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Aus: Ausgabe vom 30.08.2021, Seite 8 / Inland
Friedensbewegung

»Von Krieg und Töten liest man hier nichts«

Bundeswehr-Werbung soll Minderjährige rekrutieren. Kampagne setzt Aufklärung dagegen. Ein Gespräch mit Sarah Fontanarosa
Interview: Markus Bernhardt
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Die Kampagne »Unter 18 nie! Keine Minderjährigen bei der Bundeswehr«, die von Friedensbewegung, Gewerkschaften und Kirchen getragen wird, wendet sich gegen die Rekrutierung junger Menschen durch die deutsche Armee. Warum darf die Bundeswehr überhaupt bei Minderjährigen für den Soldatenberuf werben?

Die Rekrutierung von Minderjährigen widerspricht den Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention. Allerdings macht Deutschland von einer Ausnahmeregelung Gebrauch: Diese gestattet staatlichen Armeen die Rekrutierung Minderjähriger, solange sie freiwillig geschieht, die Eltern zustimmen und die Jugendlichen mindestens 16 Jahre alt sind. Zusätzlich gibt es die Bedingung, dass sie nicht in kriegerischen Konflikten eingesetzt werden. Der UN-Ausschuss für Kinderrechte kritisiert die Werbemaßnahmen der Bundeswehr deutlich und hat Deutschland wiederholt aufgefordert, das Rekrutierungsalter auf 18 Jahre zu erhöhen.

Wie viele Minderjährige arbeiten derzeit bei der Bundeswehr, und welche Tätigkeiten übernehmen sie?

Letztes Jahr hat die Bundeswehr 1.148 Minderjährige rekrutiert. Seit Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011 sind es insgesamt 14.589. Sie durchlaufen genau die gleiche militärische Ausbildung wie Erwachsene, dazu gehört also auch das Schießen. Sie werden mit erwachsenen Soldaten zusammen untergebracht, dabei werden das Jugendarbeitsschutzgesetz und der gesetzliche Jugendschutz in der Bundeswehr nicht eingehalten. Es gibt keine besonderen Schutzmaßnahmen bis auf zwei Ausnahmen: Unter 18jährige werden noch nicht in Auslandseinsätze geschickt und machen keinen bewaffneten Wachdienst.

Sie lehnen auch den Einsatz von Bundeswehr-Vertretern an Schulen und bei Ausbildungsmessen, die sich an Schülerinnen und Schüler richten, ab. Was spricht dagegen, dass sich junge Menschen über Berufsangebote bei der Bundeswehr informieren?

Gegen neutrale Informationen spricht natürlich überhaupt nichts – in der Regel sucht man diese bei der Bundeswehr aber leider vergeblich. Viele kennen vermutlich die verklärenden Werbeplakate, die an vielen Haltestellen zu finden sind. Von Krieg und Töten liest man hier nichts. Es klingt alles nach Abenteuerspielplatz, und das entspricht einfach nicht der Realität. Davor möchten wir Minderjährige schützen.

Ist es nicht das Recht junger Menschen, sich für den Beruf der Soldatin bzw. des Soldaten zu entscheiden?

Es ist fraglich, ob so junge Menschen in der Regel schon in der Lage sind, die Konsequenzen, die eine Ausbildung bei der Bundeswehr für sie und ihr weiteres Leben bedeutet, einzuschätzen. Es ist wichtig zu wissen: Wer sich einmal bei der Armee verpflichtet hat, kann nach der sechsmonatigen Probezeit nicht einfach kündigen. Er muss den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern und mit hohen Rückzahlungen für die bereits in Anspruch genommene Ausbildung rechnen.

Noch bis Sonntag führt Ihr Bündnis öffentlich Aktionen durch, um gegen die Rekrutierung Minderjähriger zu protestieren. Wie genau wollen Sie bei den Menschen für Ihre Positionen werben?

Wir haben uns ein buntes Programm überlegt, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Es gibt Videos mit Hintergrundinformationen, Statements aus Zivilgesellschaft und Politik, eine Fotoaktion in Berlin und regelmäßige Updates zu den Standpunkten der Parteien im Wahlkampf. Mitverfolgen kann man alles auf unserer Homepage sowie auf Instagram, Facebook und Twitter.

Sind die Jugendlichen Ihrer Erfahrung nach empfänglich für die Kritik?

Die Jugendlichen, die sich schon mit dem Thema beschäftigt haben, etwa weil sie sich über unerwünschte Bundeswehr-Werbung geärgert haben, sind sehr empfänglich für unsere Informationen. Und nachdem die Armee allein letztes Jahr 678.232 Werbebriefe verschickt hat, betrifft das eine ganze Menge von Menschen. Auf unserer Homepage gibt es übrigens ein »Tool«, mit dem man der Weitergabe der eigenen Meldedaten an die Bundeswehr widersprechen kann. So kann man der Werbeflut entgehen.

Sarah Fontanarosa ist Sprecherin der Kampagne »Unter 18 nie! Keine Minderjährigen bei der Bundeswehr!«

unter18nie.de

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Rudi E. aus Langenhagen (30. August 2021 um 19:55 Uhr)
    Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nie dasselbe! Das lehrt uns stets die Geschichte – je nachdem, auf welcher ideologischen Seite man steht. So oder ähnlich könnte man den unverhohlenen Versuch der Bundeswehr werten, bereits in Schulen für sie zu werben und den Kindern die heile Welt einer Abenteuerlandschaft zu suggerieren – natürlich ohne Waffen und Blutzoll. Hier haben wir also das System West. Erinnern kann ich mich noch sehr gut, wie vor vielen Jahrzehnten sich die BRD politisch das Maul zerrissen hat über die paramilitärische Ausbildung der Gesellschaft für Sport und Technik in der DDR (GST), in der Jugendliche an der Waffe ausgebildet wurden. Es war ein Staatsauftrag, der zur Sicherung der DDR und des Warschauer Paktes diente. Der Definition des Westens zufolge diente es allerdings einem unmenschlichen Unrechtssystem. Nicht anders handelt allerdings die BRD mit der Rekrutierung von Minderjährigen. Unrechtssystem etwa im Westen? Weit gefehlt! Letztlich geht es um sogenannte westliche Werte – was immer auch das sein mag … Hier soll unverblümt den Jugendlichen an der Waffe etwas vermittelt werden, das vermeintlich der Verteidigung der westlichen Welt dient. Alles recht schwammig formuliert, aber einem bestimmten Ziel verpflichtet. Si ergo duo faciunt idem, non est idem – wenn also zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe. Was für eine heuchlerische und verlogene Welt …

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