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Aus: Ausgabe vom 30.08.2021, Seite 8 / Ansichten

Vom Debakel zum Fiasko

Anschläge am Kabuler Flughafen
Von Knut Mellenthin
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Krankenwagen am Rande des Kabuler Flughafens nach einem Anschlag am 27. August

Das Europatrio Frankreich, Deutschland und Großbritannien scheint den verlorenen Krieg in Afghanistan neu beginnen zu wollen. Der französische Ministerpräsident Emmanuel Macron hat am Sonntag angekündigt, dass Paris und London in einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats an diesem Montag eine gemeinsame Resolution einbringen werden. Unter anderem wollen sie die Schaffung einer »sicheren Zone« in Kabul erreichen, die zweifellos die Stationierung von nationalen oder internationalen Streitkräften in erheblicher Stärke erfordern würde. Darüber hinaus will Macron, wie er der Zeitung Journal de Dimanche sagte, auch »Tausende« afghanische »höhere Verwaltungsbeamte, Künstler, Intellektuelle« und eine unüberschaubar große Zahl von Frauen aus allen Teilen des Landes evakuieren lassen.

Wie er sich den Ablauf konkret vorstellt, erläuterte der französische Regierungschef nicht. Er erwähnte jedoch, dass Gespräche mit den Taliban in Doha, der Hauptstadt von Katar, aufgenommen worden seien. Gleichzeitig diskreditierte er seine eigenen Vorschläge mit der provozierenden Aussage, dass diese es »der internationalen Gemeinschaft erlauben« sollen, »Druck auf die Taliban aufrechtzuerhalten«.

Dem CSU-Chef Markus Söder gehen Macrons Pläne dennoch nicht weit genug: In der Bild am Sonntag forderte er statt dessen, auf dem Flughafen von Kabul »in naher Zukunft eine eigene europäische Sicherheitszone zu etablieren«, um die Evakuierungsflüge wieder aufzunehmen. An dieser »EU-Mission« solle sich dann auch die Bundeswehr beteiligen.

Indessen hat US-Präsident Joseph Biden in der Nacht von Freitag auf Sonnabend einen Luftangriff gegen die Terrororganisation ISIS-K durchführen lassen. Er hatte das nach dem Anschlag am Kabuler Flughafen vom Donnerstag angekündigt. Weitere Militäraktionen gegen ISIS-K sollen folgen.

In diesem Zusammenhang stellen sich mehrere Fragen. Wenn das US-Militär am Sonnabend öffentlich warnte, weitere Anschläge innerhalb der nächsten 24 bis 36 Stunden seien wahrscheinlich, wird der Luftangriff solche Pläne von ISIS-K nicht behindert, sondern gefördert haben. Das ist angesichts der Tatsache, dass noch bis Dienstag US-Soldaten auf dem Flughafen sind, eine seltsame Vorgehensweise.

Zweitens: Bei dem Angriff wurden nach Angaben des US-Militärs zwei wichtige (»high profile«) Mitglieder von ISIS-K getötet, die als »Planner« und »Facilitator« – jemand, der bei der Durchführung eines Plans mitwirkt – bezeichnet werden. Die Frage von Journalisten, wie man so schnell auf diese beiden als Ziel gekommen sei, wurde während einer Pressekonferenz am Sonnabend von Militärvertretern damit beantwortet, dass man die Strukturen der Terrororganisation kenne und auf »Erkenntnisse, die in der Vergangenheit gesammelt wurden« zurückgreifen konnte. Warum aber hat man sie dann bis jetzt in Ruhe gelassen?

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  • Leserbrief von Rudolf Assenmacher aus Alfter ( 2. September 2021 um 12:44 Uhr)
    Mit ihrem Racheakt (Luftangriff) in Afghanistan haben die USA Öl ins Feuer geschüttet. Die USA betreiben eine Kriegspolitik. Sie ziehen viele andere Länder der Welt da mit rein, so auch Deutschland, das willig folgt. Es heißt nun nicht mehr »Krieg«, sondern »Friedensmission«. Für mich sind die USA eine Macht ohne Verantwortung. Sie haben sich weltweit ein Militärimperium aufgebaut, mit ihren Flugzeugträgern beherrschen sie die Weltmeere, sie haben sich weltweit Militärstützpunkte aufgebaut. Das hat dazu geführt, dass sie sich viele Feinde geschaffen haben. So entstand ein internationaler Terrorismus, mit dem wir uns nun auseinandersetzen müssen. Anstatt der Ursachen des Terrors wird der Terror bekämpft. Es entstand eine Spirale, die sich weiterdreht. So findet der Terror neuen Nährboden. So haben die USA seit 1945 mehr als 270 Militäreinsätze geführt. Das kann nicht gutgehen, will die Menschheit überleben. Krieg hat nie zu einer Lösung geführt, er fordert Menschenleben, er bringt Zerstörung und Not über die Menschheit.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (29. August 2021 um 21:38 Uhr)
    Zitat: »Bei dem Angriff wurden nach Angaben des US-Militärs zwei wichtige (›high profile‹) Mitglieder von ISIS-K getötet, die als ›Planner‹ und ›Facilitator‹ – jemand, der bei der Durchführung eines Plans mitwirkt – bezeichnet werden. Die Frage von Journalisten, wie man so schnell auf diese beiden als Ziel gekommen sei, wurde während einer Pressekonferenz am Sonnabend von Militärvertretern damit beantwortet, dass man die Strukturen der Terrororganisation kenne und auf ›Erkenntnisse, die in der Vergangenheit gesammelt wurden‹ zurückgreifen konnte. Warum aber hat man sie dann bis jetzt in Ruhe gelassen?« Ein Käfig voller Helden in Washington: Hollywood lässt grüßen!

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