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Aus: Ausgabe vom 31.08.2021, Seite 12 / Thema
Wirtschaftspolitik

Capitalism First

Vorabdruck. China im Visier: US-Präsident Joseph Biden verfolgt mit seiner Außenwirtschaftspolitik die gleichen Ziele wie die gescholtene Vorgängerregierung, sie ist bloß anders verpackt
Von Christoph Scherrer
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Buy American. US-Präsident Joseph Biden zu Besuch in einem Werk des Lkw-Herstellers Mack Trucks in Macungie, Pennsylvania, 28.7.2021

In diesen Tagen erscheint im Berliner Verlag Bertz & Fischer von Christoph Scherrer das Buch »America Second? Die USA, China und der Weltmarkt«. Wir veröffentlichen hieraus leicht gekürzt und mit freundlicher Genehmigung des Verlags das letzte Kapitel. (jW)

»America First«, der Wahlspruch von Donald Trump, sollte glauben machen, dass seine Vorgänger nicht die Interessen der USA verfolgt hätten. Nicht nur seine große, gläubige Anhängerschaft, sondern auch viele Kommentatoren der US-Politik sahen und sehen in Trump einen rücksichtslosen Vertreter US-amerikanischer Interessen und damit einen Bruch gegenüber den Jahren vor seinem Amtsantritt im Jahre 2017. Eine solche Sichtweise verkennt, dass das, was der Inhalt des »nationalen Interesses« sein soll, als auch die Art und Weise, wie das jeweilige »nationale Interesse« verfolgt werden soll, in starkem Maße interpretierfähig und von den jeweiligen gesellschaftlichen Interessen geleitet ist.

Trumps aggressives, auf Bündnispartner verzichtendes Vorgehen gegenüber China zeitigte zumindest während seiner Amtszeit keine Erfolge, auch wenn zentrale Ziele seiner Strategie durchaus von der US-Geschäftswelt breit geteilt wurden. Deshalb erfährt Präsident Joseph Bidens China-Politik des Einbezugs traditioneller Verbündeter derzeit Zustimmung. Allerdings kann Trump einen entscheidenden Erfolg vorweisen, der sich für die zukünftige Handelspolitik der USA als richtungsweisend herausstellen könnte. Dies ist die Neuverhandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens von 1994 (NAFTA), die Anfang 2020 in die Ratifizierung des United States Mexico Canada Agreement (USMCA) mündete. Während das ursprüngliche NAFTA nur mit knapper Mehrheit im US-amerikanischen Kongress verabschiedet wurde und Präsident Barack Obamas Transpazifisches Partnerschaftsabkommen (TPP) nicht zur Abstimmung im Senat kam, erhielt das USMCA die Zustimmung einer breiten Mehrheit im US-Kongress.

Bidens Wahlkoalition

Die Kongress- und Präsidentschaftswahlen vom November 2020 bestätigen zunächst die These, wonach der Ausgang von Wahlen in den USA eng mit der Höhe der eingesetzten Wahlkampfmittel korreliert. Der Gewinner, Biden, hat mehr als 1,6 Milliarden US-Dollar einsammeln können, während Trump nur auf etwas über eine Milliarde US-Dollar kam. Zugleich verhinderten Großspender in den letzten Wochen des Wahlkampfs eine Mehrheit für die Demokratische Partei im Senat. Wenngleich das Gros der Kapitalgruppen sich für Biden eingesetzt hat, wollten viele sichergehen, dass der progressive Flügel der Demokratischen Partei wenig Einfluss auf die Politik Bidens erhielte. Diese Strategie hat sich bereits ausgezahlt, und zwar indem die Erhöhung des Mindestlohns aus dem großen Coronahilfspaket des Präsidenten herausgenommen werden musste. Die Aussichten, dass jenes im Abgeordnetenhaus verabschiedete Gesetz zur Stärkung der Gewerkschaften auch vom Senat angenommen wird, stehen ebenfalls schlecht.

