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Aus: Ausgabe vom 26.08.2021, Seite 8 / Inland
Institutioneller Rassismus

»Erneut ein vermeidbarer Tod eines jungen Schwarzen«

Togolese stirbt in Hamburger Klinikum. Black Community sieht Parallelen zu Fall vor zwei Jahren. Ein Gespräch mit Brother Mwayemudza
Interview: Martin Dolzer
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Demonstration nach dem Tod von William Tonou-Mbobda (Hamburg, 25.5.2019)

In der Psychiatrie des Universitätsklinikums Eppendorf, kurz UKE, in Hamburg ist am 7. Juli ein Mensch aus Togo gestorben. Was ist genau passiert?

Der 38jährige Kokou Adzeh kollabierte nach Auskunft der behandelnden Ärzte in seinem Patientenzimmer und verstarb. Reanimationsversuche blieben erfolglos. Es wurde »Herzversagen« vermutet, obwohl vorher keine Herzerkrankung bekannt war oder festgestellt wurde. Vor seinem Tod hatte er immer wieder über starke Nebenwirkungen der in der Einrichtung verabreichten Medikamente berichtet und darüber, dass er sich schwach fühle. Bruder Kokou verstarb einen Tag nachdem ein zweites Antipsychotikum angeordnet worden war. Er war ein körperlich gesunder, junger Mann, bei dem keine Vorerkrankung am Herzen bekannt war.

Sie gehen davon aus, dass die Medikamente eine zentrale Rolle beim Tod des Mannes gespielt haben?

Diese Vermutung liegt nahe. Anti­psychotika sind dafür bekannt, dass sie unter anderem zu Nebenwirkungen am Reizleitungssystem des Herzens mit der Neigung zu schweren bis tödlichen Herzrhythmusstörungen führen können. Kombiniert man zwei solche Präparate miteinander, steigt die Gefahr solcher Nebenwirkungen.

Der Fall ist insbesondere deswegen von Bedeutung, weil im April 2019 der Kameruner William Tonou-Mbobda starb, nachdem er von Security-Mitarbeitern des Krankenhauses vor der Psychiatrie des UKE fixiert worden war. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Auch Bruder Tonou-Mbobda beschwerte sich über die verordnete Medikation und verweigerte diese, weil er vorher bereits eine allergische Reaktion darauf entwickelt hatte. Daraufhin sollte er zwangsbehandelt werden. Allerdings starb er schon vorher, der dazu notwendige Antrag war noch nicht einmal abgeschickt worden. Auch bei seinem Tod trat eine schwere Herzrhythmusstörung auf.

Die Autopsie seiner Leiche wurde in der UKE-Rechtsmedizin, also klinikintern, durchgeführt. Im aktuellen Fall liegen der Familie die Ergebnisse der Autopsie noch nicht vor. Sowohl der Tod von Bruder Tonou-Mbobda als auch der von Bruder Kokou sind Anzeichen für schlechte Rahmenbedingungen im UKE, wie ein schlechtes therapeutisches Verhältnis, unzureichende Zeit für die Sorgen von Patienten, die Unterschätzung unerwünschter Arzneimittelwirkungen oder mangelhafte Sorgfalt in Diagnostik und Therapie.

Wie wurde der Tod von Tonou-Mbobda vor gut zwei Jahren seitens der Landesregierung und der Justiz aufgearbeitet?

Die Hamburger Staatsanwaltschaften leugneten die strafrechtliche Relevanz der offensichtlichen Versäumnisse bei der ärztlichen Sorgfaltspflicht und ignorierten objektive Beweise und Zeugenaussagen zum Tatgeschehen. Darüber hinaus attestierten sie dem Sicherheitspersonal eine »Lebensrettungsabsicht« bei der Tötung und berücksichtigten nicht einmal die Verstöße gegen die Leitlinie bei der Fixierung in Bauchlage. Der Zynismus des wissenschaftlichen Ausschusses des Landesparlaments ging sogar so weit, dem UKE zu bestätigen, dass es im Zusammenhang mit dem Tod von Bruder Tonou-Mbobda »alles richtig gemacht« habe.

Was erwarten Sie im jetzigen Fall von den Behörden?

Ehrlicherweise müssen wir nach unseren Erfahrungen von einer Kultur der Verantwortungslosigkeit bei den zuständigen Institutionen ausgehen. Das zeigt sich allein daran, dass auch dieses Mal wieder das UKE selbst die rechtsmedizinische Untersuchung durchgeführt hat. Die mangelhafte Aufarbeitung im Fall Tonou-Mbobda hat nun erneut zu einem vermeidbaren Tod eines jungen Schwarzen geführt, der Patient in der UKE-Psychiatrie war. Diese Art von wiederholtem systematischen Fehlverhalten ist eine Form »professioneller« Fahrlässigkeit und Teil des institutionalisierten Rassismus in der Medizin, der von der »Black Community Coalition for Justice & Self-Defence« kritisiert wird. Patientenautonomie und kompetente Gesundheitsversorgung müssen für alle Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe gewährleistet werden.

Brother Mwayemudza ist Aktivist der »Black Community Coalition for ­Justice & Self-Defence«

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