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Aus: Ausgabe vom 27.08.2021, Seite 8 / Ausland
Bewegung von unten

»Sie wollen den Samen der Rebellion säen«

Delegation indigener Gruppen aus Mexiko reist für politischen Austausch nach Europa. Ein Gespräch mit Georg Rappen
Interview: Annuschka Eckhardt
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500 Jahre Widerstand und Rebellion: Zapatistas erobern die Straßen von Madrid (13.8.2021)

Eine zapatistische Delegation machte sich dieses Frühjahr auf und reiste nach Europa. Wer sind die Zapatistas? Und warum haben sie sich auf den Weg gemacht?

Die Zapatistas sind eine indigene Basisbewegung in Mexiko. Sie haben 1994 einen Aufstand gestartet, regieren sich selbst, geben sich eigene Gesetze und bauen in allen Lebensbereichen Stück für Stück basisdemokratische Strukturen auf.

Auf die Reise haben sie sich begeben, weil sie schon seit langem die Notwendigkeit sehen, dass sich Bewegungen von links und unten weltweit zusammenschließen. Unser Feind, das kapitalistische, rassistische, patriarchale System, ist ein weltweites, und wir können es nur im Schulterschluss gemeinsam wirkungsvoll bekämpfen. Deswegen wollen sich die Zapatistas überall mit Menschen vernetzen und einen Austausch schaffen. Sie wollen den Samen der Rebellion säen, wie sie es nennen, und andere dazu inspirieren und auffordern, sich zu organisieren. In Mexiko haben sie schon andere dazu animiert, zum Beispiel im Rahmen des Nationalen Indigenen Kongresses, wo mexikoweit ähnliche Autonomiebestrebungen und basisdemokratische Initiativen auf dem Vormarsch sind.

Nun sollte sie schon längst in Frankreich sein. Was ist dazwischengekommen?

Die zapatistische Vorhut, die mit dem Segelschiff reiste, ist im Juni in Vigo in Spanien angekommen. Es war ein symbolischer Akt: mit dem Segelschiff in eine Hafenstadt zu reisen, von der aus vor 500 Jahren viele Kolonisatoren losgefahren sind. Die Mitglieder sind auch nach Frankreich reingelassen worden. Aber der Großteil der Delegation, die aus 177 weiteren Personen besteht, wurde unter dem Vorwand von Corona-Einreisebestimmungen nicht in die EU gelassen. Von Frankreich in diesem Fall. Die Begründung ist, sie hätten keinen dringenden Grund zur Einreise, sie müssten eine offizielle Einladung vorweisen können. Sie haben zwar Tausende Einladungen von verschiedenen Organisationen, Kollektiven und Gruppen europaweit, auch schriftlich, aber sie wurden eben nicht auf institutionellem Wege ausgesprochen. Sie machen natürlich auch keine Geschäftsreise, sondern kommen zum Zuhören. Wahrscheinlich ist das Ganze politisch motiviert. Die rassistische EU-Außenpolitik macht eben auch vor den Zapatistas nicht halt und erkennt ihren Einreisegrund nicht an.

Am Freitag, den 13. August, gab es eine große Demonstration in Madrid und weitere Demonstrationen in anderen Städten. Worum ging es?

Der 13. August 2021 war der 500. Jahrestag der »Eroberung« von ­Tenochtitlán, der Hauptstadt des Azteken­reiches, durch die Spanier unter Hernán Cortés. Und das gilt heutzutage in der offiziellen Geschichtsschreibung als Jahrestag der Conquista. Der Hauptgrund für diese große Aktion zum 500. Jahrestag ist, zu zeigen, dass diese Annahme falsch ist, denn die Indigenen Mexikos wurden nie besiegt. Die Zapatistas zeigen der spanischen Krone: Ihr habt uns nie besiegt. Wir sind immer noch da. Wir leisten Widerstand gegen die Unterdrückung, auch wenn wir weiter vertrieben, entrechtet und getötet werden. Wir geben nicht auf! Und jetzt tragen wir die Rebellion dorthin, woher einst die Eroberer kamen.

Was wird hierzulande passieren, wenn die zapatistische Delegation in der BRD eintrifft?

Hier ist bundesweit ein riesiger Vernetzungsprozess im Gange, der die verschiedenen Kämpfe von links und unten verbindet. Wir reden da von Klimagerechtigkeits- und feministischen Bewegungen, antirassistischen Bewegungen, Antifa, Mietrechtskämpfen, Gewerkschaftskämpfen und vielem mehr. Wir wollen an den verschiedenen Orten, wo unsere Kämpfe stattfinden, mit den zapatistischen Delegationen zusammenkommen und einander zuhören. Daneben wird es auch ein paar größere Aktionen geben, zum Beispiel ein Tribunal gegen Bayer und Monsanto, eine Aktion gegen Rheinmetall sowie eine große Demo in Frankfurt am Main gegen verschiedene Akteure des Neoliberalismus.

Georg Rappen ist aktiv im Ya-Basta-Netzwerk

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