Trump erhielt für seinen Wahlkampf insbesondere Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen, der Gesundheitsindustrie, Casinos, der Baubranche, der Öl-, Kohle- und Gasindustrie, dem Transportwesen und der Agrarindustrie. Natürlich auch von der Immobilienwirtschaft, allerdings nur wenig mehr als Biden, was wohl mit dem städtischen Schwerpunkt dieser Branche erklärt werden kann. Zum ersten Mal seit 2008 haben Firmen des Finanzwesens mehrheitlich den demokratischen Kandidaten unterstützt, und zwar mit einem signifikanten Vorsprung. Noch eindeutiger zugunsten Bidens fiel die Positionierung der Elektronikindustrie aus. Und natürlich am allerdeutlichsten die der Gewerkschaften und der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, deren gesamte Wahlkampfspenden allerdings nicht mit einzelnen Zuwendungen aus der großen Industrie mithalten konnten. Ein sehr erheblicher
Posten, annähernd 30 Prozent der Gesamtspenden, kam von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), insbesondere Frauengruppen, Umweltverbänden, Antirassismusorganisationen etc. Mithin steht hinter dem Wahlsieg von Biden eine klassenübergreifende Wahlkoalition aus Hochfinanz wie Hightechindustrie einerseits und Gewerkschaften wie progressiven Organisationen andererseits.

Die außenwirtschaftlichen Interessen von Hochfinanz und Hightech sind relativ deckungsgleich: freier grenzüberschreitender Daten- und Finanzfluss sowie Stärkung des Schutzes des geistigen Eigentums. In bezug auf China sind die Finanzkonzerne stärker an einer weiteren Liberalisierung des Zugangs zu den chinesischen Finanzmärkten interessiert, während die Hightechfirmen ihren bisherigen Zugang bewahrt sehen wollen und zugleich eine stärkere Unterstützung in der anwendungsorientierten Forschung wünschen. Entsprechend fordern mehrere prominente Wirtschaftsverbände, darunter vor allem Verbände aus dem Hightechbereich, die Biden-Administration auf, einen Erlass der Vorgängerregierung auszusetzen, der China als »ausländischen Gegner« bezeichnet und dem Handelsministerium erlaubt, Importe von Informations- und Kommunikationstechnologie und -dienstleistungen zu verbieten. Dieser Erlass gibt der Ministerin nahezu uneingeschränkte Befugnis, Transaktionen zu blockieren oder rückgängig zu machen, für betroffene Unternehmen existiert kein Verfahren, eine solche Entscheidung anzufechten. Die Regelung könne US-Firmen zu »unzuverlässigen Geschäftspartnern« machen.¹ In einer aufwendigen Studie warnt die US-amerikanische Handelskammer vor einer Entkopplung der beiden Ökonomien. Sprich: Die US-Konzerne wollen ihren Zugang zu den Arbeitskräften und Konsumenten in China nicht gefährden, ihn sogar ausbauen, doch zugleich die chinesische Konkurrenz kleinhalten.

Die Gewerkschaften sind vor allem an Erhalt und Ausbau von Industriearbeitsplätzen in den USA interessiert. Deshalb geben sie der Industriepolitik Vorrang vor der Handelspolitik. Neue Handelsabkommen müssten aus ihrer Sicht starke Ursprungsregeln enthalten, die den Anreiz zur Verlagerung von Arbeitsplätzen mindern, zudem verlässliche Regeln zur Aussetzung von Handelsprivilegien im Falle einer starken Zunahme von substituierenden Importen und sanktionsbewehrte Arbeitsrechtsklauseln. Umweltverbände wie zum Beispiel der große Sierra Club verlangen vor allem, dass Nationen in der Lage sein sollten, zur Verfolgung ihrer Umweltziele Importe in ihr bzw. Exporte aus ihrem nationalen Territorium auf einer nichtdiskriminierenden Basis zu beschränken. Viele progressive Verbände, wie zum Beispiel der Verbraucherschutzverband Public Citizen, fordern eine Abschaffung der Sondergerichtsbarkeit zugunsten von Konzernen gegenüber Staaten. Marginal sind die Stimmen, die grenzüberschreitenden Handel allgemein hinterfragen.

