3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Montag, 27. September 2021, Nr. 224
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 31.08.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Streiks in Krankenhäusern

Organisieren, kämpfen, gewinnen

Eine erste Bilanz der Berliner Tarifbewegung bei Charité und Vivantes
Von Susanne Knütter
Fortsetzung_Warnstre_70707406 Kopie.jpg
Der Widerstand wächst: Die Klinikbeschäftigten wehren sich gegen miese Arbeitsbedingungen (Berlin, 25.8.2021)

Tarifliche und betriebliche Auseinandersetzungen haben nicht nur eine Wirkung nach außen, sondern auch nach innen. Werden Verhandlungen nicht in Hinterzimmern geführt, die Beschäftigten statt dessen einbezogen und stimmen die Forderungen, kann sich schnell Kampfbereitschaft entfalten. Ein positives Beispiel ist das von Verdi gesetzte Ultimatum im Kampf für Entlastung und gleiche Bezahlung an den Berliner Kliniken Charité und Vivantes. Es dauerte 100 Tage und endete am 20. August. Da Vivantes und Charité ernsthafte Verhandlungen bis dahin verweigert hatten, liefen am Montag, dem 23. August, die Warnstreiks an – zunächst für drei Tage.

Letzten Mittwoch zog Verdi eine erste Bilanz. Mehr als zehn Stationen wurden komplett bestreikt, »etliche weitere Betten können für aufschiebbare Maßnahmen nicht belegt werden«, erklärte Verdi. Mehr als 700 Beschäftigte waren letzte Woche Montag im Ausstand. Dann hat Vivantes die Arbeitsniederlegungen wie zuvor bei den Tochtergesellschaften auch beim Mutterkonzern per einstweiliger Verfügung gerichtlich unterbinden lassen. Der Ausstand an den Vivantes-Kliniken wurde »heruntergefahren« und erst am Dienstag abend, nachdem das Arbeitsgericht die einstweiligen Verfügungen aufgehoben hatte, wieder »hochgefahren«. Am Morgen darauf startete auch der Warnstreik bei den Tochtergesellschaften. Mit einer Demonstration machten 2.000 Beschäftigte am Mittwoch deutlich, dass sie die Auseinandersetzung zu einem »erfolgreichen Ende bringen wollen«, wie Meike Jäger, Leiterin für den Fachbereich Gesundheit im Verdi-Bezirk Berlin-Brandenburg, am Donnerstag erklärte.

Die von Verdi initiierte Berliner Krankenhausbewegung wirkt. Die Kundgebungen sind gut besucht. Und zwar von den Beschäftigten selbst. Patienten- und Ärzteorganisationen solidarisieren sich mit den Anliegen und den Streiks der Beschäftigten. Seit Beginn des Ultimatums konnte Verdi 1.500 neue Mitglieder an den Kliniken und in den Tochtergesellschaften gewinnen, wie jW aus Gewerkschaftskreisen erfuhr. Es hat sich offenbar herumgesprochen: Eine ernsthafte Chance auf bessere Arbeitsbedingungen besteht, dafür muss man sich aber organisieren und gemeinsam kämpfen.

Anja Voigt, Krankenschwester am Vivantes-Klinikum in Neukölln, ist selbst seit Jahren Verdi-Mitglied und musste diesen Satz oft hören: »Ja, das eine Verdi-Mitglied auf der Station«. Doch von solchen Verlautbarungen könne man sich nun verabschieden, sagte die Intensivpflegerin bei einer Onlinepressekonferenz der Berliner Krankenhausbewegung am 17. August. Waren Anfang des Jahres noch zehn Prozent der Kolleginnen und Kollegen ihrer Station bei Verdi organisiert, seien es mittlerweile 70 Prozent. Was frühere Tarifauseinandersetzungen nicht vermocht haben, schafft die aktuelle. Voigt ist sich sicher, dass es am Inhalt des Streits liegt. Es geht nicht nur um höhere Löhne, sondern um »lebensändernde Maßnahmen« betonte auch die Intensivpflegerin Antje Tschätsch gegenüber jW am 24. August.

Die Eskalationsstrategie von Vivantes, aber auch das Verhalten der Charité-Leitung tragen ein übriges bei. In den Tarifverhandlungen hat die Charité Flexibilisierung anstelle von Entlastung vorgeschlagen. In den Notdienstverhandlungen hatte Vivantes bessere Personalschlüssel für die Zeit der Arbeitsniederlegungen gefordert, als im Alltag realisiert sind. Und auch während der Warnstreiks änderte die Kapitalseite ihren Kurs nicht. »Wir wollten, dass unsere Station während des Streiks zur Hälfte geschlossen wird«, sagte Irene Wagner, Intensivkrankenschwester am Virchow-Krankenhaus der Charité gegenüber jW am 24. August. Allerdings wurden die Betten kurz zuvor voll belegt. Wagner vermutet dahinter eine Strategie der Charité, um die Beschäftigten am Streiken zu hindern. Die Beobachtungen der Gewerkschaft bestätigen das. An der Charité wurden Betten »trotz der langfristigen Ankündigung mit verschiebbaren Fällen belegt«. Am Auguste-Viktoria-Krankenhaus von Vivantes wurde das OP-Programm weitgehend wie üblich durchgezogen.

Die Geduld der Beschäftigten ist zu Ende. Der Erzwingungsstreik ist eine Option, die Verdi bereits angekündigt hat, sollten die Kliniken nicht in diesen Tagen ein ordentliches Angebot machen. Allerdings wird eine weitere Option auch von den Berliner Kolleginnen und Kollegen ernsthaft in Erwägung gezogen – auf der Kundgebung am 24. August vor dem Roten Rathaus in Berlin war davon oft die Rede: Kündigung. Entweder sie gewinnen, oder sie kehren dem Beruf den Rücken.

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Ähnliche:

  • Die aktuelle Auseinandersetzung vereinigt die Beschäftigten alle...
    18.08.2021

    Streiktermin ist gesetzt

    Weiterhin keine konkreten Vorschläge der Klinikleitungen von Charité und Vivantes. In der kommenden Woche legen Beschäftigte die Arbeit nieder
  • Die Solidarität mit den Klinikbeschäftigten ist groß. Demnächst ...
    10.07.2021

    Eiserner Arbeitskampf

    Heimspiel für Beschäftigte von Berliner Kliniken Charité und Vivantes. Streikaktionen gegen unhaltbare Zustände im Pflegealltag

Regio:

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft

Letzte Möglichkeit: Drei Monate Aktionsabo »Marx für alle« für 62 Euro!