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Aus: Ausgabe vom 01.09.2021, Seite 7 / Ausland
Leere Worte

Perfekt inszeniert

Kolumbiens Präsident fordert bei Treffen zu Biodiversität Milliardeninvestitionen in Umweltschutz – während er im Land selbst wenig dafür tut
Von Frederic Schnatterer
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In Kolumbien sind rund 90 Prozent der Nationalparks beispielsweise durch Rodungen gefährdet (Caquetá, 3.3.2021)

Das Setting war bis ins letzte Detail inszeniert: Mitten im kolumbianischen Amazonasgebiet, in einer von westlichen Medien als »Urwaldhütte« betitelten Behausung in der Großstadt Leticia, forderte Kolumbiens Präsident Iván Duque am Montag (Ortszeit) mehr Anstrengungen für den Schutz der Biodiversität. Bei einer Pressekonferenz im Anschluss an ein online durchgeführtes Treffen mit Staats- und Regierungschefs erklärte der rechte Politiker, um das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten zu stoppen, müsse die »internationale Gemeinschaft« Ressourcen mobilisieren.

»Man schätzt, dass allein für die Erhaltung und den Schutz vieler Schätze und Zentren der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten rund 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr benötigt werden«, sagte Duque, der als Gastgeber der sogenannten PreCOP, eines Vorbereitungstreffens zur im Oktober in China anstehenden Artenschutztagung COP 15, auftrat. Dieses Geld müsse vor allem von den Industriestaaten kommen, die für einen Großteil der weltweiten Umweltverschmutzung verantwortlich seien. Zudem könnten sogenannte Entwicklungsländer auch über Schuldenschnitte entlastet werden.

UN-Generalsekretär António Guterres betonte während des Treffens, man befinde sich an einem »kritischen Moment«: Die Biodiversität »bricht zusammen, und wir sind die Verlierer«. Es ist unstrittig, dass angesichts der rasant an Dringlichkeit gewinnenden Klimakrise etwas getan werden muss. Ob das allerdings im Rahmen der COP 15 – der 15. Konferenz der 196 Unterzeichnerstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt – passieren wird, ist fraglich. Dabei soll zwar ein neues Rahmenabkommen beschlossen werden. In der Vergangenheit wurden gesetzte Ziele jedoch regelmäßig verfehlt, so auch die bis 2020 festgelegten Vorgaben.

Dass ausgerechnet Duque sich zum Vorreiter in Sachen Umweltschutz geriert, lässt ebenfalls an der Effektivität des zu erwartenden Engagements zweifeln. Kolumbien setzt zu großen Teilen auf die Inwertsetzung seiner natürlichen Ressourcen durch multinationale Konzerne – mit entsprechenden Folgen für die Umwelt. Auch vor formal geschützten Territorien wie den insgesamt 59 ausgewiesenen Nationalparks macht die Umweltzerstörung keinen Halt. So wurde erst am Sonntag eine Studie veröffentlicht, laut der 90 Prozent der kolumbianischen Parks beispielsweise durch illegale Rodungen gefährdet sind.

Hinzu kommt: Laut einer Statistik der Nichtregierungsorganisation »Global Witness« leben Umweltschützer nirgendwo so gefährlich wie in Kolumbien. Allein für das Jahr 2019 registrierte die NGO 64 ermordete Umweltaktivisten in dem südamerikanischen Land. Das im April dieses Jahres in Kraft getretene Escazú-Abkommen zu deren Schutz hat Kolumbien bisher nicht ratifiziert – trotz anderslautender Ankündigungen. Wie der Sender RCN Radio berichtete, bekräftigte Duque am Montag ein weiteres Mal, er wolle sich mit einer Unterschrift noch Zeit lassen.

Erst in der vergangenen Woche hatten mehr als 150 Organisationen einen Brief an die kolumbianische Regierung verfasst, in dem sie Duque dazu auffordern, das Escazú-Abkommen endlich zu unterzeichnen. Dem Präsidenten werfen sie darin eine Verschleppungstaktik vor, dabei sei gerade in diesem Moment eine »unmittelbare Maßnahme« für den Umweltschutz sowie den Schutz der Menschenrechte notwendig. Fast 17.000 Kolumbianerinnen und Kolumbianer schlossen sich bis Anfang der vergangenen Woche dem Aufruf über die Webseite change.org an.

Duques Auftritt am Montag beim PreCOP zeigte vor allem, dass es ihm in erster Linie um Symbolpolitik und Inszenierung vor einem internationalen Publikum geht. Davon zeugte auch ein weiteres Detail der Pressekonferenz: Diese fand nicht nur in einer »Urwaldhütte« statt; vor dem Tisch, an dem Duque sein Statement abgab, saßen zudem mehrere Indigene in traditioneller Aufmachung auf Baumstämmen – was heftige Kritik auslöste. So erklärte der indigene Senatsabgeordnete Feliciano Valencia über Twitter, die Völker Kolumbiens seien »Hüter des Territoriums« und nicht »Dekorationsobjekte«. Armando Valbuena, Expräsident der Nationalen Indigenenorganisation Kolumbiens (ONIC), bezeichnete das vom Präsidentenbüro verbreitete Foto der Pressekonferenz als Beispiel »kultureller Ausgrenzung« und »Segregation«.

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