Die Interessen dieser Biden-Wahlkoalition sind somit nicht deckungsgleich, womit sich die Frage stellt, welche Interessen sich durchsetzen und welche Kompromisse gemacht werden. Neben den deutlich umfangreicheren Wahlspenden des Finanz- und Hightechsektors setzen die Großkonzerne erhebliche Mittel für ihre Lobbyarbeit ein und verfügen über ausgezeichnete Zugänge zu den zentralen Personen im Kongress und im Weißen Haus, wo sie in den ständigen Beratungsgremien des Büros der Handelsbeauftragten gegenüber Gewerkschaften und NGOs deutlich in der Überzahl sind. Ihre Liberalisierungsagenda wird auch von den liberalen Leitmedien, der Wirtschaftspresse, zentralen Thinktanks und Wirtschaftswissenschaftlern mitgetragen. Die bisherige und nun nach Trump wohl wiederbelebte geopolitische Bündnispolitik der USA begünstigt zudem das Interesse der Präsidentschaft an liberalisierenden Handelsverträgen und weniger an einer Abschottung des eigenen Marktes.

Neben den nicht unerheblichen finanziellen Mitteln, die sie für Wahlkämpfe aufbringen, sind die Gewerkschaften für die Bereitstellung von freiwilligen Wahlkämpfern für die demokratische Partei in vielen Bundesstaaten wichtig. Der Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO verfügt über viel Expertise in Handelsfragen, und beim Büro der Handelsbeauftragten ist auch eines der Beratungsgremien mit Vertretern der Gewerkschaften besetzt. Gleichwohl vermochten sie es nicht, die großen Handels- und Investitionsabkommen der letzten Jahrzehnte zu verhindern. Die große Ausnahme war das Transpazifische Partnerschaftsabkommen (TPP), das sie nur dank Trump und solcher chauvinistischer Kräfte, die auf allen anderen Politikfeldern gewerkschaftsfeindliche Positionen vertreten, abwenden konnten.

Angesichts des Patts zwischen den Parteien im Senat ist aufgrund der beschriebenen Kräfteverhältnisse anzunehmen, dass sich die Interessen der Gewerkschaften, Umwelt- und Verbraucherverbände im besten Fall als Unterkapitel in neuen Handelsverträgen widerspiegeln. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass größere neue Handels- und Investitionsverträge in der Amtszeit von Biden gar nicht ratifiziert werden, da sich die Bewilligung eines neuen Verhandlungsmandats, die Aushandlung des jeweiligen Abkommens und die Ratifizierung durch den Kongress hinziehen können. Die Zwischenwahlen von 2022 werden sich sicherlich darauf auswirken, je nachdem, welche Partei im Abgeordnetenhaus und im Senat gewinnt.

Kreuzung von Obama und Trump

Als Senator stimmte Biden für NAFTA und für die Erleichterung von Chinas Eintritt in die WTO. Als Vizepräsident verteidigte er die Zwölf-Länder-Trans-Pacific-Partnership, die Präsident Barack Obama als »Eckpfeiler« der US-Wirtschaftsbeziehungen mit dem asiatisch-pazifischen Raum bezeichnete. Gleichwohl lassen Bidens Wahlkampfreden und die Verlautbarungen aus seinem außenpolitischen und außenwirtschaftspolitischen Umkreis ein Überdenken der handelspolitischen Erfahrungen der Präsidentschaft von Obama als auch der von Trump erkennen.

Aus dem Scheitern des TPP wurde die Schlussfolgerung gezogen, der Verhandlung neuer Außenwirtschaftsabkommen keine Priorität einzuräumen. Falls doch neue Abkommen angestrebt werden, sollte, so der neue Außenminister Antony Blinken, der Kampf »um jeden amerikanischen Arbeitsplatz und für die Rechte, den Schutz und die Interessen aller amerikanischen Arbeiter« im Vordergrund stehen.² Die erfolgreiche Einbindung der Gewerkschaften bei der Neuverhandlung des USMCA mittels einer ausgeklügelten Arbeitsrechtsklausel und verschärfter Ursprungsregeln wird voraussichtlich als Vorbild dienen, zumal die neuernannte Handelsbeauftragte, Katherine Chi Tai, als vormalige Chefberaterin für Handelsfragen im Repräsentantenhaus wesentlich am Zustandekommen der breiten Zustimmung für den USMCA beteiligt war. Sie plädiert für eine »worker-centered« handelspolitische Strategie.

