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Aus: Ausgabe vom 27.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Urlaub

Sommer, Sonne, Sachsen

Tage in Warnemünde
Von Bernhard Spring
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»Auch nichtsozialistische Nacktbader munkeln vom Untergang der ostdeutschen Lebensart«

»Sie sind auch aus Sachsen, stimmt’s?« Man schaut ein wenig verlegen an sich herunter. Immerhin befindet man sich hier in einer Sauna. »Das haben Sie aber am Dialekt erkannt!« Der Mann auf der Bank gegenüber lächelt. »Ich komme aus Chemnitz«, erklärt er. Und lobt in einem ausufernden Monolog die Ruhe, die man hier finden kann. Hier, das ist der Spa-Bereich vom »Nivea-Haus«, direkt an der Promenade von Warnemünde gelegen.

Ruhe findet man hier in diesen Tagen nur schwer. Es ist Hochsaison, und schon vor Corona fluteten knapp 40.000 Besucher pro Tag den kleinen Ort mit seinen rund 6.000 Einwohnern. Aber das ist nur ein Durchschnittswert. Während im Januar und November – also in der sogenannten Außersaison – nur ein paar Nebelkrähen den schier endlosen Strand bevölkern, platzt Warnemünde im August aus allen Nähten.

Dass das maritime Volksfest »Hanse Sail« mit seinen 150.000 Besuchern nur wenige Tage gedauert hat, fällt kaum auf. Bis zu 17 Fähren pro Tag bringen Touristen aus ganz Skandinavien zum nahegelegenen Rostocker Hafen, täglich schüttet mindestens ein Kreuzfahrtschiff Tausende Menschen hinter die Warnemünder Mittelmole. Der Intercity aus Berlin fährt im Zweistundentakt, dazu führen Direktverbindungen von Dresden, Leipzig und Wien zur Küste.

In Warnemünde drängen sich die Besucher vor allem am Alten Strom, der von kleinen Boutiquen und seeseitig von Fischerbooten umgeben ist, und auf der Promenade. Wenn sich allmorgendlich die Frühstücksbüfetts im 19etagigen »Hotel Neptun« und im benachbarten, fast ebenso viele Zimmer umfassenden »Aja-Resort« leeren, vermischen sich Tagestouristen und Hotelgäste zu einem gedrängten Menschenstrom, der sich über die Promenade ergießt. Im behäbigen Trott schiebt er sich an den aufgereihten Ferienwohnungen vorbei und verdünnt sich über die verschiedenen Strandzugänge, nur um sich hinter den Dünen zu einem engmaschigen Flickenteppich aus Decken, Strandmuscheln und Windwänden zu weiten.

Hier, am Strand, ist Warnemünde richtig voll. Die Unterteilung in Textil-, FKK- und Hundestrand, der Beachvolleyballplatz und die Trampoline tun ihr übriges: Jeder sucht den idealen Platz für sich, möglichst weit weg von den in regelmäßigen Abständen aufgestellten Mülltonnen und nahe den Strandimbissen. Unmittelbar am Wasser will man sich erholen, aber nicht auf dem nassen Sand. Überall werden Strandkörbe gegen den Wind gerückt, werden mit Gummihämmern Stoffwände eingepflockt und mit eilig ausgehobenen Gräben die Reviere abgesteckt. Jeder möchte seinen eigenen kleinen Rückzugsort am weiten Strand, der bei gutem Wetter gar nicht so weit erscheint.

Von der Ausflugsgaststätte »Wilhelmshöhe« im Westen oder vom Leuchtturm oder Riesenrad im Osten aus leuchtet der Strand in allen Farben. Nur am FKK-Bereich blinkt auch mal das Gelb vom Sand durch. Die Freikörperkultur soll bald einem Privatstrand weichen, ein Fünfsternehotel hat Interesse angemeldet. Allein schon das Gerücht sorgt für Unmut. Nackte Badegäste fühlen sich gegängelt und verbellen Bekleidete in den Textilbereich. Man ärgert sich, dass man mit Badehose am ganzen Strand entlang spazieren kann, sich nackt aber nur in dem steinigen Strandabschnitt aufhalten darf. Auch nichtsozialistische Nacktbader munkeln vom Untergang der ostdeutschen Lebensart.

Durch das Panoramafenster der Sauna im oberen Stock des »Nivea-Hauses« ist von all dem kaum etwas zu bemerken. Die Menschen hinter den Dünen sind nicht zu sehen, dafür die blasse Sonne am milchigen Abendhimmel, die sich auf dem Meer silbern spiegelt. Segler und Motorbote und manchmal auch Fähren ziehen Schneisen durch das Wasser. Schwalben kreisen vor der Fensterscheibe, Möwen kreischen von fern. Hier ist sie, die Ruhe, die man gesucht hat. »Und von wo aus Sachsen kommen Sie?« fragt der Chemnitzer plötzlich. Alles andere wäre auch zu schön gewesen.

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