keine kinder, herr ahlers« sagt er, denn man habe eine »apokalyptische pest am hals«, an der Kinder nur kaputtgingen. Ahlers reagiert auf das Gerede des Baronsohns nur mit Hass. Gepeinigt von der Sorge um den kranken Rocker, erscheint der »ökofreak«, der sich seine Häuser nur aus reinem Holz bauen lässt und auf seinem Gut in Portugal Hirsche züchtet, als achtloser, arroganter Weltverbesserer, der sich seiner Privilegien nicht bewusst ist.

In »kamalatta« wird hingegen immer wieder deutlich, dass es einer Veränderung der bestehenden Verhältnisse gerade um der Kinder willen bedarf – der heute und der zukünftig lebenden. Anstatt das Leid oder die CO2-Emissionen von Kindern gegeneinander aufzurechnen oder womöglich sogar zu behaupten, es wäre besser, die Menschheit würde sich überhaupt nicht mehr fortpflanzen, muss der Widerstand gerade dort ansetzen, wo das im Kind so deutlich sichtbare Leben und die Menschlichkeit von einem zerstörerischen System angegriffen werden. Und so gelingt dann in »kamalatta« die kollektive Verbundenheit auch nicht im gewaltsamen Angriff auf die NATO-Tagung in Bad Tölz, sondern im Moment des Zusammenhaltes von Familie und Freunden in der Sorge um den erblindeten Rocker. Als erblindetes Kind steht Rocker für das zerbrechliche menschliche Leben, das der Geborgenheit eines sich sorgenden Umfeldes, einer sicheren Höhle bedarf: Lina und Felix polstern die Wohnung aus, damit Rocker sich nicht stößt; Adam geht mit Rocker schwimmen und hilft ihm mit seinem Orgelspiel, das Gehör zu entwickeln, um den Verlust des Augenlichts zu verkraften; Juli unterstützt Nina, die Krankheit des Sohnes auszuhalten. In diesen Momenten gelingt eine Offenheit, Ehrlichkeit und eine Solidarität, die tatsächlich einen utopischen Hoffnungsschimmer in sich trägt. Geissler eröffnet hier Möglichkeiten zwischenmenschlicher Verhältnisse, die gekennzeichnet sind von gegenseitiger Unterstützung und lebenserhaltender Fürsorge. Nina schafft es nicht, mit der Erblindung ihres Sohnes Rocker umzugehen, dafür springt der Freund Adam ein und auch Nachbarin Lisa kümmert sich um Rocker. Hier wird auch deutlich, dass die Solidarität nicht auf die ideologisch überfrachtete bürgerliche Vater-Mutter-Kind-Familie beschränkt bleiben muss, sondern dass Familie in diesem Sinne der Ort des Zusammenhalts unabhängig von Verwandtschaft sein kann.

Prinzip der Sorge

Schon in »Das Brot mit der Feile« rüttelt Geissler am traditionellen Familienbild, wenn Ahlers mit Polly, Bantumak und deren Kindern zusammenlebt – auch wenn diese kleine Utopie unter dem gesellschaftlichen Druck der Nachbarschaft zerbricht.⁵ In »kamalatta« schaffen es Freunde und Familie, sich für Rocker zusammenzutun, um das Leben eines kleinen Kindes zu schützen. Es entsteht ein Raum, in dem Bedürfnisorientierung zählt: »nicht, dass du alles kannst, aber dass du genau alles tust, was du kannst, so geht das mit uns.« Gemeinsam wird diskutiert, wie man sich am besten organisiert, um die besten Lebensumstände für Rocker und alle Beteiligten zu schaffen. Die Sozialphilosophin Eva von Redecker führt aus, wie dieses hier zum Vorschein kommende Prinzip der Sorge, dass der sozialen Reproduktion zugrunde liegt, Modell für eine andere Art des Weltbezuges sein könnte – nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch auf Ebene der gesellschaftlichen Produktion und im Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen. Sie spricht in diesem Zusammenhang in bester Geisslerscher Terminologie von einer »Revolution für das Leben«: »Eine ›Revolution für das Leben‹, die sich der Zerstörungswut der kapitalistischen Gesellschaft in den Weg stellt, basiert auf einem ›Leben für die Revolution‹. Damit ist gerade keine heroische Opferleistung gemeint, sondern eine stetige, tagtägliche Übung.«⁶

Dass es diese tagtägliche Übung ist, die es zu meistern gilt, erkennt auch Moritz am Ende des Romans: »nicht der oder jener heftige einzelschritt rettet mich, uns, gar die welt, sondern dass wir ins wort gehen«, schreibt er im letzten Brief an seinen Vater Proff. Als wahre Stärke erscheint am Ende nicht, sich für die Umwälzung der Verhältnisse zu opfern, sondern offen miteinander zu sprechen und sich zu kümmern: um die Kinder, um die Freunde, und – wie man mit von Redecker ergänzen könnte – um die natürlichen Grundlagen unserer Reproduktion als Menschengattung. Die politische Praxis kann sich nicht im Privaten erschöpfen. Aber in sicheren Höhlen, in Enklaven abseits der gesellschaftlichen »Normalität«, können Modelle für übergreifende gesellschaftliche Zusammenhänge erprobt werden. Höhlebauen erscheint dann als Praxis der Fürsorge, des Schaffens von Orten des Zusammenhalts, die Raum geben, solidarische und sorgende Beziehungen zu erkunden und die Vorbild für andere Gesellschaftsformen sein können. Was Karst dem gemeinsamen Handeln im Klassenkampf zuschreibt, beginnt schon im Höhlebauen für den kleinen Rocker: »wir sind nie zuhaus, wo wir sind, sind aber angekommen, wo wir, mit anderen, das notwendige tun, unseren aufbruch, den menschenangriff gegen zerstörung.« Der Angriff gegen die Zerstörung muss kein gewaltsamer Anschlag sein, sondern er beginnt, wenn das Leben eines erblindeten Kindes geschützt und zwischenmenschliche Beziehungen der Sorge statt des Zerstörens gelebt werden. Die Höhle kann Ort der Geborgenheit und des Schutzes sein, die Basis für politische Kämpfe, aber auch selbst schon Ort des Experiments und der Subversion. Es bleibt festzuhalten: Höhlebauen ist immer wichtig.

Anmerkungen

1 Christian Geissler: kamalatta. romantisches fragment (1988). Berlin 2018, S. 433 f. Im folgenden entstammen nicht mit einer Quelle versehene Zitate diesem Buch.

2 Christian Geissler: Anfrage. Hamburg 1960, S. 19

3 Christian Geissler: ein kind essen. liebeslied. Hamburg 2001

4 »Re: Kinderlos dem Klima zuliebe? Wenn Frauen in den Gebärstreik treten«, RBB 2019. Online abrufbar unter: kurzelinks.de/ReArte-Kindelos

5 S. Christian Geissler: Das Brot mit der Feile (1973). Berlin 2016, S. 134–162

6 Eva v. Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt a. M. 2020, S. 147

Detlef Grumbach (Hg.): »Kamalatta lesen. Aktuelle Perspektiven auf Christian Geisslers ›romantisches Fragment‹«. Verbrecher-Verlag, Berlin 2021, 248 Seiten, 24 Euro

Pauline Pieper studiert im Master Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin

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