Das Scheitern von Trumps China-Strategie wird unter anderem auf die mangelnde Koordination mit den traditionell verbündeten kapitalistischen Demokratien zurückgeführt. Quasi unisono fordert das liberale außenpolitische Establishment samt seiner organischen Intellektuellen eine Rückkehr zur »Führung« des westlichen Bündnisses. Allerdings soll den Verbündeten klargemacht werden, so Bidens Außenminister, dass »eine echte Partnerschaft bedeutet, die Bürden gemeinsam zu schultern«.³ Erkennbar sind bereits erste Schritte auf die Verbündeten zu, und zwar nicht nur durch den angekündigten Wiederbeitritt zum Pariser Klimaabkommen und der Weltgesundheitsorganisation, sondern auch durch das Moratorium im ewigen Streit mit der Europäischen Union (EU) über die Subventionen von Airbus bzw. Boeing.

Im Unterschied zur Obama-Strategie soll China jedoch nicht nur umzingelt, sondern auch direkt mit Liberalisierungsforderungen konfrontiert werden. Bereits 2019 schrieben Präsident Bidens oberster Asienberater, Kurt Campbell, und sein Berater für nationale Sicherheit, Jake Sullivan: »Die Ära der Vertiefung der Beziehungen zu China ist unaufhaltsam zu einem Ende gekommen«.⁴ Entsprechend hat die Biden-Präsidentschaft bisher nicht die von Trump verhängten Maßnahmen zurückgenommen. Sowohl die Handelsbeauftragte Tai als auch die neue Handelsministerin Gina Raimondo versprachen in ihren Anhörungen vor dem Kongress, China im Rahmen des Phase-eins-Abkommens mit den USA zur Rechenschaft zu ziehen und mit dem Rest der Biden-Administration zusammenzuarbeiten, um eine langfristige Vision zu entwickeln, wie die USA am besten mit Beijing konkurrieren können. Es wird allerdings erwartet, dass Biden die dritte und vierte Runde der Zölle gegen China aufheben wird, da diese im Unterschied zu den ersten beiden Runden nicht auf der Grundlage einer offiziellen Untersuchung zu den Implikationen der nationalen Sicherheit verhängt wurden.

Präsident Bidens erste handelspolitische Amtshandlung am 25. Januar 2021 war ein Erlass zum öffentlichen Beschaffungswesen: Die Schlupflöcher des bestehenden »Buy-America«-Gesetzes sollen geschlossen und Ausnahmen strikter erteilt werden. Das folgenreichste dieser Schlupflöcher, bekannt als »Trade-pact waiver«, erlaubt es Bundesbehörden, Unternehmen aus Dutzenden von Ländern als US-amerikanische Lieferanten zu behandeln, wenn die, wie zum Beispiel Japan, Handelsbeziehungen mit den USA unterhalten. Es folgte die Wiedereinführung eines zehnprozentigen Zolls auf Aluminiumimporte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Trump nur einen Tag vor seinem Ausscheiden aus dem Amt aufgehoben hatte. Am 24. Februar 2021 unterschrieb Biden dann einen Erlass zu Zulieferketten. Innerhalb von 100 Tagen sollen die Lieferketten für Halbleiter, seltene Erden, Pharmazeutika und Großbatterien geprüft werden, und innerhalb eines Jahres sollen die industriellen Grundlagen für sechs zentrale Bereiche wie Verteidigung, öffentliche Gesundheit, Informations- und Kommunikationstechnologie etc. analysiert werden. Dabei soll auch mit Verbündeten zusammengearbeitet werden.

Traditionell bremst das Finanzministerium protektionistische Initiativen anderer Ministerien, selbst unter Trump (Beispiel: Verzicht, China wegen Währungsmanipulationen anzuklagen). Bidens Finanzministerin, Janet Yellen, gilt als bekennende Freihändlerin, setzt sich aber gelegentlich auch für die Interessen der Lohnabhängigen ein. Entsprechend scheint sie die neue Politik gut zu verkörpern, die die Konzernagenda mit einer stärkeren Berücksichtigung der Interessen der Gewerkschaften verbindet.

