Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Mittwoch, 27. Oktober 2021, Nr. 250
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 23.08.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Kapitalmarkt

Gut geschmiert

Zahlreiche Unternehmensgründungen und -pleiten in der BRD. Berlusconi größter Investor für Berliner Startups
Von Steffen Stierle
9999.jpg
Wohin mit all dem Geld: Der ehemalige italienische Premierminister Silvio Berlusconi setzt finanziell derzeit auf Berliner Startups

Klagend über Bürokratie und Steuerlast schauen die Wirtschaftsführer der BRD meist neidisch ins Silicon Valley. Milliardenschwere Hightechkonzerne von Weltformat, so was hätte man hierzulande auch gerne. Ein deutsches Facebook, Google oder Amazon, das wäre was. Dabei schießen die Startups längst wie Pilze aus dem Boden. Das Gros der Gründer hatte entweder schon vor der Gründung eine pralle Geldbörse. Oder Silvio Berlusconi im Rücken.

Der Reihe nach: Dass Deutschland europaweit einer der attraktivsten Standorte für junge, technologieaffine Unternehmensgründer ist, hat jüngst die Beratergesellschaft McKinsey herausgefunden. Analysiert wurde, wo die 1.000 erfolgreichsten unter den nach der Jahrtausendwende gegründeten Unternehmen ihren Sitz haben. Die meisten, 319, finden sich demnach in Großbritannien. Deutschland liegt, wenn auch etwas abgeschlagen, mit 149 Erfolgsgründungen auf Platz 2. Dicht gefolgt vom deutlich bevölkerungsärmeren Frankreich, wo 143 der erfolgreichsten Neugründungen registriert wurden.

Allerdings handelt es sich bei den deutschen Startups laut der McKinsey-Untersuchung im Vergleich um besonders potente Unternehmen. Mit durchschnittlich 743 Beschäftigten liegen sie deutlich über dem Durchschnitt der Topgruppe. Der Unternehmenswert der hiesigen Durchstarter überschreitet mit 1,14 Milliarden Euro den europäischen Durchschnitt um fast ein Drittel. »Startups müssen viel stärker als die Zukunft des Rückgrats der deutschen Wirtschaft gesehen werden – und das ist der deutsche Mittelstand«, wurde Tobias Henz von der Münchener McKinsey-Filiale am Freitag in Die Welt zitiert.

Selbst die Coronapandemie kann dem neuen deutschen Gründergeist bislang wenig anhaben. Statistiken zeigen, dass die Zahl der neuen Marktteilnehmer 2020 gegenüber dem Vorjahr kaum zurückgegangen ist. Rund 165.000 neue Unternehmen waren registriert worden. Eine beeindruckende Zahl, wobei im gleichen Jahr mehr als 150.000 Unternehmen hierzulande von der Bildfläche verschwunden sind. Verschiebungen gibt es vor allem zwischen den Sektoren. So sind insbesondere in jenen Branchen deutlich weniger Unternehmen gegründet worden, in denen es auch besonders viele Insolvenzen gab: Gastronomie, Handwerk, Kunst. Einen ordentlichen Bedeutungsschub in der deutschen Wirtschaftsstruktur erfahren derweil Bereiche wie E-Commerce, Kommunikations- und Informationstechnologie sowie die Pharmaindustrie.

Die Entwicklung zeigt: Die Ära der alten weißen Männer neigt sich dem Ende. Die Zukunft gehört, na ja, jungen weißen Männern. Die natürlich auch alt werden. Der Anteil der Altersgruppe 25 bis 34 Jahre liegt unter den Startupchefs laut Statistischem Bundesamt bei fast 50 Prozent, die Frauenquote bei gerade einmal 15,9 Prozent. Fast 90 Prozent der jungen Chefs sind deutsche Staatsangehörige. Die Zahlen der Statistikbehörde zeigen zudem, dass man, um zur neuen Wirtschaftselite zu gehören, aus gutem Hause stammen und eine ordentliche Portion Eigenkapital mitbringen sollte: 78,4 Prozent der Startups wurden über eigene Ersparnisse finanziert.

Andererseits zeigen die McKinsey-Zahlen, dass die deutschen Durchstarter im internationalen Vergleich besonders gut in der Akquise von Fremdkapital sind. Durchschnittlich 223 Millionen Euro haben sie gegenüber 164 Millionen im Europa-Vergleich eingesammelt. Vor allem die größten unter den neuen Unternehmen tun sich leicht mit der Suche nach Geldgebern. Das hat viel mit der Vorliebe eines italienischen Großinvestors für den Berliner Markt zu tun: der vielfache frühere Premierminister Silvio Berlusconi.

Zwölf der 20 deutschen Einhörner – Unternehmen mit weniger als zehn Jahren auf dem Buckel und einem Wert größer einer Milliarde – grasen in der Bundeshauptstadt. Und niemand ist an so vielen dieser Konzerne beteiligt wie Berlusconis Holding Italiana Quattrodicesima (H14). Der milliardenschwere, von Berlusconis Sohnemann geleitete Familienfonds ist mit mehr als 230 Millionen US-Dollar an Berliner Startups wie Trade Republic, Wefox, Sennder oder Getyourguide beteiligt, wie die Berliner Zeitung vor einer Woche mit Verweis auf eine unveröffentlichte Recherche des Wagniskapitalspezialisten Redstone berichtet hatte.

Untersucht wurden demnach Daten zu 1,5 Millionen Startups. Die Analyse habe gezeigt, dass insgesamt 23 Investoren an mindestens zwei deutschen Jungunternehmen mit Milliardenwert beteiligt sind. »Nur wenigen ist bekannt, dass das Family Office der Berlusconi-Familie einer der aktivsten und erfolgreichsten europäischen Venture-Capital-Investoren in Deutschland ist«, sagte Marcus Schroeder, Partner bei Redstone, laut Berliner Zeitung.

Dabei folgt die Familie Berlusconi dem gleichen Motiv wie andere Investoren, die derzeit Milliarden nach Berlin pumpen: Rendite. Lukrative Anlagemöglichkeiten sind in Zeiten von Krise und Niedrigzinsen rar. Die Startupszene ist ähnlich überhitzt wie der Wohnungsmarkt, in den ebenfalls immer schneller immer mehr Kapital fließt und die Preise in die Höhe treibt. Wie überlebensfähig die jungen Erfolgsunternehmen sind, wenn die Kapitalströme wieder anders fließen, muss sich zeigen.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Ob in Italien oder in der BRD: Bill Gates ist der »Antichrist« (...
    07.09.2020

    An Berlin angeknüpft

    Anticoronademonstration in Rom »solidarisiert« sich mit deutschem Auflauf. Einfluss des faschistischen Lega-Chefs schwindet
  • »Obwohl das Biest mich nicht nachahmt, sieht es mir sehr ähnlich...
    06.06.2016

    »Diese Leute waren einfach dumm«

    Berlusconis Fernsehkanäle und die Gemütlichkeit der Hausbesetzer. Ein Gespräch mit Blixa Bargeld und Teho Teardo
  • Giorgio Napolitano (2. v. l.) forcierte als rechte Hand des Gene...
    15.01.2015

    Der NATO liebster Kommunist

    Giorgio Napolitano hat abgedankt. Der langjährige Funktionär der Italienischen Kommunistischen Partei bekleidete annähernd neun Jahre das Amt des Staatspräsidenten. Eine Renegatenkarriere.

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Die XXVII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz findet am 8.1.2022 als Präsenz- und Livestreamveranstaltung statt. Informationen und Tickets finden Sie hier.