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Aus: Ausgabe vom 25.08.2021, Seite 7 / Ausland
Endlagersuche Frankreich

Sommercamp gegen Atomindustrie

Frankreich: Austausch und Proteste in Bure. Standort soll Endlager für nuklearen Müll werden
Von Luc Śkaille, Bure
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Der Wut Ausdruck verliehen: Der potentielle Castor-Umschlagplatz in Gondrecourt-le-Château (21.8.2021)

In Deutschland ist die erste Phase der »neuen« Endlagersuche für hochradioaktiven Atommüll mit Beendigung der »Fachkonferenz Teilgebiete« im August abgeschlossen worden. Ähnlich wie hierzulande entpuppt sich die Beteiligung der Öffentlichkeit auch im Atomstaat Frankreich seit Jahren als Farce. Vor allem in Bure, 150 Kilometer entfernt der deutschen Grenze in der französischen Region Grand Est gelegen, formiert sich seit langem Widerstand gegen die Entscheidung, den Ort als Atommüllendlager auszubauen.

Noch bis Donnerstag beteiligen sich dort rund 1.000 Menschen an einem Protestcamp unter dem Namen »Les Rayon­nantes« – die Strahlenden. Schwerpunkt des selbstverwalteten Camps ist eine Stärkung widerständiger Orte gegen das vermutlich größte Industrieprojekt in Mitteleuropa. In Frankreich geht es bei der Endlagerung immerhin um rund 80.000 Kubikmeter hochradioaktiven Mülls – bis dato. In Workshops, Vorträgen und Aktionen werden Strategien für die im September anvisierte »Öffentlichkeitsbeteiligung« debattiert.

Schon in den 90er Jahren wurde sich auf den Standort in Grand Est festgelegt. Statt drei unterschiedliche Gesteinsformationen – Granit, Salz und Ton – auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, wie es das »Bataille-Gesetz« von 1991 vorschrieb, ermöglichten millionenschwere »Begleitzahlungen« die Etablierung des »Industriellen geologischen Speicherzentrums« Cigéo. Kritik wächst, seit der »Forschungsstandort« zum faktischen Endlager entwickelt wird. Auch die Umweltbehörde sprang den betroffenen Kommunen im Januar zur Seite, als sie einen Antrag auf Gemeinnützigkeit der französischen Atommüllagentur Andra konterte: Weder ökonomische noch ökologische Gesichtspunkte seien im Vorantrag (DUP) zum Bauantrag ausreichend berücksichtigt worden.

Die Anerkennung des DUP, die das Tiefenendlager als »von öffentlichem Interesse« festlegt, würde Enteignungen ermöglichen. Nachdem Andra bereits 3.000 Hektar Land für oberirdische Infrastruktur und den Bau der neuen Castortrasse erwarb, sind weitere Landstriche bedroht. Unter anderem das Gelände des alten Bahnhofs von Luméville, wo die Rayonnantes derzeit protestieren. Ein Novum für die Umweltbewegung in Frankreich bei den Protesten ist die Anwendung einer von dem Antikohlebündnis »Ende Gelände« inspirierten »Fingerstrategie«. Am Sonnabend zogen in dieser Formation vier unterschiedliche Gruppen von je 200 Aktiven in Maleranzügen nach Gondrecourt-le-Château, wo Andra eine frühere Möbelfabrik zum Castorumschlagplatz umbauen will. Der Zugang zur Innenstadt wurde durch Polizeieinheiten verhindert, einem »Finger« gelang es nach der Demontage und Verbiegung eines größeren Gleisabschnitts, in den Standort einzudringen: Zurückgelassen wurde ein frischer Anstrich und zerschlagene Fensterscheiben.

Im Vergleich zur Repression der vergangenen Jahre hielt sich die Staatsgewalt zurück. Dennoch gab es den üblichen Tränengaseinsatz, und die Begleitperson einer Rollstuhlfahrerin wurde am Kopf von Schlägen getroffen. Zudem setzte die Polizei Überwachungsmittel wie IMSI-Catcher ein, mit dem Mobiltelefone identifiziert und verfolgt werden können. In einem Schnellverfahren sprach das Gericht in Bar-le-Duc am Montag ein Aufenthaltsverbot gegen die einzige festgenommene Person aus.

»Wir haben eine intensive Zeit gehabt und erfolgreich protestiert«, resümierte eine Teilnehmerin, die anonym bleiben möchte, gegenüber jW. Für Jean-Michel, einen Projektgegner aus Gondrecourt, war die Aktion ebenfalls ein Erfolg: »Viele junge Leute kamen aus allen Teilen Frankreichs und machen Mut für den kommenden Protest. Teilweise wurde organisatorisches Chaos sichtbar, doch die jungen Leute werden an ihren Erfahrungen wachsen.«

Und es steht bald weiterer Protest an: Mit einer Demonstration und Aktionstagen in Metz an der Mosel geht der Protest rund um Cigéo vom 1. bis 3. Oktober weiter.

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