Industrie- und Technologiepolitik

Weitere zentrale Pfeiler der neuen China-Strategie sind industrie- und technologiepolitische Initiativen sowie Investitionen in die Infrastruktur der USA, die Trump groß angekündigt, aber nie verwirklicht hatte. Diese sollen es den USA ermöglichen, China aus einer Position der Stärke heraus zu begegnen. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit erhob Biden das Amt des Leiters des Büros für Wissenschafts- und Technologiepolitik zu einer Position auf Kabinettsebene. Bereits wenige Wochen später, am 31. März 2021, kündigte er einen 2,25 Billionen US-Dollar schweren Infrastrukturplan an. Der vierteilige, auf acht Jahre angelegte Plan sieht 620 Milliarden US-Dollar für das Verkehrswesen vor, einschließlich einer Verdoppelung der Bundesmittel für den öffentlichen Nahverkehr. Weitere 650 Milliarden US-Dollar sind für Initiativen zur Verbesserung der Lebensqualität, wie sauberes Wasser und Hochgeschwindigkeitsbreitband, vorgesehen. 580 Milliarden US-Dollar sollen das verarbeitende Gewerbe stärken – davon sind etwa 180 Milliarden US-Dollar für das größte Forschungs- und Entwicklungsprogramm vorgesehen, das es je außerhalb des Verteidigungssektors gab. 400 Milliarden US-Dollar sollen als Antwort auf die Coronapandemie für eine bessere Versorgung älterer Menschen eingesetzt werden.

Die industriepolitischen Ideen der Biden-Regierung finden prinzipiell auch einen positiven Widerhall bei einigen republikanischen Senatoren. Bereits im Juli 2020 hat der damalige Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Beziehungen, Senator James »Jim« Risch (Idaho), den Gesetzentwurf »STRATEGIC Act« eingebracht, der unter anderem verstärkte industriepolitische Anstrengungen beinhaltete. Der für seine Präsidentschaftsambitionen bekannte Senator Marco Rubio (Florida) argumentierte, dass die USA eine »proamerikanische Industriepolitik des einundzwanzigsten Jahrhunderts« für einen »Gemeinwohlkapitalismus« betreiben müssten, weil »Marktfundamentalisten einen Wettbewerb mit China nicht gewinnen werden«. Die konservative China-Expertin Elizabeth Economy meinte dazu passend: »China wird sich nicht an die Spielregeln anpassen, wie wir sie gesetzt haben, also müssen wir uns anpassen«.⁵

Noch am Ende der letzten Legislaturperiode verabschiedete der Kongress parteiübergreifend (mit 96 zu 4 Stimmen im Senat) im Rahmen der Bewilligung des Verteidigungshaushaltes ein Gesetz zur Förderung der Halbleiterproduktion in den USA, das Gesetz »Creating Helpful Incentives to Produce Semiconductors (CHIPS) for America«. Die Verbände der Elektronikindustrie zusammen mit den Dachverbänden der Wirtschaft fordern nun von der Biden-Regierung, die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Allerdings wird die Finanzierung von Bidens Infrastrukturplan auf den Widerstand der republikanischen Partei und wohl auch einiger demokratischer Senatoren stoßen. Nach diesem Plan würde die Körperschaftssteuer von 21 Prozent auf 28 Prozent angehoben und eine Mindeststeuer von 21 Prozent auf globale Unternehmensgewinne festgelegt werden. Der Sprecher des Information Technology Industry Council begrüßte Bidens Vorhaben, warnte aber zugleich, dass dies »nicht auf Kosten einer Schwächung der international wettbewerbsfähigen Steuerpolitik der Vereinigten Staaten gehen soll«. Sprich: Die hochprofitablen Konzerne hoffen auf Subventionen für Forschung und Neugliederung ihrer Lieferketten, die sie auch aus eigener Kraft stemmen könnten, und zugleich wollen sie die niedrigen Steuersätze der Trump-Ära beibehalten.

Es ist zu vermuten, dass im finanzialisierten Kapitalismus Teile dieser Subventionen ebenso wie zuvor die Steuergeschenke für den Rückkauf von Aktien genutzt werden, um die Börsenkurse weiter in die Höhe zu treiben. Dass es trotz der Kritik am chinesischen Staatskapitalismus im US-Kongress eine wachsende parteiübergreifende Unterstützung für eine federführende industriepolitische Rolle der eigenen Regierung gibt, entbehrt nicht der Ironie.

