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Aus: Ausgabe vom 26.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Rock ’n’ Roll

Sie sollen tanzen

Der Fels unter den Stones: Zum Tod von Charlie Watts
Von Thomas Grossman
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Charlie Watts, souveräner Schlagzeuger der Rolling Stones (Prag, 4.7.2018)

Charlie Watts, der Drummer der Rolling Stones, der vielleicht nicht besten, aber wohl größten Rockband der Welt, ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 80 Jahren. Sein Londoner Biograph Bernard Doherty sagte der Nachrichtenagentur PA: »Mit großer Trauer verkünden wir den Tod unseres geliebten Charlie Watts. Er entschlief friedlich in einem Londoner Krankenhaus in der Mitte seiner Familie.« Anfang des Monats hieß es, dass Watts wegen medizinischer Probleme nicht auf die kommende USA-Tour der Band gehen werde. Im Juli hatte Watts erfolgreich eine Notoperation überstanden. Auch die Ex-Beatles Ringo Starr und Paul McCartney kondolierten. Drummerkollege Starr erklärte: »Gott segne Charlie Watts, wir werden Dich vermissen, Mann.« Und McCartney meinte: »Charlie war ein Fels in der Brandung und ein phantastischer Schlagzeuger.«

Watts war fast 60 Jahre lang Drummer der Stones. Er nutzte vier Trommeln, relativ wenig, verglichen mit etlichen anderen Bands. Das Musikmagazin Rolling Stone lobte Watts’ elegantes, »selten angeberisches« Spiel, das »swingende Grooves, straffe Four-on-the-Floor-Rhythmen und subtilen Impressionismus« bot. »Ich mag keine Drumsolos«, erklärte er einmal. »Ich bevorzuge, mit der Band zu spielen. Ich will einen Dancesound kreieren – es sollte swingen und federn.« Sein Bandkollege Keith Richards brachte Watts’ Bedeutung für den Sound der Band 1979 so auf den Punkt: »Jeder denkt, Mick Jagger und Keith Richards seien die Rolling Stones. Aber das ist nicht so. Man findet heraus, Charlie Watts ist die Stones.« Am schönsten illustriert das eine Anekdote, deren Echtheit nie ganz geklärt werden konnte: Als Mick Jagger vor Journalisten Watts als »seinen Schlagzeuger« bezeichnete, quittierte der die Unverschämtheit mit einer Ohrfeige und der Feststellung, er sei nicht Jaggers Schlagzeuger, viel eher sei Jagger sein Sänger.

Charles Robert Watts wurde am 2. Juni 1941 in London als Sohn eines Kraftfahrers geboren. Als Junge versuchte er Banjo zu spielen, was jedoch zu schwer für ihn war. Also benutzte er das Instrument als Trommel, bis ihm sein Vater einige Drums kaufte. Das Spielen lernte er, indem er den Jazzmusikern zuhörte, die er liebte – Miles Davis, Duke Ellington, Charlie Parker. Drei Jahre lernte er an der Harrow School of Art, die er verließ, um in der Werbung als Grafikdesigner zu arbeiten. 1962 ging er zu Blues Incorporated, einer Rhythm-and-Blues-Band von Alexis Korner. Das war eine sogenannte Kaderschmiede. Durch Korner lernte er Brian Jones kennen und über diesen Mick Jagger und Keith Richards. Diese gründeten die Rolling Stones, zu denen Watts im Januar 1963 stieß. Er gab der Band drei Monate, höchstens …

Binnen kurzer Zeit wurden die Stones eine der wichtigsten Bands der sogenannten British Invasion, die nach Europa auch die USA im Sturm eroberten. Insgesamt landeten die Stones in den nächsten Jahrzehnten in den USA neun Nummer-eins-Alben, in Großbritannien zehn. Darunter wohl ihre besten, die aufeinanderfolgenden »Let It Bleed« (1969), »Sticky Fingers« (1971) und »Exile on Main Street« (1972). So einen Lauf hatten sonst wohl nur die Beatles oder Bob Dylan. 1969 mussten sie den Tod von Brian Jones verkraften, der gerade aus der Band geflogen war.

Während seine Stones-Kollegen ihre Bad-boy-Images kultivierten, war Charlie Watts zurückhaltend und gab kaum Interviews. Er verabscheute den Poprummel. 1964 heiratete er Shirley Ann Shepherd, die beiden blieben bis zu seinem Tod zusammen und haben eine Tochter. Aber auch Watts hatte Mitte der 80er Jahre eine Phase, in der er mit Alkohol, Amphetaminen und Heroin kämpfte. Bis er betrunken eine Kellertreppe hinunterfiel. Anders als seinen Bandkollegen gelang ihm der Entzug durch eiserne Selbstdisziplin.

Watts spielte nicht nur bei den ­Stones, sondern auch in einer Reihe von Jazzbands, darunter im Charlie Watts Orchestra, einer Gruppe mit 34 Musikern. Doch er hatte auch andere Qualitäten. Als Designer entwarf er einige Albumcover sowie verschiedene Tourbühnen der Band. Privat züchtete er mit seiner Frau Araberpferde – sie besaßen über 250 davon.

Voriges Jahr wollte Watts mit den Stones in Nordamerika auf die »No Filter Tour« gehen, die wegen Corona nicht zustande kam. Statt dessen spielten sie im April 2020 digital ihren alten, passenden Hit »You Can’t Always Get What You Want« neu ein, jeder von seinem Heim aus. Watts letzte Aufnahme war der Song »Living in a Ghost Town«, ein Vorbote eines angekündigten neuen Stones-Albums.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (27. August 2021 um 10:17 Uhr)
    Zunächst war es für mich (Jahrgang 1947) sehr traurig, als ich gestern die Nachricht vom Tode von Charlie Watts erfahren habe. Charlie Watts war das Herz der Rolling Stones. er hatte sein Spiel so kultiviert, dass er kein Schlagzeugsolo benötigte, um die Anerkennung der Bandmitglieder zu erhalten, ebenso wie die Anerkennung und Bewunderung des Publikums und seiner Kollegen. Danke, Charlie, für den unnachahmlichen Groove.
  • Leserbrief von Klaus P. Jaworek aus Büchenbach (26. August 2021 um 10:54 Uhr)
    Wer hat überhaupt den Namen Charlie Watts schon mal gehört? Macht es da vielleicht im Zusammenhang mit den Rolling Stones ’nen kleinen Miniklick? Dieser Charlie Watts war in den letzten Jahren irgendwie so eine Art »Freizeitdrummer« bei eben dieser britischen Musikkapelle. Etwas bekannter dürften da schon der Sänger dieser Rentnerband, Mick Jagger (geboren 1943), und vielleicht auch ihr Gitarrist Keith Richards (gleiches Geburtsjahr) sein, der schon mal von einer Kokosnuss am Kopf getroffen worden sein soll. Dieser Kopftreffer war zwar nicht das Aus der Band, aber der Tod von Charlie Watts könnte es sein! »Time Is on My Side« (Komposition von Jerry Ragovoy, 1930–2011) war ein Millionenseller der Stones aus dem Jahre 1964. Goodbye Charlie!

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