Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Mittwoch, 27. Oktober 2021, Nr. 250
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 23.08.2021, Seite 6 / Ausland
Flucht in die EU

Verhungert und verdurstet

Dutzende Menschen auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln dem Tod überlassen. Mehr als 400 Tote auf dieser Route 2021
Von Carmela Negrete
66666.jpg
Mit dem Leben davon gekommen: Ein Geflüchteter wird nach seiner Rettung in eine Klinik gebracht (Las Palmas, 11.8.2021)

Von einem »Schiffsunglück« ist die Rede bei zahlreichen Nachrichtenagenturen und Medien. Mehr als 52 Flüchtende starben vergangene Woche demnach bei einer »Tragödie« auf dem Weg von Westafrika zu den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln. Derartige Wörter implizieren, hier habe es sich um ein zufälliges, nicht zu vermeidendes Ereignis gehandelt, als seien die Gründe für den Tod dieser Menschen, die 13 Tage lang auf dem Atlantik herumirrten, nicht in strukturellen Problemen zu suchen. Am 3. August sollen sich die 53 Menschen aus Guinea, Mali, Senegal und der Côte d’Ivoire mit einem Boot nahe Laâyoune, der Hauptstadt der Westsahara, auf den Weg zur rund 130 Kilometer entfernten Insel Fuerteventura gemacht haben, wie zahlreiche spanische Medien berichteten. Auf den Weg ging ihnen der Treibstoff aus. Mehrere Schiffe sollen ihnen begegnet sein, doch habe niemand eine Notrettung veranlasst.

Bis auf eine Frau kamen alle Insassen des Bootes nach und nach ums Leben, da ihnen Nahrung und Wasser ausgingen. Die Frau, die den Alptraum überlebt hat, kam am Donnerstag in Mauretanien an Land. Laut der spanischen Onlinezeitung ­eldiario es hat die Frau nun Angst, von der mauretanischen Armee zurück nach Mali deportiert zu werden. Aus dem westafrikanischen Land häufen sich Berichte von Flüchtenden, die in der Wüste ausgesetzt und zum Sterben zurückgelassen werden. Und dennoch versuchen immer wieder Menschen auf dieser Route Richtung Kanaren verzweifelt ihr Glück; einige Flüchtlingsorganisationen bezeichnen sie als die gefährlichste Fluchtroute der Welt. Wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen am Freitag berichtete, sollen allein im laufenden Jahr mindestens 428 Menschen, darunter 64 Frauen und 25 Kinder, auf diesem Weg gestorben sein. Im vergangenen Jahr starben insgesamt 1.700 Menschen beim Versuch, die spanische Küste zu erreichen.

Am Freitag wurden zudem elf Menschen von der spanischen Küstenwache südlich von Gran Canaria gerettet, wie die Nachrichtenagentur Efe berichtete. Innerhalb einer Woche sind über diese Route 592 Flüchtende auf den Kanaren eingetroffen. Das Kanarische Netzwerk für die Rechte von Migranten stellte gegenüber der lokalen Zeitung Canarias 7 fest, dass die Infrastruktur auf den Inseln keine würdige Behandlung der Ankömmlinge gewährleisten könne. Bis August habe sich die Anzahl Asylsuchender, die die Kanaren erreicht haben, gegenüber 2020 mehr als verdoppelt. Eine der Gründe, die die NGOs für den Anstieg nennen, ist die gegenwärtige Krise im Senegal. Offenbar leiden dort viele Fischer unter ausgezehrten Fischgründen, verursacht durch Fischereischiffe ausländischer Konzerne.

In der spanischen Linken ist der Unmut über die Zustände auf den Kanaren groß. Spanische Aktivisten des Netzwerks Caravana Abriendo Fronteras, das Dutzende Menschenrechtsorganisationen vereint, reisten im Juli auf die Kanaren und protestierten dort gegen die Migrationspolitik der Behörden. Die rund 300 Aktivisten verzierten die Fassade der »Frontex«-Zentrale in Gran Canaria mit einem Transparent, auf dem die Namen von 40.000 im Mittelmeer gestorbener Menschen zu lesen waren. Zudem kippten sie rund 150 Kilo Pferdekot vor die Türen der EU-»Grenzschutzagentur«.

Zumindest die Situation der Geflüchteten nach ihrer Ankunft auf den Kanaren scheint sich inzwischen verbessert zu haben. Wurden Anfang des Jahres unter Verweis auf pandemiebedingte Restriktionen noch Tausende Menschen auf den Inseln festgehalten, soll die Verteilung auf das spanische Festland mittlerweile besser funktionieren. Geflüchteten-NGOs zeigen sich dennoch besorgt, da insbesondere die Anzahl von Minderjährigen, die sich auf den gefährlichen Weg über den Atlantik machen, stark zugenommen hat.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Weiterreise auf das Festland gefordert: Rund 700 Geflüchtete aus...
    13.04.2021

    Das neue Lesbos

    Kanarische Inseln: Neuer Hotspot für Geflüchtete. EU schafft Bedingungen wie in Griechenland und Italien
  • Siegesgewiss gegen die Tyrannei des marokkanischen Regimes: Kämp...
    18.02.2021

    Wechselnde Gegner, gleiche Front

    Der Krieg um die Westsahara ist erneut aufgeflammt. Die dortige antikoloniale Bewegung kämpfte gegen Franzosen und Spanier und wehrt sich seit Jahrzehnten gegen Marokko. Hintergründe eines vergessenen Konflikts
  • Gerettete Migranten in einem Beiboot im Hafen von Málaga am Mont...
    04.02.2020

    Abgeschoben in die Wüste

    Spanien weist Geflüchtete nach Mauretanien aus. »Linke« Koalitionsregierung erschwert Zugang zu Asyl für Jemeniten

Mehr aus: Ausland

Die XXVII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz findet am 8.1.2022 als Präsenz- und Livestreamveranstaltung statt. Informationen und Tickets finden Sie hier.