Bloß schöner verpackt

Die Abkehr von den protektionistischen, mit aggressiver Rhetorik unterlegten Alleingängen der Trump-Administration lässt die EU-Kommission auf eine Wiederbelebung der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) hoffen. So ruft die EU-Generaldirektorin für Handel, Sabine Weyand, die USA dazu auf, sich gemeinsam mit dem Aufstieg Chinas auseinandersetzen. Beide sollen eine neue Initiative bei der Welthandelsorganisation anführen, um Regeln zu entwickeln, die »Wettbewerbsneutralität« sicherstellen. Staatliche Eingriffe, die den Wettbewerb verzerren, wie Industriesubventionen, staatliche Unternehmen und erzwungene Technologietransfers, sollten unterbunden werden. Ein erster Schritt in diese Richtung soll die Einrichtung eines US-EU-Handels- und Technologierats sein, um Themen wie Standards, regulatorische Ansätze oder Cybersicherheit zu diskutieren. Davon erhofft sich die EU-Kommission, China bei der Setzung von Standards auf neuen Technologiefeldern zuvorzukommen. Die US-Handelskammer begrüßt einen solchen Rat und drängt die Biden-Administration, auf diesen Vorschlag einzugehen.

Inwieweit es tatsächlich gelingen sollte, Chinas Staatskapitalismus zu ändern, kann hier nicht beantwortet werden. Sicher ist jedoch, dass die Abkehr von Trumps aggressiven, unilateralen Strategien nicht bedeutet, dass auf beiden Seiten des Atlantiks keine Versuche unternommen würden, die Interessen der Großkonzerne zu verfolgen. Die Ära Trump nutzte die EU-Kommission, um sich als Bewahrer internationaler Kooperationen zu stilisieren. Während TTIP zu Zeiten der Präsidentschaft von Obama auf breiten gesellschaftlichen Widerstand stieß, konnten Freihandelsabkommen mit Japan (JEFTA), Singapur, Vietnam, den Mercosur-Ländern und zum Jahresende 2020 mit der Volksrepublik China (CAI) ohne breite gesellschaftliche Diskussion abgeschlossen werden. Diese Abkommen lassen keinen Willen erkennen, sanktionierbare Regeln zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit in internationalen Wirtschaftsabkommen zu verankern. Aus diesem Grunde ist Skepsis gegenüber den neuerlichen Versuchen der EU (und des deutschen Wirtschaftsministeriums) angebracht, die transatlantische Wirtschaftskooperation zu vertiefen.

Und während der Pandemie zeigen sich wieder einmal sehr deutlich nationale, regionale und vor allem kapitalistische Egoismen. Nationalistisch reagierten die reichen Länder bei der medizinischen Versorgung ihrer Bevölkerung. Eine Verschränkung nationaler und kapitalistischer Macht wird an der von vielen Ländern des globalen Südens geforderten zeitlichen Ausnahmeregelung für bestimmte geistige Eigentumsrechte an medizinischen Instrumenten und Technologien sichtbar. Diese Ausnahmeregelung soll ermöglichen, dass ein größerer Vorrat an Impfstoffen, Behandlungen und diagnostischen Tests an möglichst vielen Orten so schnell wie möglich produziert werden kann. Doch der Pharmaindustrie mit Unterstützung anderer vom Patentschutz profitierenden Branchen gelingt es, die Regierungen am Sitz ihrer Konzernzentralen die diesbezüglichen WTO-Verhandlungen blockieren zu lassen. Allen voran wehren sich die deutschen, britischen und schweizerischen Regierungen gegen eine Ausnahmeregelung.

Sollte es letztlich zu einem gemeinsamen Vorgehen gegenüber China kommen – womöglich mit einer Nachhaltigkeitsrhetorik –, dann wohl kaum unter Aufgabe von »America First« und »Festung Europa«. Eine solche Politik läuft hinaus auf »Capitalism First« – nichts Neues also, nur schöner verpackt.

Anmerkungen

1 Inside U.S. Trade: Business groups call for suspension of ICT supply chain rule, order (5.2.2021). https://insidetrade.com

2 Antony J. Blinken: A Foreign Policy for the American People (Speech, Secretary of State, 3.3.2021). https://www.state.gov

3 ebd.

4 Kurt Campbell, Jake Sullivan: Competition Without Catastrophe. How America Can Both Challenge and Coexist with China (9/10.2019). https://www.foreignaffairs.com

5 zit. n.: Nick Wadhams: Biden Putting Tech, Not Troops, at Core of U.S.-China Policy (1.3.2021). https://www.bloomberg.com

Christoph Scherrer: America Second? Die USA, China und der Weltmarkt. Bertz & Fischer, Berlin 2021, 136 Seiten, 8 Euro

Christoph Scherrer ist Professor für Globalisierung und Politik an der Universität Kassel.

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